Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 7 (1843)
- Issue
- Heft 42 (16.10.1843)
- Date
- 1843-10-16
- Page
- Seite 624 (sequence 4)
- Language
- German
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624 jüdischen Religionsverbande absondern, allein Jsraelite heißen, und sich von allen den Israeliten unterscheidenden Uebungen befreien wollen, ist ein Widerspruche Vergebens würde man da auch vergeben, die abzuschaffenden exklusiven Gebräuche auf die „verwerflichen" zu beschränken, 'wenn nicht die Merkmale angegeben werden, nach denen eine Handlung als verwerflich anzusehen sei. Und andrerseits beweisen die bereits gethanen Schritte, daß die Mieder dieses Vereins nichts Heiliges anerkennen, und selbst die Beschneidung verwerfen, die doch seit 36 Jahrhunderten ein vorzügliches Unterscheidungsmittel der Abrahamiten ist. Allein die Israeliten, denen ihre Religion und moralische Existenz, deren wundervolle Erhaltung ihnen so vieles Blut, so viele Leiden und Entbehrungen durch den langen Zeitraum vieler Jahrhunderte gekostet hatte, theuerer ist als das Leben, haben das Recht, ihre Religion, ihr Priesterthum, ihren Ruhm, ihr väterliches Erbgut noch länger zu erhalten; sie müssen und dürfen jene unter ihren Brüdern, welche durch eine Erklärung der Abstellbarkeit oder der Nothwendigkeit der Abstellung der exklusiven Gebräuche, ihre Religion und moralische Existenz gefährden, für Abtrünnige ansehen. Auch werden diese SchismatiVer kein Recht zu Klagen und Beschwerden haben, wenn die 'Orthodoxen sie als Abtrünnige ansehend, ihnen die allgemeine Menschenliebe nicht entziehend, sich in religiöser Beziehung allen Verkehrs mit ihnen enthalten, und ihnen allen Einfluß auf die Angelegenheiten der Religionsgemeinde und der öffentlichen Erziehung ihrer Kinder entziehen werden. Gehen, wir nun zur Würdigung der Gründe und Motive, welche die sogenannten Reformatoren zur Rechtfertigung ihrer eigenen Handlungsweise anführen, über. „Sie sind zu der Ueberzeugung gekommen, daß unter „den an das heutige Judenthum geknüpften praktischen „Vorschriften, die meisten auf-menschlichen, zeitlich be- „schränkten Voraussetzungen beruhen.' Während sie das „Aeußerliche zum größten Lheil als geistig unberechtigt, „ja zuweilen als einer höheren Gesittung unwürdig an- - „erkennen, haben sie sich allgemach von der Theilnahme . „am heutigen Judenthum moralisch losgesagt, und „sind nur noch durch Gewöhnung, durch die Kontrole „des Staates, durch eine aus Familienempfindungen „hervorgehende Anhänglichkeit, äußerlich an die mosaische Religionsgemeinschaft gefesselt. Verderblich und „unmoralisch ist dieser Zustand, denn so lange der „Mensch in der Gesammtheit lebt, soll er auch äußerlich und praktisch dasjenige, was er innerlich ist, . „darzustellen suchen." . Während auch wir anerkennen, daß das gegenwärtige Judenthum manche, durch ^den frommen' Geist und die tiefe Weisheit der alten Sanhedrin nach dem Bedürfnisse der geänderten Zeiten und den von Moses selbst traditionell überkommenen Normen in den Mosaismus einverleibte Modifikationen und Zusätze, ferner auch manche, in späteren Zeiten unter dem Einflüsse einer fremden Kultur eingeschlichene Lehrsätze enthalte, glauben wir jedoch, daß die Ueberzeugung jener sogenannten Reformirten von der unsrigen sehr verschieden sei; da sie erklären, dem heutigen Judenthum ganz entsagt-zu haben, und wir sie sogar von der Beschneidung sich. lossagen sehen, von welcher wol Niemand behaupten wird, sie fei dem Judenthum erst später angefü'gt worden, da es geschichtlich notorisch ist, daß das Judenthum nie ohne die Beschneidung bestanden habe. Wir wollen hier nicht versuchen, die Ueberzeugung dieser Männer in theologischen Diskussionen zu prüfen und zu widerlegen, da wir nicht wissen, welche Prinzipien von ihnen anerkannt seren und welche nicht. Wüßten wir, daß sie annehmen, Gott habe sich wirklich Mosen offenbart, so würden wir ihnen mit Mendelssohn antworten: ' „Persönliche Gebote, Pflichten, die dem Sohne Israels „ohne Rücksicht auf Tempeldrenst, im Landeigeuthum in ' „Palästina auferlegt worden sind, müssen so viel wir ein- „sehen können, strenge nach den Worten des Gesetzes „beobachtet werden, bis es dem Allerhöchsten gefallen wird, „unser Gewissen zu beruhigen, und die Abstellung der- „selben laut und öffentlich bekannt zu machen." Allein überzeugt, daß ihnen der Ausspruch nicht unbekannt sein könne, müssen wir glauben, daß ihre Prinzipien von denen Mendelssohns und den unsrigen verschieden seien;' da wir übrigens nicht wohl zu bestimmen vermögen, welches denn ihre Prinzipien seien, so hatten wir es für unsere Pflicht, ihre Ueberzeugung zu schonen und uns jeder unfruchtbaren Diskussion zu enthalten. Was wir jedoch zu bestreiten , ja zu leugnen keinen Anstand nehmen, ist jener Grundsatz, welchen sie geradezu ohne Bedenken, wiewol ohne Beweis anfstellen: „so lange „der Mensch in der Gesammtheit lebt, soll er auch äußer- „lich und praktisch, dasjenige, was er innerlich ist, dar- „zustellen > suchen." ' Jene z. B. welche vorzugsweise von der neueren Kultur Nutzen geschöpft haben, so daß sie zur Ueberzeugung gelangt sind, alles um uns her sei nur Phänomen und