Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 7 (1843)
- Issue
- Heft 41 (9.10.1843)
- Date
- 1843-10-09
- Page
- Seite 617 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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617 Korrespondenz. Creseld, 18. Sept. Die Zeit, wo Gelehrsamkeit allein den Rabbinen hinreichend befähigte, wo die Thätkgkeit deffelben sich höchstens darauf beschränkte, zu wachen, daß die Gesetze und Gebrauche nicht verletzt werden, diese Zeit hat das nun erwachte Judenthum aus der Gegenwart gestrichen. Eine neue Aera hat, wie die zivillsirten Völker zum Selbstbewußlsein, so auch die Juden aus-dem lethargischen Schlafe, worin sie die physische Gewalt eingewkegt hatte, geweckt; sie duldet die fähigsten Männer in Israel nicht als stumme, müßige Zuschauer. Die Zeit zum Reden und Handeln ist gekommen. Der Stubengelehrte ohne äußere Thätkgkeit kann dem heutigen Juden nicht frommen. Das praktische Leben fordert seine Rechte.MDie jüdischen Geistlichen sollen die Glaubensgenoffen,bei ihrem Streben, sich aus der Niedrigkeit' und einer unverschuldeten Abgeschlossenheit zu erheben, wozu sie der Druck und die Schmach finsterer Jahrhunderte herabgewürdigt hat, kräftigst unterstützen, und mit den Waffen der Vernunft und der Gerechtigkeit die Fessel, welche d'ie Juden jetzt noch schmerzlich empfinden, zu lüften sich bemühen. Die obsoleten Vocurtheile - besiegen, die bereits erworbenen Rechte vertheidigen, und die Gleichstellung der Juden in' bürgerlicher und politischer Beziehung mit den übrigen Unterthanen des Reiches erringen helfen, das ist, neben der treuen Erfüllung ihres göttlichen Berufes, die Aufgabe der Gegenwart an die Vorstände des mosaischen Kultus. Zu den Wenigen, welche diese Aufgabe zu lösen versucht haben, dürfen wir mit Recht zählen den uns am 4. Sept. d. I. durch den Tod entrissenen Oberrabbkner Herrn ür. Ullmann. Lion Ullmann war geboren zu S;. Goar am 3: Dezember 1804. Seine unbemittelten Eltern bestimmten ihn, den der Tod unter mehreren Söhnen verschont hatte, aus reinem Pietismus dem geistlichen Stande. Von seiner zarten Jugend an wurde er zu dem Studium der jüdischen Theologie angehalten. Herangereift zu größern Fähigkeiten, genoß er den Unterricht in trpDlDi rvDbM '‘nnä mehrere Jahre hindurch bei dem seligen Rabbinen N. Ellinger in Bingen. Hier mit Allem vertraut gemacht, was zur Verwaltung eines Rabbinats erforderlich ist, wurde ec gleichsam als Assistent vom seligen' Landrabbiner C. H. Mengenberg nach Darmstavt berufen. Acht Jahre lang -verwaltete er unter' diesem Gelehrten, lernend und lehrend, das dortige Rabbineramt. Seine Thätigkeit und Pünktlichkeit, seine Ordnungsliebe, welche ihm bis zu seinem letzten Augenblicke in gleicher Stärke blieb, erwarb ihm die Liebe feiner Umgebung, und sein eifriges Studium und unermüdliches Forschen belohnte Mengenberg mit der welche durch die Bestätigung der Rabbiner Wormser zu Michelstadt und Ellinger zu Mainz — beide durch Gelehrsamkeit und frommen Lebenswandel gleich ausgezeichnet-volle Gültigkeit und Rechtskraft erhielt. —Bald erkannte Ullmann, daß außer dem talmudischen Wissen gründliche Kenntnisse in der theologischen Philosophie und allgemeine wissenschaftliche Bildung eine unbedingte Nothwendigkeit ist für einen Rabbinen der Jetztzeit, der ihren Ansprüchen zu genügen , strebt. Mit unermüdetem Fleißf und ausdauerndem Eifer den Vorkenntnissen obliegend, erlangte er die Reife zur Universität in nicht langer Zeit, und im Jahre 1829 begab er sich nach Bonn, um an der dortigen Hochschule sich in den zur Theologie gehörenden Wissenschaften und besonders in der orientalischen Philologie auszubilden. Ohne den Forschungen, welche zur damaligen Zeit das Judenthum neu zu beleben begannen, fremd zu bleiben, studirte er daselbst bis zum Jahre 1834. Hier fand sein Geist besondere Nahrung durch nähern Umgang mit seinen Kommilitonen, welche, spater seine Kollegen, in der gelehrten Welt sich einen Namen erworben haben. Von Bonn begab er sich nach Giesen, und erwarb.sich .dort am 20. Mai 1835 den Titel Doctor philosopliiae. So nun vielseitig gebildet und mit den nöthkgen Kenntnissen tüchtig ausgerüstet, begann er seine praktische Laufbahn zu Koblenz. Seine dort gehaltenen Vorträge, und seine Verdienste um die Bildung der Jugend gewannen ihm die Liebe und das Vertrauen der dortigen Gegend, so, daß die Juden des Regierungsbezirks Koblenz Schritte thaten, um einen eigenen Sprengel zu gründen, an dessen Spitze der selige Ullmann gestellt werden sollte. Unüberwindliche Hindernisse vereitelten diese frommen Wünsche. Mittlerwelle wurde das Rabbinat zu Crefeld vakant. Unter den vielen konkurrlrenden Aspiranten, welche in diesem größten Sprengel der Rheinprovinz ein hinreichendes Feld zur Entwicklung ihrer Kräfte und ihrer Thätigkeit sahen, fiel die am 23. November 1835 gesetzlich stattgefundene Wahl auf den HeM Df. Ullmann. Am 11. März 1836 wurde er, - nach