Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 7 (1843)
- Issue
- Heft 33 (14.8.1843)
- Date
- 1843-08-14
- Page
- Seite 494 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3225281-3225315--05434-3236087- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
VLHrt Ovar Mm -Genossen -es Staatsvevbandes, allen Staatsbürgern, doch müssen Fremdlinge dir Bedingungen Pch gefallen lassen, unter welchen ihnen der Aufenthalt unter uns nur gestattet ist, und solche Fremdlinge' sind die Juden -unter uns Christen. Diese Ansicht ist grundfalsch. — Die Wohnsitze ihrer Borfahren waren früher am Rheine aufgeschlagen, als dieder von Osten her eingewanderten germanischen Stämme, von denen wenigstens Viele unter uns ihre Abstammung herleiten mögen, wie die historische Einleitung zu diesem Referate nachgewiesen hat; und dann frage man sich, ob dieselben nicht durch das Edikt vom 11. März!l8t!2 für ganz Preußen sowol, als durch die früheren Gesetze in Frankreich, im-Großherzogthum Berg und im Königreich Westphalen zu Staatsbürgern geworden sind, wenn auch dis dahin ein mehr als anderthalbtausendjähriges Domizil den Charakter der Fremdlinge ihnen nicht benommen haben sollte. Die Antwort ergiebt sich von sselbst. Ferner chört man vielleicht einwenden: die Religion der Juden enthalte Grundsätze, welche der sozialen Drdyung im Staate widerstreiten; solche Behauptungen-werden gewöhnlich gestützt auf die Aussprüche -einiger Talmudisten; allein wenn wir dagegen die-Vorschriften des mosaischen Gesetzes, in welchen auch wir den göttlichen Ursprung nicht verkennen, wenn wir die Aussprüche so vieler anderen jüdischen Autoritäten, wenn wir die offiziellen Erklärungen des lm Jahre 1866 in Paris versammelten Sanhedrin nicht unbeachtet lassen wollen, so dürfen wir die Meinungsäußerungen jener Talmudisten wol ebensowenig dem ganzen Judenthum in Anrechnung -bringen, als wir uns selbst und dem ganzen Christenthum die Zurechnung von antisozialen Äußerungen christlicher.Schriftsteller wollen aufbürden lassen. Wenn endlich die Juden unter uns in Treue rmd Gehorsam gegen den Landesherrn, in Achtung und Befolgung der Gesetze, in Beförderung gemeinnütziger Zwecke, in Handlungen der Wohlthätigkeit hinter den Christen häufig in keiner Weise Zurückbleiben, so müssen die Beschuldigungen der antisozialen Grundsätze, welche ihre Religion enthalten soll, wol als völlig unbegründet erscheinen. Manchmal wird auch der niedrige Bildungsstand der Juden, besonders in sittlicher Beziehung, als ein Grund angegeben, daß sie zur bürgerlichen Gleichstellung mit dem Christen wenigstens noch nicht, 'befähigt seien; es ist dieses ein iGrund, der stets -bei.allen Völkern und zu allen Zeiten vorgeschoben worden ist, wo es galt, die-.Emanzipation einer unterdrückten Menschenklasse zu verhindern. Referent hat ihn mehr als einmal in vollem Ernste gegen die Emanzipation der Katholiken in Irland Vorbringen gehört; wer erinnert sich-nicht-des nämlichen Einwandes gegen die Emanzipation wer Griechen in der Türkei? wer. hört ihn nicht noch alltäglich Vorbringen gegen die Freistellung der Farbigen inden überseeischen Ansiedelungen der Europäer? und gewiß werden die Braminen in dem nämlichen Grunde eine Stütze suchen, die Emanzipation der Parias-und der übrigen untergeordneten Kasten der Hindus zu hintertreiben , sobald diese einmal zur Sprache > kommt, was doch hoffentlich auch nicht ausbleiben wird. Die Unhaltbarkeit dieses Grundes wird am besten durch Beispiele widerlegt. Wie manchen Juden unter uns müssen wir in Beziehung auf den Standpunkt der-Zivilisation und Sittlichkeit, welchen sie einnehmen, unsere volle .Achtung zollen! Und wenn dagegen manche andere -noch auf sehr tiefer Stufe stehen, so ist dieses leider auch noch der Fall mit sehr vielen Christen. — Bei benachbarten Nationen sehen wir Juden, welche sich würdig gemacht haben, die höchsten Ehrenstellen zu bekleiden; in England erblicken wir einen Moses Montesiore als Sheriff von London, in Frankreich, Belgien und Holland sehen wir Juden als Kriegs-Obersten und Generale, Mitglieder der Deputirten-Kammer, Konsuln, Professoren-, Richter, Staats-Prokuratoren, Advokaten und Notarien, Angestellte in den Ministerien rc.; sollten sie wol in-dem Vaterlande eines Moses Mendelssohn in Gesinnungs-Fähigkeit und Charakter hinter jenen zurückstehen? Endlich glaubt man, die Gleichstellung der Juden widerspreche den Grundsätzen eines christlichen Staates, oder gar dem Christenthume könnten Nachtheile daraus erwachsen. Der oberste Grundsatz des Christenthums ist: alle Menschen ohne Unterschied des Glaubens als Brüder zu lieben; der Staat, der diesen Grundsatz als seine Grundlage anerkennt, hat «demnach die Verpflichtung, diesen Grundsatz ins Leben zu rufen und die Idee zur That werden zu lassen. Es ist aber die Göttlichkeit dieser Idee, ihre Unübertrefflichkeit als Grundlage der Sittlichkeit, der gesellschaftlichen Ver-