Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 7 (1843)
- Issue
- Heft 32 (7.8.1843)
- Date
- 1843-08-07
- Page
- Seite 474 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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474 stadt belegene neue Hospital wird, wol im nächsten Monat seiner Bestimmung übergeben werden. Die zu unserm Staate gehörigen Juden zu Ritzebüttel haben den Senat um Aushebung des dort noch bestehenden Schutzgeldes gebeten, die Supplik war von dem Amtmann Senator Sieveking mit unterzeichnet, welcher zugleich erklärte von dem Schutzgelde, seinem persönlichen Emolument, schon jetzt keinen Gebrauch machen zu wollen. Der Senat hat indeß einen abschlaglichen Bescheid gegeben, mit dem Bemerken, daß gegenwärtig kein Zeitpunkt sei, um hierin etwas speziell zu verfügen, weil die Verbesserung der gesammten bürgerlichen Verhältnisse der diesem Staate angehörigen Juden nächstens verfassungsmäßig zur Sprache kommen werde. Die Entscheidung des siebenten Rheinischen Landtags hat nicht allein bei uns Juden einen sehr frohen Eindruck gemacht, sondern auch auf die hiesige allgemeine Stimmung wohlthatig gewirkt. Vielleicht zum ersten Male sind Deutsche inne geworden, daß man die Freiheit und Gerechtigkeit, die man für sich selbst fordert, auch Anderen nicht vorenthalten dürfe. Es hat freilich etwas lange gedauert, bis sie diese rabbinisch-evangelische Regel begriffen haben, aber besser spät als nie: in Hannover z. B. ist die Intelligenz vielleicht selbst heute noch nicht so weit. Die mindesten Resultate, die wir von diesem Ereigniß erwarten, sind: die Aufgebung aller Rückschritte, und das Verstummen aller der Skribenten nach dem Winde, mit ihrer Volks-Abneigung, Idiosynkrasie, Unverträglichkeit der Rayen, dem ausschließenden Christenstaate u. s. w. und eine neue Belebung der Juden selbst für ihre eigene Sache. Es ist jetzt der Kommiffionsbericht an die Unterzeichner der bekannten, von der patrizischen Gesellschaft veranlaßten Reform-Petition vom 8. Juni 1842 erschienen, worin auch unter dem Kapitel Verfassungs-Reformen, die Judenfrage ziemlich flau abgehandelt wird. Die Majorität und Minorität dieser Kommission haben Seperatvota abgegeben, die darin übereinstimmen, daß eine Verbesserung der jüdischen Verhältnisse nicht länger aufgeschoben werden könne. Die Majorität erklärt sich für vollständige Gleichstellung, will sich indeß allenfalls allmäliger Steigerung durch transitorische Verfügungen gefallen lassen. Die Minorität hingegen ist für ein beschränktes Bürgerrechf, Gewerbefreiheit u. s. w., doch Ausschluß von allem Einfluß auf den Staat selbst. Der von der Majorität angerufene Satz, daß gleiche Pflichten gleiche Rechte bedingen, wird mit der Bemerkung beseitigt, daß es dann wol nur darauf ankommen könne, die minderberechtigten Staatsglieder eines Theils ihrer Pflichten zu entledigen und der von Rießer neulich bei einer öffentlichen Debatte in Bezug auf die jüdische Nationalität hingeworfenen Aeußerung, unser Staat nehme Engländer zu Bürgern auf, ohne daß sie aufhörten, aus dem brittischen Nexus zu treten, wird entgegen gesetzt, daß, falls man die Ueberzeugung habe, jene Engländer betrachteten sich nicht als durch ihren hamburgischen Bürgereid völlig gebunden, so dürfe man sie nicht weiter aufnehmen oder ihnen keine vollen Rechte gewähren. Mit wie vieler Aufrichtigkeit diese beiden Phrasen gemeint sind, lassen wir dahin gestellt. — In Altona ist neulich zum erstenmal ein Jude Bürger und (Schuhmacher-) Meister geworden. Der Bau unseres Tempels ist so weit gediehen, daß das Gebäude jetzt unter Dach kommt. Die Damen des Tempeloereins haben zur Anfertigung verschiedener Verzierungen, z. B. einiger Schrein- Vorhänge, Pulpet- und Kanzeldecken u. s. w. mehr als 1000 Thaler zusammen gelegt. Die von verschiedenen Seiten gemeldete Frankfurter kirchliche Insurrektion erregt hier Staunen, da einerseits wol jedermann es weiß, daß die Vernunftreligion gar keinen Kultus bedarf und man es andererseits nicht begreift, wie ein hochgeachteter Mann und Gelehrter seinen Namen auf diese Weise so lange kolportiren läßt, ohne sich auch selbst vernehmen zu lassen. Das Schicksal der russischen Grenzjuden erregt hier Mitleid, aber nur völlig ohnmächtiges. Was sollen wir ausrichten, wo selbst der Papst sein Latein verliert? Giebt es denn kein anderes Erziehungsmittel? Und soll einmal Gewalt gebraucht werden: warum europäisirt man diese Juden nicht lieber? Warum scheut man sich ihnen ihre Bärte, ihre Tracht, ihre frühen Heirathen, ihr Kauderwelsch zu rauben, und raubt ihnen doch den Unterhalt des Lebens und die angestammten Wohnplätze?-Aber hoffentlich wird sich die Maßregel als völlig unausführbar ausweisen.