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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1843-07-24 · Heft 30 (24.7.1843) · p. Seite 449

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
7 (1843)
Issue
Heft 30 (24.7.1843)
Date
1843-07-24
Page
Seite 449 (sequence 13)
Language
German
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449 Odessa. Auf seinem Wege dahin berührte er Berditscheff, und sowol da, als in Odessa, hielt er Ln den besuchtesten Synagogen bei ungemeinem Zudrang, mehrere Predigten, denen ein enthusiastischer Beifall zu Eheil wurde. Selbst auf die orthodoxen Zuhörer dieser Gemeinden, waren sie in so fern von entschiedener Wirkung, als ihre Gemächer bereits durch die jüngste bedeutsame Erscheinung des Herrn Dr. Lilienthal für derartige Kanzelvorträge einigermaßen empfänglich geworden. — Ueberdieß erwarben dem Herrn Dr. G. seine tiefe Gelehrsamkeit, wie seine tüchtigen talmudischen Kenntnisse, basirt auf achter Pietät und streng religiöser Observanz, allseitige Anerkennung. Auch nach Kischineff drang die Kunde seiner Leistungen, und da das Direktorat der hiesigen Schule grade vakant war, bot ihm der Schulvorstand einstimmig solches an, welchem ehrenvollen Rufe er auch Folge gab. Diese noch im Jahre 1839 errichtete Lehranstalt, worin die hebräische, russische und deutsche Sprache, Geschichte , Geographie, Arithmetik und Kalligraphie gelehrt werden, genoß seither einer leider nur sehr geringen Prosperität, und das aus zweifachem Grunde. Erstlich ist die Mehrzahl unsrer Gemeinde, wie die moldauische und wallachische Judenschaft überhaupt, von der größesten Unwissenheit umnachtet, die bei der ihnen eigentümlich trägen und indolenten Lebens-, Denk- und Gefühlsweise zu einem so starren Jndifferentismus gegen jegliches Wissen und europäische Gesittung! sich gestaltete, daß wir solchen schwerlich anderswo bei irgend einer orthodoxen Judengemeinde finden dürften. Die dasige Schule, lediglich auf Antrieb einiger Bessergesinnten und energischer Mitwirkung des geistreichen, vielseitig gelehrten Herrn B. Stern — Direktor der israelitischen Schule zu Odessa — unter höher» aufmunternden Schutz des edlen humanen, Kultur und Zivilisation unermüdlich fördernden und schaffenden Grafen Woronzoff, in's Leben gerufen, konnte daher von vorn herein nur geringen Anklang bei unserer Gemeinde finden. Dann ermangelte dieses Institut seit seiner Begründung eines obern Leiters, der durch streng religiösen Wandel sich Achtung bei der Gemeinde erringe, und zugleich mit tüchtiger Schul - und Sprachkenntniß begabt, diese Anstalt von Innen heraus auf eine Weise fördere und ausbilde, daß solche, ungeachtet des geringen Zuspruchs, mit dem kümmerlich Vorhandenen das Erforderliche leiste. Nun haben' wir in dem Herrn Dr. G. den Mann gefunden, der dieser allerdings schweren Aufgabe vollkommen gewachsen ist. Seine ächt rabbinische Lebensweise muß selbst vor der rigurosesten Orthodoxie tadellos erscheinen, und dürfte ihm mit der Zeit um so sicherer das Zutrauen der Gemeinde zuwenden, als letztere durch die von oben herab eingeleiteten, eine durchgreifende Verbesserung jüdischer Zustände, vorbereitenden Maßregeln, bereits wider Willen aus ihrer Letargie aufgerüttelt, vollends nach Realisirung jenes großartigen Projektes der allgemeinen geistigen Regeneration unsrer Glaubensbrüder in Rußland, nicht länger zu widerstehen vermöchte. Dagegen übt Herr Dr. G. bei seiner systematischen Wissenschaftlichkeit, schon jetzt den heilsamsten Einfluß auf die Lehrweise, und die ganze innere Organisation unsrer Schule, und der von ihm eingeführte und vorgetragene Religionsunterricht dürfte für die sittlich religiöse Ausbildung der Schuljugend von folgenreichster Wirkung sein. — Am 6. dieses fand die Installation des Herrn Dr. G. auf recht solenne Weise im Betsaale der Schule statt. In Anwesenheit des Herrn Direktors und der Herren Professoren des hiesigen Gymnasiums, mehrerer Notabilitäten aus dem ärztlichen und Apothekerstande wie eines zahlreichen jüdischen Auditoriums trugen zuerst sämmtliche festlich gekleideten Schüler ein schönes Gebet in deutscher Sprache vor, worauf Herr G. seine Antrittsrede hielt, in welcher er seine oratorischen Talente bekundete. In einem ungemein gediegenen und kraftvollen Vortrag entfaltete er das lichtvolle Bild der intellektuellen und sozialen Entwickelung unsrer Glaubensgenossen in dem eben von ihm verlassenen Deutschland, und hielt dagegen das trübe Gemälde der russischen in totaler Geistesunmündigkeit und gedankenlosem Glauben befangenen Judenschaft, wie sich ihm solche auf seiner Herreise sattsam manifestirte, vor; er führte der jüdischen Zuhörerschaft eindringlichst zu Gemüthe, wie ihre geistige und soziale und darum politische Versunkenheit nur ihrer schnöden Mißachtung der huldreichen Intentionen der hohen und allerhöchsten Regierung beizumessen sei, wie eben in diesem Moment die von den Gemeinden selbst gewählte Rabbinerdeputation, über ihre Geschicke im

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