Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 7 (1843)
- Issue
- Heft 29 (17.7.1843)
- Date
- 1843-07-17
- Page
- Seite 428 (sequence 8)
- Language
- German
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428 fluirenden Tendenzen der Zeit liegt nicht in Mangel an Bildung oder Bildungsfähigkcit der Gemeinden, sondern es wirken auch anderweitige Ursachen, welche wir bei einer andern Gelegenheit besprechen werden. M. D.....ß. S. Ujhely (Dberungarn), 21. Juni. (Privatmitth.) Da auch in diesen Blättern vor Kurzem von dem Kestenbaum'schen Institute die Rede war, so gestatten Sie mir wol, Etwas über hiesige Zustände und Bedürfnisse zu bemerken. Daß hier in Ujhely der Chassidismus Wurzel gefaßt, kann dem, der den verstorbenen Rabbinen und seinen großartigen Amulettenverschleiß gekannt, nicht auffallend sein. Es wird nicht im geringsten überraschen, wenn wir von den hiesigen Chassidim erzählen, wie sie in polnischer Tracht die langen m«s, triefend vom Wasser, weil sie eben aus der iriptt gekommen, Sabbat Morgens im Betmantel eingehüllt, Schwadron nach Schwadron, taumelnd vom übermäßigen Genuß der chassidischen Begeisterung, wir meinen des lieben Branntweins, durch die Gasse marschiren, und zum Gebete sich anschicken; es wird nicht befremden wenn wir erzählen, mit welchem Hohnlächeln sie jeden Nichtchassid betrachten, welche hohe Meinung sie von ihrem eigenen Werth haben, und wie sie beim Beten sich gebärden und Grimassen schneiden; es wird endlich Niemand Abends, wenn kühle Lüftchen wehen, und der stille Mond seine Lichtstrahlen der Erde entsendet, einen Sphärengesang in der bei nächtlicher Stille erklingenden Hymne zu vernehmen glauben, da er gleich die rauhen mit Branntwein gespühlten Kehlen der Chassidim erkennt, die, mondsüchtig, sich dem lieben Mond vermählen. Wir vermißten nur, als wir zum ersten Mal den wj? nsnb hörten, eine kleine Kesselpauke bei dieser Zeremonie, Wir vermißten nur die kleine, weil uns wohl bekannt ist, daß die große Kesselpauke sowol, als die Flöte nur beim iöttj? des ri-nrrn fungiren dürfen, da dieses Recht nur einem ausgerufenen Rebbesch zukommt, beide letzte Instrumente also mit dem Rebbesch zu Grabe getragen werden, und somit der ganze Glanz schwindet, wie es auch hier in Ujhely der Fall. Den Zudrang und die Menge derer, die beim hiesigen verstorbenen Rabbinen Heil suchten, giebt wol am besten dies Faktum, daß man^nach einem Jahre einen, in dem über seinem Grabe erbauten Hause befindlichen Kasten mit Bittgesuchen an den Verstorbenen angefüllt fand, um Abwendung dieses oder jenes Uebels. Daß es bei so vielen Frommen auch nicht an Spöttern fehlt, versteht sich von selbst. So fand sich unter andern ein Gesuch in ungarischer Sprache, worin der Bittsteller den Seligen um Beistand und Hilfe bittet, den Kör, einen Nationaltanz, erlernen zu können. Was wir vom Chassidismus in Ujhely gesagt, läßt sich fast auf alle Gemeinden des Szempliner Komitats, wie auf den ganzen Strich, längs der galizischen Gränze mit mehr oder weniger Ausnahme anwenden. So finden sich im Szempliner Komitate viele Chassidim zu Tokai, Herestur, Torzal, Mada und Patak. Den Chassidim in dieser Gegend stehen gegenüber die Indifferentsten. Ein Menschenschlag, der, das Joch abschüttelnd, einem der Kette entlaufenen Sklaven gleicht, der in ungebundener Lust sich herumtummelt, lebend und fröhnend den Begierden des Augenblicks, ohne an ein Weiteres zu denken. Diesen Herren geht jedes Gefühl ab, ihr selbstisches Ich ist die Axe, um die all ihr Thun und Treiben sich dreht, und der Beweggrund all ihrer Handlungen. Da findet sich bei ihnen nicht die geringste Begeisterung zu irgend einem guten Werke, und stehen sie. hierin den Chassidim weit nach, die wenigstens ein lebendiger Eifer beseelt, der, so er einst die wahre Richtung erhält, fruchtbringend und wohlthuend werden kann. Gehen wir in eine nähere Untersuchung ein, woher diese beiden Uebel Indifferentismus und Chassidismus ihr Entstehen dahier haben, so finden wir, daß Unwissenheit und verwahrloste Erziehung einerseits, und Eigendünkel und Glanzsucht anderseits die wahren Quellen sind, von denen das Unheil ausströmt. Sieben Uebeln zu begegnen und sie vom Grunde aus zu heben, hat der selige Raphael Kestenbaum von Pelojte, Szempliner Komitats, außer einem Fonds von 200,000 F. W. W. zur Gründung eines allgemeinen Krankenhauses nebst mehren Legaten, noch eine Summe von 100,000 F. W. W. zur Veredlung und Heranbildung der Juden in diesem Komitate bestimmt, und das löbl. Komitat als Willensvollstrecker in seinem Testamente ernannt. Das löbl. Komitat,