Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 7 (1843)
- Issue
- Heft 29 (17.7.1843)
- Date
- 1843-07-17
- Page
- Seite 427 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3225281-3225311--05361-3236010- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
427 Sklaverei nicht hat erstickt werden können'; es zeigt uns aber auch den Weg, wie,, wir unsererseits zu diesem Ziele Mitwirken sollen. Wenn es wahr ist, daß diese Fortschritte in Sitte und Bildung von den Lagen datiren, wo ein LH eil der alten Fesseln gefallen ist, so dürfen wir vertrauen, daß sich die Fortschritte verdoppeln von dem Lage ab, wo die letzten Schranken fallen werden. Ehren wir erst nur die einfachen Rechte des Menschen und Bürgers in dem Juden, so wird er bald sich selbst achten, und fühlen, daß es noch andere Güter zu erringen und zu wahren giebt, als das Geld, und ein anderes Feld für seine Thätigkeit als den Schacher." Oesterreich. Groß-Canischa, 25. Juni. (Privatmitth.) Zum Beweise, wie ungleichartig die modernen Zeitbestrebungen im Gebiete des Judenthums hier zu Lande Platz greifen, möge folgendes Beispiel dienen. Wahrend in hiesiger Gemeinde — gewiß eine der intellegentesten in ganz Ungarn — die Reformbestrebungen in Bezug auf Schule und Gottesdienst schon lange in Aufnahme sind, wurde in der einige Stationen von hier entfernten Stadt K.y ein hartnäckiger Prozeß geführt über die Abschaffung des sogenannten Schulklopfens. Während die eine Parteiden Schulhammer zur ewigen Ruhe verwiesen wissen wollte, wollte die andere auf dessen süße Melodie und harmonisches Getöse bei der Einladung zum Schulengehen nicht verzichten. Der Prozeß dauerte lange und kostete beiden Parteien ein schönes Geld, bis endlich die Antischulenklopflaner siegten. Der Prozeß dauerte über ein halbes Jahr und die Herren Advokaten verstehen die Zeit und wissen sie zu benutzen. — Ich nehme bei Mittheilung dieser nur dem Anscheine nach geringfügigen Sache Gelegenheit ein Wort über den Standpunkt der religiösen Bildung unserer Glaubensbrüder im Ungarnlande im Allgemeinen beizufügen. Wer den progressiven Gang der israelitisch-religiösen Bildung in Deutschland seit dem Ende des verflossenen und dem Anfänge unseres Jahrhunderts verfolgt, dem werden sich drei hervorspringende Momente in seinem Ueberblicke darbieten, die er als Stadien in dem religiösen Bildungsprozeffe bezeichnen kann. Die erste namhafte Thätigkeit in dem erwähnten Bildungsprozesse zeigte sich in der Reformation der Schule, wo man sich im Grunde nur die sich aufdringende zeitgemäße Bildung hübsch fern vom Leibe hielt und sie auf . die zarten Kinder als (abulae rasae übertrug. Dieser Thätigkeit folgte die äußerliche Reform des Gottesdienstes und als deren nothwendiges Korrolar die Anstellung zeitgemäß gebildeter Rabbiner und Prediger. Dadurch ist das erwachsene Geschlecht -,die Männer von zwanzig Jahren und darüber" in die Zeitbildung eingegangen und haben sich das Recht erworben als Kinder der Gegenwart mit der Gegenwart zu sprechen und von derselben Rechte in kleinerem oder größerem Maßstabe zu verlangen. -In der That wer Menschenrechte will, muß ein rechter Mensch sein, ein rechter Mensch ist man nur dann, wenn man die Gegenwart begreift und in ihr zu leben versteht. — Als drittes Stadium in dem israelitisch-deutschen religiösen Bildungsprozeffe, das in der neuern und neuesten Gegenwart hervortritt, kann die Angriffsnahme wichtiger synagogaler Religio nsformen und Lehrbegriffe gelten, was vor der Hand mit größerer oder kleinerer Herzhaftigkeit im Gebiete der Wissenschaft' sich kund giebt, nirgends aber praktische Resultate geliefert hat. Das und so ist auch der naturgemäße Entwicklungsgang; nur ein Gott vermag zu sprechen: „es werde" und es steht da, der Mensch aber muß bei seinen Schöpfungen schauen, bauen, kauen und verdauen.— Fragen wir nun/ wo stehen unsere ungarischen Glaubensbrüder? so müssen wir den Eintritt in das dritte Stadium als noch gar nicht begonnen, den Eintritt in das zweite nur für sehr wenige, und in das erste vielleicht noch nicht für den dritten Theil der ungarischen Gemeinden gelten lassen. Das nördliche Ungarn, das gegen Polen zuliegende, hält noch den Zeittendenzen gegenüber am negativen Pole fest. Im südwestlichen Ungarn regt sich wol ein löblicher Eifer für Errichtung neuer Schul- und Unterrichtsanstalten, dieser Eifer findet aber zugleich seine Gränzen in diesen Bestrebungen. Wol erstehen hier und da Tempel in neuem Style, aber ein prachtvolles Gotteshaus ohne wenigstens ästhetisch geregelten Gottesdienst deckt die auf der Form desselben liegende Schmach gerade wegen des grellen Gegensatzes noch mehr auf. Der Grund dieses lässigen Eingehens in die jedenfalls auf Forderung der Emanzipation in-