Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 7 (1843)
- Issue
- Heft 29 (17.7.1843)
- Date
- 1843-07-17
- Page
- Seite 422 (sequence 2)
- Language
- German
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422 Was ist nun eben das Gefährliche in der Kritik? Da sie ihren Gegenstand nothwendig zerlegt und zersetzt, jtz seine Theile zergliedert: so geht hierbei der Geist des Ganzen verloren, der Organismus verliert sein ^eben, und es bleibt unter dem Messer des kritischen Anatomen nur ein Aggregat todter Theile neben einander. Er hat hiermit die Möglichkeit sich entschwinden lassen, aus dem Zerlegten das Ganze wieder zu rekonstruiren. Denn der Physiolog weiß, daß er wol aus dem Begriff des Ganzen das Wesen der Glieder begreifen kann, daß es aber unmöglich ist, aus den Gliedern sich das Ganze zu kombiniren. Würde der Kritiker den entgegengesetzten Weg gehen, würde er vor Allem die Erscheinung in ihrer Totalität zu erfassen versuchen, und nur unter dem Einfluß der Ganzheit stets auf die Einzelnheiten operiren, in wie weit diese mit dem Wesen der Ganzheit übereinstimmen oder ihm widersprechen: so könnte sein Resultat ein günstiges sein. Freilich ist dieser Modus der schwierigere, freilich könnte hier der Arbeitende von einem falschen Begriff des Ganzen sich verführen lassen, so daß feine ganze Arbeit irre geht. Allein dies würde augenblicklich Lu's Auge fallen, und jedenfalls gefährdet er die Existenz und die Wahrheit nicht so, wie die Kritik, wie sie gewöhnlich und bis jetzt geübt worden. Sehen wir z. B. auf die Kritik des Pentateuchs. Sie ist lediglich davon ausgegangen, in den einzelnen Stücken die Widersprüche unter einander aufzusuchen. Am meisten fielen chronologische Irrungen auf, dann scheinbare Widersprüche in den einzelnen Gesetzesstücken, zuletzt suchte man den Geist der einzelnen Theile als einen völlig verschiedenen darzusiellen. Auf diese Weise gelang es, den Pentateuch in 24 Stücke zu zerreißen, bald ganz verschiedenen Zeitaltern zuzuschreiben, Authentizität abzusprechen, und das, was bereits über drei Jahrtausende das kräftigste Leben geübt, als einen Haufen bunter Lappen liegen zu lassen. Und dennoch war des Ganzen Lebenskraft dadurch nicht gemindert, und lag wie ein Zauber auf jedes Darangehenden Geiste! — Dabei über rühmten sich diese Kritiker, die vor den Bäumen den Wald nicht sahen, der Vorurtheilslosigkeit, der Aufklärung, des Freimuths, ja der Freiheit. Als wenn die Negation nicht auch zum Vorurtheil, zur Binde, zum Gefängniß werden könnte. Sobald wir aber davon ausgingen, die Einheit iw Pentateuche zu begreifen, die Einheit der Idee, des Zwecks und des Geistes: so steht die Sache auf völlig entgegengesetzter Linie. Sobald wir erkannt haben, daß die einheitliche Idee ist: die Erkenntniß des einigen Gottes und des Rechts durch unmittelbare Mittheilung Gottes an den Menschen; daß der einheitliche Zweck ist: die Erziehung und Bildung eines Volkes zu dieser Erkenntniß; daß der einheitliche Geist kst: die Negation der Abgötterei und des in die Ausschweifungen der Sinnlichkeit versunkenen Lebens — und wir finden diese Idee, diesen Zweck und Geist auf eine ununterbrochene Weise, in völligem Zusammenhänge und ohne innern Widerspruch durchgearbeitet: so können wir die Totalität und Ursprünglichkeit nicht wieder aus den Augen verlieren. Von hier aus werden wir zuvörderst die großen Partieen des Ganzen, die unter das Ganze subsumirten größeren Organe: die Geschichte, die Lehre, das Gesetz, ihrem Geiste und Wesen nach durchforschen, wir werden in der Geschichte (die im Pentateuch aufgestellt ist,) den Vorsatz jenes Zweckes aufzufinden, in der Lehre die vollständige Negation der Abgötterei, in dem Gesetze die Zurückführung des versunkenen Lebens in fest bezeichnete Schranken des Rechts und der Sitte, in allen diesen Theilen die Idee der Offenbarung ausgeführt zu sehen suchen — um zu der Ueberzeugung zu gelangen, daß diese Organe auch den ganzen Organismus auf logische und in sich einige Weise bilden und znsammensetzen. Dann erst werden wir uns in das Speziellste versenken, und überall dessen Wesenheit, Nothwendigkeit, Färbung von seiner Stellung zum Ganzen betrachten. Es ergiebt sich dann von selbst, daß wir auf einzelne mangelhafte Notizen, auf einzelne, sich widersprechende Daten, .auf kleine Aeußerlichkeiten durchaus den Werth nicht legen werden, daß sie als Widersprüche der Ganzheit geltend gemacht werden dürfen. Wir werden dann nicht vergessen, den Charakter der Zeit, in der das Werk entsprungen, in Bezug auf Schriftstellerei und Darstellungsweise, und die Schicksale, die das Buch durchgemacht, zu würdigen, um kleino Auswüchse, Flecken, abnorme Gebilde, die auf der Oberfläche liegen, und in das Innere der Organe nicht dringen, leicht als solche zu erkennen und zu übersehen. Wir haben hier nur skizziren wollen. Diese konstruirende Kritik scheint uns die allein richtige, und Früchte tragende, deren Resultatnicht ist: die Zersetzung dessen, was doch immerfort ein Ganzes bleibt, sondern: das Ganze vor den Einzelnheiten zu retten, und die Einzelnheiten vom Ganzen aus zu verstehen.