Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 7 (1843)
- Issue
- Heft 28 (10.7.1843)
- Date
- 1843-07-10
- Page
- Seite 406 (sequence 2)
- Language
- German
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406 zu sprechen. — Dies ist also das große Ziel, nach welchem die Frankfurter Nihilisten streben, und mit . welchem Ziele^sie von Anfang an auch; unsren Bestrebungen feindlich entgegentraten. Man muß gestehen, handelte es-sich hier nicht um Hochheiliges, wir fänden viel Pudelnärrisches darin. Ob die Leute Anhänger findend . Wir glauben es. Denn wo es stch um Bequemlichkeit, um Leerheit, um Inhaltslosigkeit'handelt, wie fände man da nicht gleich bereitwillige Thoren, die ihre Hand bieten, noch dazu, da es nichts weiter gilt— als eine Unterschrift, die man morgen wieder vergessen hat, da doch kein Banquerout folgt, wenn man sie nicht honorirt. Während man also in Frankfurt am Main Unterschriften sammelt zu einer — Nichtreligion, zu einem Schein- und Unding: berichten die Zeitungen aus Posen Entgegengesetztes. Wir stellen hier, ohne weiter dafür einzustehen, eine Korrespondenz der „Deutschen Allg. Zeitung" her, die die Sache kraß auffaßt: „Toller und Aufsehen erregender ist das religiöse Treiben unter unfern Juden. Der neue Moses, Pleßner, fährt fort, in der hiesigen 'Synagoge zur großen Erbauung der sogenannten schwarzen, d. h. altgläubigen, aber zum eben so großen Verdrusse der aufgeklärtem Juden zu predigen. Indessen ist die Zahl jener überwiegend, und der große Prophet, wie sie ihn nennen, wird von ihnen auf den Händen getragen. Sie haben bereits eine große Summe Geld zusammengebracht und ihm geschenkt, und außerdem sind jetzt geeignete Schritte gethan, um ihn für immer hier zu fesseln. Wo er sich nur zeigt, umringt den Propheten eine große Schaar seiner Anhänger, die durch ihn und seine Lehre unmittelbar in Abra-. ham's Schoos zu gelangen überzeugt sind. Kenntnißreiche und aufgeklärte Israeliten sprechen darüber öffentlich ihre Mißbilligung aus; sie bezüchtigen Pleßner des Obskurantismus und nennen ihn einen verrückten Schwärmer, der die abergläubische Menge bethöre; aber ihre Stimme verhallt wirkungslos. Schreiber dieses ist unlängst selbst in die Synagoge gegangen und hat die Ueberzeugung gewonnen, daß es unmöglich sei, mehr Unsinn mit so viel Feuer und Phantasieblitzen vorzutragen,, als es bei.Pleß. ner der Fall ist. Er predigt den starrsten Rabbinksmus mit dem ganzen Gefolge von leerem Formelwesen und führt seine Zuhörer in die finstern Gänge der Kabbala; daneben speit er, wie ein spanischer Kapuziner, Feuer und Flammen gegen jeden Versuch einer Reform des Judenthnms. Wohin d.ieser Spektakel hier noch führen wird, ist zur Zeit nicht abzusehen; jedenfalls wird eine Spaltung die Folg'Edavon sein. , Die Regierung läßt Pleßner bis jetzt frei.gewähren. Unter den jüngeru Juden geben ihn viele für einen schlauen Betrüger aus, der darauf ausgehe, seinen Säckel zu füllen; das möchte ich jedoch bestreiten, da er ganz den Anblick eines wilden Fanatikers darbietet." — So ungeziemend mehre Ausdrücke in diesem Artikel sind, so wird man uns wegen seiner Aufnahme um so weniger schmähen können, als der Skribent um Pleßner's willen auch auf uns in einem frühem Artikel in derselben Zeitung schmähete. Da nämlich früher in einem Aufsätze Pleßner von einem unsrer Korrespondenten sehr hoch gestellt worden, berücksichtigte er nicht, wie anderweitig Pl. in seinen extravaganten Ansichten von uns gewürdigt und kritisch beleuchtet wurde. Jndeß dies ist Nebensache. Das Wahre ist: Pleßner hat in Berlin, seinem vieljährigen Wohnort, Freunde, Anhänger, Bewunderer, aber keine — Ernährer gefunden. Er machte jetzt eine Rundreise, fand auch in Hamburg, Mainz, Frankfurt am Main Beifall — aber keine nur irgend seinen Bedürft nissen befriedigende Stellung. Jetzt hat er sich nach Posen gewendet, findet hier einen größer« Anklang, eine nachhaltigere Begeistrung, und wird dort angemessen fixirt werden. Daß Pleßner nicht im entferntesten auf. pekuniären Vortheil denkt, daß er aber nothwendiger Weise seiner zahlreichen Familie auch Brod schaffen muß, und daß dies auf seine religiösen Ansichten, denen er schwärmerisch ergeben ist, nicht im geringsten instuirt, weiß ein Jeder. Ueberhaupt ist Pleßner eine, edle Persönlichkeit, die, welcher Meinung man auch beipflichtet, Achtung gebietet. Wenn nun von der einen Seite Pleßner insofern eine wohlthätige Erscheinung ist, als er, dem Jndifferentismus und der Leerheit gegenüber, einen tiefen Fonds, einen wahren Gehalt hat: so ist er doch hinwiederum durch seine Extravaganzen, durch die Mystik, die er dem Formelwesen einprägt, mit einem Worte durch seinen polnisch-russischen Chassidismus, in welchem er, wie wir es früher gezeigt, zugleich sich selbst vergöttert und zu einer schrankenlosen Arroganz sich steigert, wohl im Stande, höchst nachtheilig zu wirken, und vom Allgemeinen in einen Partikularismus sich zu werfen, wie ihn. nur frühere Jahrhunderte auf's krasseste hervorgebracht. Ueberschauen wir, in rechter Mitte weilend, diese Erscheinungen mit einem Blicke, und erwägen ihren Werth für das allgemeine Judenthum: so sehen wir nue-darin — Gewicht und Gegenwicht, Druck und Gegendruck, in-