Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 7 (1843)
- Issue
- Heft 24 (12.6.1843)
- Date
- 1843-06-12
- Page
- Seite 353 (sequence 5)
- Language
- German
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353 der Hoffnung hin, daß es über dem Grabe des verstorbenen Oberrabbiners Tiktin zu einer friedlichen Verständigung und Versöhnung kommen werde. Wer mochte an die Möglichkeit einer so fortgesetzten Verblendung glauben, wer meinen, daß man eine hartnäckige Konsequenz in Partcizwecken jener Eintracht vorziehen würde, durch weiche allein das gesammte Judenthum innerlich erstarken und so auch in unserem Vaterlande die Stellung als ein Recht in Anspruch nehmen kann, welcher es bei innerer Zerrüttung, Zerfahrenheit und Zerrissenheit mehr und mehr verlustig gehen muß? Die Liktin'sche Partei — wir wissen keine andere Bezeichnung — strebt unausgesetzt dahin, sich als Gemeinde in der Gemeinde zu bilden und formell zu organisiren. Durch ihre Absonderung ist die Zeit nahe gekommen, daß die Gemeinde die bisher freiwillig getragene Last der Armenpflege an die Kommune wird übertragen müssen, weil der Ausfall der Beiträge von etwa .190 Familienvätern zu namhaft ist, um neben ihren stehenbleibenden Verpflichtungen jene Ausgabe weiter tragen zu können. Es heißt, daß diese Partei einen neuen Rabbiner bereits gewählt hat, und wenigstens zur Wahl fest entschlossen ist. Wir können unmöglich an einen solchen, mit älteren und neueren Gesinnungen offenbar in Widerspruch stehenden Akt glauben. Bon der: Elbe, 7. Juni. (Privatmitth.) Eine eigenthümliche Erscheinung bleiben die 18 und 9 Fragen, welche die Regierung an die israelitischen Gemeinden gestellt hat. Man denke — an jede Gemeinde, und bestehe sie aus vier Familien, von der Memel bis an die Alpen! Welch' eine Masse von Beantwortungen, welch' ein neues Tohu waboha erst hieraus! Und nun von welchem verschiedenen Kaliber werden die Beantwortungen sein! Wer wird der Herkules sein, das zu sichten, in Reih' und Glied zu stellen! Wer wird die Beurtheilung haben, welche Antworten zu berücksichtigen seien, denn nach der Seelenzahl wird sich die Qualität der Antwort auch nicht richten!-Wie einfach wäre der Weg gewesen, wenn das Ministerium von den jüdischen Gemeinden jeder Provinz einen Deputirten hätte wählen lassen, die zusammen in Berlin jede Frage debattirt und responsirt hätten! Oesterreich. Lemberg, 4. Mai. (Privatmitth. Schluß.) Am 30. Mai v. I. ward die Anstalt, in Gegenwart des für alles Gute in der» Gemeinde eifrigst bemühten hochachtbaren Herrn Hofrathes und Kreishauptmannes Ritter von Millbacher, des k. k. Rathes und Bürgermeisters von Festen bürg, des k. k. Rathes und Polizei-Adjunkten Lorenzi, und mehrerer Räthe des Lemberger-Magistrats, so wie im Beisein festlich gekleideter Zuhörer aller Glaubensgenossen, und des Frauenkranzes des Vereins feierlich eröffnet, wobei Herr Dr. Barach von der eigends im Garten errichteten, mit Blumen und. Teppichen dekorirten Tribüne einige Worte über den Zweck, die Nothwendigkeit und Folgen dieser Anstalt, an die Versammlung richtete, welche einen tiefen unvergeßlichen Eindruck hervorriefen. Hierauf verrichteten die in einem Halbkreise stehenden Zöglinge, unter Leitung ihres Lehrers*), Lirr- Gebet für ihren Wohlthäter** •**)). , Der Anblick dieser Unglücklichen, die vor Kurzem keine Lagerstätte, kein mildthätiges Auge, keinen Haltpunkt ihres physischen und moralischen Seins fanden, weckte in jedem ruhigen Beschauer die Idee über die Flüchtigkeit alles menschlichen Glückes, über die Nothwendigkeit dieses Asyls für jene, denen ein frühzeitiges Grab ihre Eltern verschlang, und die Himmelsperle des edleren Gefühles erglänzte dann in so manchem Auge. Hierauf folgte: Die Ansichtigung der Anstalt,- in der sich die reinlichsten Bettstätten, die Chiffoniers zur Aufbewahrung der Kleidungsstücke, das Speise- und Lehrzimmer der Waisen, die Wohnung für den Lehrer, so wie die Küche und Wohnung für den Waisenwarter befinden. *) Derselbe muß in der Anstalt wohnen, die Mittagsbespeisung erhält er daselbst mit den Zöglingen, und wird durch zwei Aojunkte und einem polnischen Lehrer unterstützt. •**) Um das Andenken theurer verstorbener Personen auf immer im Segen zu erhalten, wird in der Anstalt für Verstorbene, auf Verlangen, der Sterbetag mittelst Anzündung einer eigenen Lampe gefeiert, und von den Waisenknaben die Seelenandacht abgehalten werden (§.XXXder Instruktion).