Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 7 (1843)
- Issue
- Heft 20 (15.5.1843)
- Date
- 1843-05-15
- Page
- Seite 291 (sequence 3)
- Language
- German
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291 Inhalt unser intellektuelles und gemüthlicheS Dasein wurzeln und äufrauken lassend Doch wohl nicht. Wir wären sonst blind im Vaterhause. Für die, welche so kurzsichtig sind, geschichtliche Bestände von vier Jahrtausenden mit dem reichsten Lebensinhalte, mit einer fortdauernden Entwickelung, nach einzelnen Bruchstücken, die ihnen in die Hände fallen, zu beurtheilcn, und daher mit frechem Uebermuthe das Ganze für Trümmerwerk auszuschreien? Diese Bemühung ist sehr lobenswerth, wenn sie auch schwerlich erfolgreich ist, aber, sie kann nicht unsre Hauptaufgabe sein, wir fegten dann nur vor der Thüre des Hauses, anstatt innen aufzuräumen. — Doch wie? soll ich die Bestrebungen des Judenthums gegen den Verlheidiger dieser selbst vertheidigen? Lassen wir dies, und kommen wir zur Sache; Herr Hirsch hat aus der Schule der Philosophen auch deren exklusives Wesen mitgebracht, und als einen kleinen Auswuchs dessen wollen wir es tragen. Sehen wir lieber auf das mancherlei Gute, welches die vorliegende Schrift leistet. Nach den einleitenden Briefen macht der Verf. im dritten mit Recht geltend, daß das Volk selbst viel billi. ger gegen die Juden in Bezug auf die Ausübung ihrer Religion ist, als die christlichen Gelehrten und Theologen, daß im Ganzen die heutigen Juden nicht schlimmer sind als die heutigen Christen, und es so immer gewesen, daß also B. mit dem Prädikate „Schuld" nur ein unredliches Spiel getrieben, wie dessen Behauptungen von Zähigkeit und Stabilität falsch sind, und daß wir eben so gut von Stabilität des Christenthums sprechen könnten: im Gegentheil, das Judenthum stellte seine eigenthümlichen Richtungen immer den allgemeinen Richtungen an die Seite: der christlichen Dogmatik den Talmud, der arabischen Wissenschaft eine gleiche; der Scholastik und Kasuistik die französische Richtung des Talmudstudiums; dxr platonischen Mystik die Kabbala, der lutherischen Dogmatik den Pilpul, der Mystik eines Speuer u.A. Luria und Chajim Wital, der Aufklärung Mendelssohn. So richtig diese Bemerkungen des Verf. sind, so wird man doch noch fragen: und woher kömmt es doch, daß dieser Vorwuif der Stabilität immer wieder und immer mit einigem Scheine gemacht wird? Wir bemerken, daß dies nur aus dem einen Punkte fließt, daß nämlich die Juden an der Wiedererweckung der klassrschen Studien feit der Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts keinen Theil genommen. Dies prägte allerdings den lehren Jahrhunderten den Charakter der Stabilität auf — aber soll cS denn niemals gelten, wenn die Enkel nachholen, was die Väter versäumt, und ist es nicht hinreichend erkannt, daß die klassischen Studien doch in der Neuzeit nur ein formatives Moment sind, also gegenwärtig nur für das Individuum nothwendig, wenn auch da von unerläßlicher Bedeutung? Nachdem der Verf. sonst noch einige Nebenfragen abgethan, gelangt er im vierten Br. zu dem, was er mit Recht für die Hauptsache ansieht: die kritische Betrachtung des Judenthums. Eine bedeutende Seite dessen, was Hirsch hier leistet, ist, daß er aus den früheren Schriften Bauer's die Widersprüche zeigt, die dieser innerhalb des kürzesten Zeitraums sich betreffs seiner Anschauung des biblischen Judenthums schuldig gemacht. Das Gewicht der B.'schen Behauptungen verliert viel, wenn man sieht, wie schnell er seine Ansichten total umgcstaltet und seine eben geäußerte» selbst vernichtet. Zunächst sucht Hirsch zu vernichten, was die christl. Theologen so oft verbringen, indem sie den Mosaiswus nur als ein GeseH ansehen, da doch derselbe vorzugsweise mir, Lehre heißt. Es fallen damib eine Menge Floskeln der christl. Theologen weg. Er führt dann aus, wie der Mos-ismus den Optimismus in der Schöpfung enthält, die Sündhaftigkeit des Heidenthums verwirft, und die freie Arbeit, als Selbstzweck, anerkennt und durch Gott selbst sanktionlrt, daß daher der Mensch in der Erfüllung des Gesetzes sein Wesen nicht aufgiebt, sondern nur sein wahres Wesen erreicht, wie es von Gott gewollt ist"). Höchst treffend hebt H. hervor, wie B. die Juten als eine beständige Inkonsequenz bezeichnet, dann aber diese kon equente Inkonsequenz doch das Merkwürdigste sein müßte. Gegen die Behauptung B.'s, daß da^ biblische Zercmonialgesetz reine Willkür wäre, wendet er ein, daß der MosaismuS mit seinen Symbolen doch nur den mosaischen Religionsgetanken ausdrückr, und in ihnen nur ein bewußtes Bild hat*'"). Ausführlich bespricht *) Der Vers, hätte hier die Stellen der Schrift nicht übergehen sollen, welche, bei aller positiven Feststellung des Gesetzes, die Freiheit des Menschen immer wieder anerkennen, z. B. 5 M. 30, 15 u A. Die Schrift bezeichnet daher das Gesetz nur immer als die höchste Wohlthat, das ganze Verhälrniß alS einen Bund, in welchen sich , beide Theile frei begeben haben. ""I Wir glauben dies in nnserm Bibelwerke sattsam nachgewiescn zu Huben, und wiederholen nnr die Bemerkung, daß darum, weil die Schrift zumeist den Gedanken der Symbole nicht aüsspricht, dieser nicht wcgge-