Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 7 (1843)
- Issue
- Heft 7 (18.2.1843)
- Date
- 1843-02-18
- Page
- Seite 91 (sequence 3)
- Language
- German
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91 Lite t. «tut. in. Jüdische Religioiksphilosophie. Der Inhalt der positive» Religion ist ein Ner> mächtniß der Vorzeit, welches Geschlecht auf Geschlecht überkommt, und mit dem sich in ein dauerndes Verhältniß zu setzen, jeder Zeitepoche Arbeit ist. Denn je mehr der Menschheit der Charakter einer fortschreitenden Ent» Wickelung eingeboren scheint: desto mehr Mühe muß es ihr gerade machen, trotz dem ein Bleibendes mit sich zu führen, und als ein Unveränderliches in Besitz zu halten. Eine jede Zeit wird also das Bedürfniß fühlen, den Inhalt der positiven Religion mit sich in Uebereinstimmung zu bringen, oder sich mit ihm. Es wird nämlich nunmehr auf die Anlage und Beschaffenheit der ganzen Zeit ankommen, inwieweit diese Harmonirung leicht oder schwer, vollständig oder unvollständig gelingen wird. Denn es gab Zeiten und wird wohl solche geben — denn es wäre zu viel Kühnheit zu glauben, daß unsre Zeit schon so weit die Menschheit gebracht hätte, daß eine wesentliche Modifikation nicht mebr möglich wäre — in welchen die positive Religion, nicht bloß ihrem Inhalte, sondern auch ihrer bestehenden Form nach, die ganze Zeit ausfüllte, oder wenigstens dermaßen beherrschte, daß sie, so wie sie war, die Zeit in ihren Schranken erhielt. Dann aber kamen wieder Zeiten, und zu diesen gehört die unsrige sicherlich, in denen eine unabhängige Bildung so sehr den Vordergrund einnahm, daß diese sich zur Kritik der positiven Religion berufen fühlt. Sobald aber diese Kritik eine solche intensive Entwickelung erhalten hat, daß sie die positive Religion völlig zu zersetzen scheint: so hebt die Reaktion im Bewußtsein der Menschheit an, der positiven Religion eine neue Basis ganz innerhalb der Zeitbildung zu schaffen, auf der sie die Angriffe der Kritik abzuweisen vermag. Dies ist. die Religions- Philosophie. So lange Philosophie und positive Religion getrennte Bahnen gehen, bearbeitet jene die Theognosie oder Lehre von Gott für sich, ohne auf letztere Rücksicht zu nehmen. Sobald die beiden in Streit gerathen, wird dienothwendige Folge eine „Religionsphilosophie." Wie gesagt, Religionsphilosophie ist nichts anders, als das Streben, der positiven Religion eine philosophische Basis zu schaffen, namentlich mit dem Zwecke, die Kritik abzuweisen. Die Milosophie geht,hier rrom Gegebenen aus, um es zu erweisen, und bcgiebt sich ihres sonstigen Vorrechts, Nichts vorauszufetzen. Es würde uns zu weit führen, hier die Konflikte näher zu beleuchten, die aus diesem Zusammenstoß der Thevtogie und Philosophie nothwendig erfolgen müssen, so-wie überhaupt die Schwierigkeiten zu würdigen, die in der ganzen Aufgabe liegen. Rur zwei Bemerkungen seien hier vorgetragen; die eine: daß es eine ganz falsche Behauptung "der Kritik ist, jener Reaktion lägen stets nur äußere, heuchlerische Motive zu Grunde, weshalb sie die Männer, welche sich dem Ausbau der Religionsphilosophie hingeben, stets am meisten verdächtigt. Die Kritik kann dies eben nur auf ihrem einseitigen, selbstgefälligen Standpunkt. Denn eine sich so oft wiederholende Erscheinung, in der wir die edelsten Geister betheiligt sehen, kann schon von vorn herein nicht bloß äußere Motive haben, sie muß einem tiefem Drange des menschlichen Bewußtseins ihren Ursprung verdanken. Sondern vielmehr es offenbart sich hier die innere Nothwendigkeit, aus dem Ringen der Unabhängigkeit und der Positivität endlich herauszukommen, und, ohne die Selbstständigkeit zu verlieren, doch die Bestimmtheit zu gewinnen. Stehet nun freilich da der scheinbar düstere Ruf im Hintergründe: zur vollendeten Bestimmtheit zu kommen, ist des Sterblichen Bestimmung nicht — so läßt sich doch immer,so viel UeberzeugungSfestes erlangen, daß.die Religionsphilosophie zu den erhabensten Arbeiten der Menschheit gehört. — Die andre Bemerkung versetzt uns auf. unser eigenstes Gebiet, auf das Iubenthum. Es ist nämlich eine alte Bemerkung, daß das Judenthum keinen „Glauben," sondern ein „Erkennen" verlange. Das Judenthum giebt seinen Inhalt als ein „Wissen," und überläßt die Verarbeitung um so eher. Mit diesem Satze ist man aber sehr leichtsinnig umgesprungen, und aus ihm heraus, unter seiner Aegide, hat man sich beim.umst¬ und inhaltslosesten Philosophiren nicht - außerhalb des: Judenthums geglaubt. Die modernen Juden 'haben dadurch den Vorwurf des Deismus sich zugezogen, und. -vielfach — verdient. So wenig, wie das jüdische Religiousgefetz sich unbedingt dem twi in die Arme wcrfen kann, so wenig kann die jüdische Religionslehre einem unbedingten Philosophiren sich -preisgeben: in beiden -Fällen würde sie sich aller -Positivität begeben — d. h. -eben Nichts fein. Suchen wir -daher die Sache richtig: zu fassen, so stellt sie sich folgendermaßen-hin: das Judeuthnm enthält nur ein Moment, .das.dem. sogenannten gemeinen .Menschenverstands an. sich -unbegreiflich ist — die Offenbarung Gattes selbst:; der