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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1843-02-18 · Heft 7 (18.2.1843) · p. Seite 90

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
7 (1843)
Issue
Heft 7 (18.2.1843)
Date
1843-02-18
Page
Seite 90 (sequence 2)
Language
German
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90 ker zerstreute. Abarb. erinnert dann an die Trojaner, die von den Griechen gänzlich' vernichtet worden. ' Wie tmU aber; auch von Israel übrig blieben^,. sein Mffäud ist gesichert. So habe der König von England alle Juden in seinem Reiche vertilgt, so der König von Frankreich, und waren in diesen Ländern alte Juden beisammen gewesen, wäre nicht Einer von ihnen übrig geblieben. Ädernder Herr wollte Israel nimmer ganz verstoßen, und so ist die Zerstreuung eine Gnade, durch die er es erretten wollte." Abarbanel, der den Kommentar zum fünften B. Mos. noch in Lissabon schrieb, wußte nicht, daß er diese Worte bald selbst so furchtbar bethätigen sollte: denn bald mußte er aus Portugal entfliehen, dann mit allen seinen Glaubensgenossen aus Spanien, später wieder aus Neapel nach Sizilien, von da nach Korfu, Venedig ff., bis sein Leichnam in Padua (1508) zur Ruhe kam. Fassen wir aber jene erklärenden Worte schärfer in's Auge, sehen wir in ihnen eine Deutung, die, unmittelbar aus dem Leben jener schrecklichen Zeit gegriffen, das prophetische Wort des Gesetzgebers mit einer nach drei Jahrtausenden geschehenen Erfüllung verbindet: welche großartigen Gedanken und Gefühle müssen sich daraus entwickeln! Wie? Das fürchterlichste Geschick, die tiefste Erniedrigung, die grausamste Verfolgung, wo Menschen ihres Glaubens wegen gehetzt werden von einem Ende der Erde zum andern, und nicht Heimath und Habe, nicht der Gräber ihrer Väter und der Wiegen ihrer Kinder bis zur nächsten Morgeur'öthe sicher waren — alles dies noch als eine Gnade des Herrn zu preisen! — — Wo findet Ihr ein Aehnliches an Hingebung, an Gottvertrauen, an Religiosität? Kanu es bei solcher Gesinnung noch auffallen, daß ein also beseelter Stamm sich trotz Allem erhielt? — Sein eigenes, blutiges Schicksal, das Schicksal aller Individuen, und wäre es das thränenreichste, vergessen, nur in dem Gedanken an die Erhaltung des Ganzen! ein Triumphlied für dieses anstimmen an den Gräbern der Einzelnen! welche Erhabenheit, welche Höhe des Blicks, welch' ein Märtyrerthum! Wir . gestehen, von den Worten Abarbanel's tief ergriffen worden >zu sein, nicht weil diese Gedanken' bei unseren älteren Autoren so selten waren, aber weil sie so einfach-, so ohne alles Gepränge, wie eine logische Rothwendigkeit hingestellt sind, und bei allem Furchtbaren, was sie enthalten, so wenig dies hervorhebend. Man sieht, es ist keine ergrübelte, es ist e.ine lebendig vorhandene Wahrheit, die von den Lippen fließt, als wenn es gar nicht anders, sein könnte. Tausende werden in England hingemordet— schadet nichts, es» ist doch die Gnade Gottes, daß auch welche in Frankreich sind; Tausende in Frankreich ■— schadet nichts, es ist doch die Gnade Gvttes, daß auch welche in Spanien sind; und so die Reihe an diese käme, winkt doch das Gestade Neapolis' und auch Candia's und Venedig's, und hinter allen diesen flieht es immer noch Länder, in denen eine Zeit lang der Fuß des Pilgers rasten kann!- Wir gestehen, vor solcher Anschauung erscheint uns die Gegenwart mit ihren Fragen, Debatten, mit ihrer Trägheit, Flauheit und holem Wesen recht kleinlich. Wo sind die Feuerproben, die zu bestehen? wo ist aber auch die nie wankende Hingebung? wo ist die in That und Wort gleich lebendige Treue? O, rühmet euch nur all' des Glanzes, all' der Prunkhaftigkeit der Neuzeit! Pochet auf Bildung, Aufklärung, Wissenschaft! Nur das Eine wollen wir nicht vergessen: die Vergangenheit hat ihre eigenthümliche Größe, hat ihre. Flammen, die bis zum Himmel leuchten, und die Herzen schlugen in ihr gewaltig und unerschütterlich für die Wahrheit, die sie erkannt. Nun, wollen wir mehr sein, als die zu oft verachtete Vorzeit Jsrael'S, wollen wir selbstgefällig uns größer dünken: so müssen wir vor Allem das auch haben, was sie hatte; und erst, wenn wir zu ihrer stillen Größe r noch die Höhe der Gegenwart fügen, können wir glauben, an unserer Stelle zu sein. Wo aber nicht, so haben wir nur einen Tauschhandel getrieben, den unsere Väter — verachtet hätten! — Und dies Eine lasset uns nimmer vergessen: was man auch dem Mittelalter des Judenthums verwirft, womit man es auch lästere, es ist doch ewig denkwürdig, es ist einzig in der Weltgeschichte durch die unbeschränkte. Hingebung an die Lehre und die Idee Jsrael's, durch die unbedingteste Religiosität, die dabei niemals — wir sagen es — niemals fanatischer Thaten, zelotischer Verbrechen sich schuldig machte. Was will die Ascetik der- Mönche, was will der bluthrothe Brand der Kreuzfahrer gegen ein ganzes Volk sagen, das den schwersten Druck in allen seine» Individuen trägt um der Lehre des einigen Gottes willen? Und dies nicht aus irgend einem dunkeln Gefühle, sondern —wie wir eben sahen— aus »dem lichtesten Bewußtsein heraus?-

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