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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1843-02-11 · Heft 6 (11.2.1843) · p. Seite 85

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
7 (1843)
Issue
Heft 6 (11.2.1843)
Date
1843-02-11
Page
Seite 85 (sequence 13)
Language
German
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85, ich bie Grenze bei Podgorce,^und befand mich auf österreichischem Boden, in— Galizien. 11. Galizien. Schon die ersten Begegnisse, Dörfer', Land - und Wirthshäuser, Chausseen, Mauthen dgl. verkündeten mir, daß ich mich in einem großen, regelmäßigen, besonders administrativ wohl geordneten Staate befinde. Bald traf ich auf kleine Städte, deren Bevölkerung fast . durchaus aus den Kindern Jsrael's besieht, wenigstens bemerkte ich im Miniatur-Ringplatze fast durchaus jüdische Hauser. Es sind meistens Wirths- oder sogenannte Einfuhrhäuser, mit großen, braunen, antiken, hölzernen Thoren , mit bescheidenen kleinen Fensterchen, unter deren vier Duodezscheiben gewöhnlich sich eine oder zwei von Papier oder auch von einem bunten Bettkissen vorfi'nden — zum Andenken an, irgend eine große Naturerscheinung, Sturm, Hagel dgl. Ein einfacher hölzerner Säulengang an der Fronte bildet eine Vorhalle, die gewöhnlich mit einer langen hölzernen Ruhebank versehen ist. Diese Vorhalle vertritt das Gesellschaftszimmer bei Besuchen der Nachbaren, die Tagesereignisse werden daselbst in Mußestunden besprochen, auch ist sie das unschätzbare Asyl, wo der gasizrsche Bauer und seine Ehehälfte nach den Jahrmarktsbeschwerden ein trauliches Gläschen leeren. Vor der Hausfronte spazirt gemächlich der Ekgenthümer in ländlicher Ruhe, mit aufgeknöpftem Kaftan, in der Tasche steckendem Gürtel, leichten Pantoffeln an den.Füßen, der dampfenden Pfeife in der Hand, auf und ab.- Wäre die Licht- und Fleischpacht nicht*), könnte man glauben, sicherlich in Palästina 'Zu sein.'. In der That hat dieses patriarchalische kleinstädter Leben, wie rnan es so oft in den Städtchen Polens und besonders Galiziens zu finden pflegt, seinen eigenen Reiz. Der ganze kleine Ort ist so zu sagen eine jüdische Stadt. *) Unter Lichtpacht (Lichtanzündungssteuer) versteht man eine Steuer, welche die Juden in Galizien für die Lichter, die. sie in ihren Wohnungen an den Sabbats- und Festtagen, so wie am Sterbetage ihrer Eltern anzünden, entrichten, unter Fleischpacht, die sie für jedes Pfund Koscher-Fleisch sowol von Rindvieh als Geflügel, bezahlen. Peide Gefälle werden von der Regierung gewöhnlich an Inden verpachtet, daher die Benennung Lichtllnd Fleischpacht in der Volkssprache. Mit dem Bauer, seinem nächsten Verkehrsmann, steht der kleinstädtische Jude im besten Einverständniß. Von seiner Seite hat ec keine Furcht verdunkelt zu werden oder gar im Geiste der Zeit zurück zu stehen, weil er dem Bauer ja geistig überlegen ist. Von dem polnischen Edelmann, mit dem ec als Gastwkrth, Pächter, Frucht- Händler u. s. w. oft verkehrt, stehet er in politisch-sozialer Beziehung so weit entfernt, daß ihm der etwaige Vorsprung, den letzterer in weltlicher Bildung und in Kenntnissen vor ihm voraus hat, garnicht als zurücksetzend erscheint. Dazu kommt noch daß. der polnische, . Edelmann mit dem Juden bei weitem mehr fraternist'rt als sein germanischer Nachbar. . Sein Fruchthändler, Gastwirth oder Pächter (Rendar), „Moschka" (Moses) wird ihm oft mehr als ein bloßer Handelsjude; er wird sein Schützling, Faktor, Rathgeber, Faktotum und selbst inniger Vertrauter, wenn dieser nur Geschäststhätigkeit, Witz und Umsicht genug besitzt (Eigenschaften, die bekanntlich dem polnischen Juden durchaus nicht fehlen) . ohne sich weiter Um seine intellektuelle Bildung oder gar Gelehrsamkeit zu bekümmern. — Diese beiden Extreme — Edelmann und Landbauer — umgeben dergestalt den polnischen Juden, daß er als Tiecsetat zwischen beiden, beide vermittelend, von beiden angeregt und auf. beide reagirend, steht, ohne jedoch, was seine sittlich-religiöse Sphäre betrifft, im mindesten von beiden modisizirt oder gar beeinträchtiget zu werden. — Der Hauswirth empfangt in Polen sehr oft im vollen Gebetsornate (nämlich im Talis und Tefilin) seinen Edelmann (Puritz in der Volkssprache, wahrscheinlich aus y^s), macht ihm seine Rechnung fürs Nachtquartier, unterhandelt mit ihm über Korn, Brandyrein u. s. w. — Der Andere gehet am' Jahrmarktstage, während der ganze Ringplatz mit Bauern, ihren Ochsen, Pferden und Fruchtwagen angefüllt ist, in die Synagoge zum Morgengebet mit seinem großen Teft'limsack (worin sich nicht selten 2 Paar Tefilin vorfinden, die Einen zu Gunsten Raschi's und die andern zu Gefallen R. Tam's) unterm Arm, der harrenden, oft sogar dringenden Tagesgeschäfte unbekümmert; verrichtet da wie gewöhnlich sein Gebet, versäumt aber nicht auf dem Rückwege, den Tefilim- Sack immer unterm Arm, alle seine Markt-Geschäfte abzumachen, und als seine Begleiter vom Gotteshause einige Heufuhren, einige Fruchtkarren, Hühner und Eier und einige, menschenähnliche Ueberbringer derselben mjt sich nach Hause zu bringen. — Es kann natürlich nicht fehlen daß in einem solchen Orte auch ein eigenthüm-

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