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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1843-02-11 · Heft 6 (11.2.1843) · p. Seite 86

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
7 (1843)
Issue
Heft 6 (11.2.1843)
Date
1843-02-11
Page
Seite 86 (sequence 14)
Language
German
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86 sicher jüdischer krähwinkler Ton und dergleichen Manieren sich geltend machen. So hat jedes Städtchen seinen Krösus (ersten Nagid), dem das ganze Städtchen untergeordnet ist; in dessen Umgebung keine geringere Kabalen über Gunstbezeugung- Niederlage, Sturz, Jntriguen rc. Vorgehen als es sonst in den Umgebungen' wirklicher Großen zu geschehen pflegt, nur sind sie hier unendlich kleinlicher und bornkrter, daher> auch unendlich komischer. — Zst der Nagid selbst nicht schon ein Lamdan (Talmudist, Gelehrter) oder Mejüchas (von talmudistisch-gelehrtem Adel) so sucht er gewiß einen Lamdan oder gar Ile (scharfsinnigen Jüngling) sich zum Tochlermann zu verschaffen, und gar oft' muß bald das Städtchen diesen als Rabbiner anerkennen.. In Licht- und Fleischpacht-Geschichten spielt er natürlich nicht die kleinste .Rolle; er gehört gewöhnlich der chassidischen Parthei an, oder ist vielmehr dem Sprengel eines Zadik's (oder Reb- bis) als' eine ergiebige Hülfsqurlle, einverleibt. Sein Haus stehet daher zu jeder Zeit den so gern gaftirenden Chassidim offen, dafür wird ihm jene hohe Ehre zu Theil, daß der Zadik in eigner Person, wenn er es für nothwendig erachtet (natürlich nur in himmlischen Affairen, und mit diesem oder jenem sich über etwas zu besprechen), das Städtchen mit seiner Gegenwart zu beglücken, beim Nagid absteigt und dort auf kürzere oder längere Zeit seine ambulatorische Residenz aufschlägt. — Daß der Nagid beim Grundherrn (Puritz) alles in allem ist, verstehet sich von selbst. — Am auffallendsten bemerkt man jedoch in Galizien (und zwar nicht bloß in den gar kleinen, sondern sogar in vielen größer» Städtchen) den jüdischen Einfluß auf Handel Und Wandel am Sonnabende und an den jüdischen Festtagen. Denn da herrscht eine tiefe feierliche Stille, eine wahre Sabbatsruhe, 'wie man sie gewiß in dem überreligiösen protestantischen England kaum zu Gesichte bekommt. — Die Gaffen sind fast menschenleer, nur zu Zeiten von einzelnen behaglich Promenirenden, oder von Familien-Gruppen, die sich ihre gegenseitige Sabbats-Visiten abstatten unterbrochen. In kleinern Städten stehet man auch die Männer im Talks aus 'der Synagoge heimziehen, ebenso die Frauen mit ihren großen, dicken Gebetbüchern nach Hause schlendern. — Der Bauer, der dieses schon weiß, wird daher am Sonnabende keine Frucht zu Markte bringen. Der Edelmann vom Lande, der Einkäufe in der Stadt zu machen hat, verschiebt sse auf einen -Werkeltag; selbst der durchreisende Edelmann muß mit seinem jüdischen Gastwirthe seine Sabbatspeisen theilen. (weil ihm dieser ja nichts kochen darf) und thut dieses überdieß aus Neugierde gewöhnlich auch sehr gern. Es ist besonders in Galizien eine eigenthümliche Erscheinung, daß der christliche Pole mit dem Juden durchaus lieber verkehren will, als mit seinem eignen Religionsgenossen, selbst dann, wenn er auch gar nicht gezwungen wird, zu jenem seine Zuflucht zu nehmen. So wird z. B. der polnische Edelmann in manchem bedeutenden Orte, wo christliche Hotel's-mit jüdischen Wirtshäusern konkurckren,. obschon, wie der Name verspricht, jene hie und da etwas besser eingerichtet sind, dennoch in den letzter» absteigen. — Jüdische Schuster, besonders Schneider, deren es unzählige in diesem Lande gibt, sind meistens von Edelleuten beschäftiget; ja es gehet so weit, daß solche Schneider auf „jüdische Arbeit" (die bekanntlich dort vermöge der eigenthümlichen Tracht einen ganz andern Schnitt erfordert) gar nicht eingerichtet sind. Sie nennen sich Noblessen-Schneider (prkzische Schnader) und müssen ihren eignen Anzug (der auch polnisch-jüdisch ist) von andern sogenannten jüdischen Schneidern sich verfertigen. lassen. — Ebenso werden gewöhnlich jüdische öffentliche Handlungen vom polnischen Adel eher frequentirt, als die mit ihnen konkurrirenden christlichen, namentlich den deutschen; ja es gibt viele jüdische Handlungen, die nur für den Bedarf der Edelleute und Beamten (welche letztere mit erstem, was Ton und Gesellschaft betrifft, in eine Kategorie gehören; besonders ist ja ein Jeder von diesen, gegenüber.dem Juden — ein Puritz) eingerichtet sind, und die sich ebenfallszum Unterschiede, oder wahrscheinlicher, zur Auszeichnung „Noblessen-.Handlungen" (prizische Gewölber) nennen. Selbst die Regierung unterhandelt lieber mit Juden, als mit allen Andern, und kommt dabei am besten weg. So sind z. B. die meisten Pächter kaiserlicher Gefälle (als Accis, Mauthen rc.) Juden; die meisten Lieferanten für die Armen sind ebenfalls Juden. Die Licitationssäle beherbergen daher gar oft einige jüdische Minjanim, worunter gar mancher Fromme, gegen Abend, in einem Winkelchen im Vorhause, seine Minchah verrichtet. Der Scharfsinn und die Politik, die die Leute hier entwickeln, bald um einen lästigen Gegner in ein schlechtes Geschäft zu stürzen, bald um ein gutes Geschäft von gefährlicher Konkurrenz zu befreien, ist wirklich erstaunlich, und die Beamten selbst können es nicht genug bewundern, wobei freilich überdieß immer der Aerarium - Schatz gewinnt. — Daß überhaupt fast brr ganze Handel in den Händen

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