Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 7 (1843)
- Issue
- Heft 4 (28.1.1843)
- Date
- 1843-01-28
- Page
- Seite 54 (sequence 10)
- Language
- German
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54 und die absterbenden Glieder des kirchlichen Verbandes von Neuem zu beleben. -— Aus diesen Aufgaben ersteht eine große Mannichfaltigkekt des Inhalts, aus welcher hinwiederum die Form in abwechselnder Nüanzirung hervorgeht. Denn schon, was die Religionslehre an sich betrifft, wird diese sich bald als eine allgemeinere, objektive ergeben, und speziell das Verhältniß des Lebens und der Religion zu einander, ihre gegenseitige Durchdringung, die in der modernen Wirklichkeit so schwierig ist, betreffen; bald aber auch sich subjektiver in das jüdische Leben und die jüdische Religion versenken, wo insonders auch die große Frage der Lehre und der Ceremonie ihr entgegentritt. Der Kampf und die Vertheidigung aber werden sowol die bürgerliche Gleichstellung nicht ganz übergehen können, weil in dieser am Ende doch nur das die Religion betreffende Moment der vollendeten Gewis-' fensfreiheit enthalten ist, als sie auch, ohne Entartung in unanständige Polemik, neben gerechter Würdigung des Jenseitigen, doch ihrer Gegner kräftig sich erwehren muffen. Hierzunächst wird insonders auch die weltgeschichtliche^ Bedeutung des Hudenthums in's Klare zu stellen sein. Um den religiösen Jndifferentismus zu bekämpfen, hat sie endlich die schönen Themata, das religiöse Bedürfniß durch das Bewußtsein der Nichtigkeit alls Irdischen zu. wecken, und den Israeliten auf.die große Geschichte seines Glaubens und Stammes und die aus dieser resultkrende Verpflichtung, des Israeliten hinzuweisen. An dieses Moment knüpft .sich nothwendkg auch die Darlegung unsrer Hoffnungen, und in wiefern das religiöse Leben überhaupt, das Iudenthum ander Spitze, einer Losung in der großen Zukunft der Menschheit entgegengeht. — Wie gesagt, suchten wir in dieser Sammlung solche Predigten zu einem Ganzen zusammenz'ustellen, die alle diese Fragen und Vorwürfe berühren — und theilweise — denn Vollständigkeit kann hier keine Individualität geben — bearbeiten. Was nun die Form betrifft, so trägt auch hierin die jüdische Predigt manches Charakteristische. Es liegt ihr eine große Masse Materialien vor, die andern Konfessionen fehlen. Die jüdische Predigt hat das volle Recht, sich an ihre ältere Schwester in der Synagoge, die Drascha^ z« lehnen, und darum braucht sie sich nicht auf die heilige Schrift zu beschränken, sondern sie kann sich auch passender Theile der Talmudim, Midraschim, der Liturgie bemächtigen und diese zu Trägern ihrer Entwickelungen machen. So kann sie bald eine Bibelstelle als Thema nehmen und diese nach allen ihren Theilen exegisiren, bald ein Thema aufstellen, und dieses in einer Bibelstelle als Text finden, oder nach seinen Theilen verschiedene Bkbelstellen als Beweismittel heranzkehen; bald kann sie eine Talmud- oder Midraschstelle als alleiniges Material verarbeiten, oder dazu eine Bibelstelle als Schlußstein anwenden; bald kann sie eine Lehre der Synagoge, wenn sie auch keinen wörtlichen Anhalt in'der heiligen Schrift findet, entwickeln und auseinandersetzen; bald einer früheren oder noch geltenden Zeremonie Gedankeninhalt erklären; bald einen historischen Akt der heiligen Schrift auf die Jetztzeit anwenden, bald ein Stück aus dem in den fünf Büchern Mosis aufgestellten Gottesdienst symbolisch deuten und Nutzanwendung daraus ziehen. Auch für alle diese Formen haben wir hier Beispiele herangebracht, mit der Ausnahme von solchen Predigten, in denen eine Talmud- und Midraschstelle bearbeitet worden, weil wir solche später in einem besondern Hefte zusammenzustellen gedenken. — - Aus dem Gesagten erhellet auch zur Genüge, daß Verfasser dieses sowol dem frivolen, als auch hämischen und gehässigen Aburtheilen über die jüdische Predigt, das sich in jüngster Zeit einige Male laut gemacht, mit Ernst entgegentritt. Es ist der Charakter unserer Zeit, im Gottesdienst mehr als Gebet oder gar bloßen Formdienst zu suchen; der jetzige Mensch will im Gottesdienste auch etwas zu denken und Belehrung haben. Dies kann ihm nur die Predigt geben. In Israel ist dies keine Neuerung, da man in früheren Zeiten die Belehrung sogar für wichtiger hieltals das Gebet, und die Unterlassung des Gebetes für gestattet hielt im Drange jener. Außer diesem allgemeinen Charakter, daß ein Gottesdienst ohne Predigt nur noch die Gewohnheit befriedigt, sie also zum unabweisbaren Bedürfniß geworden: ist aber speziell im Judenthum die Predigt Mittelpunkt einer neuen Belebung , neuer Frische und Energie geworden, und kein Mittel leistete so durchdringende Dienste, den religiösen Geist wieder zu heben. Dies ist so sehr Wahrheit, daß in vielen Gemeinden mit der Predigt erst wieder Leben hereingekommen, die Apathie gewichen. Ebenso ging und. geht für die Masse alles Gefühl für Anstand und Würde im Gottesdienste von der Predigt aus. Allerdings reicht nun die Predigt nicht aus, alle Fragen der Gegenwart völlig zu lösen; es gilt - nur das allgemeine Bedürfniß i zu läutern, und spezielle Diskussionen vermag sie nicht durchzufühcen. Auch bleibt die Predigt unzulänglich, wenn sie ununterstütz't, isolirt bleibt, und nicht Weiteres