Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 7 (1843)
- Issue
- Heft 4 (28.1.1843)
- Date
- 1843-01-28
- Page
- Seite 52 (sequence 8)
- Language
- German
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52 ger der Allg. Zeit. d. Jud. von Zeit zu Zeit zu lesen sind, zu sehen, um zu gewahren, daß die Gemeinden Lei Anstellung eines Nabbinen als Bedingung sine qua non feststellen: Gymnasial- und Univerfltäts.-Karriere. Gut.' Haben sie aber alsdann einen Rabbinen angestellt, der unter vielen guten Qualitäten auch diese hat, so sieht er sich den ärgsten Kämpfen und Drangsalen ausgeseht. Zuerst ist es das Mißtrauen, ob er auch orthodox fromm ist, von dem er empfangen wird, und das ihn auf allen seinen Schritten verfolgt, bis er seine Probejahre durchgemacht; alsdann ist es das Mißtrauen, ob er auch talmudisch-gelehrt ist, das ihm entgegentritt, es werden ihm die verfänglichsten kasuistischen Fragen vorgelegt und'Fallen gestellt — und wehe.ihm,. wenn er sich nicht tüchtig herauszubeißen versteht! Was helfen ihm dann klassische Gelehrsamkeit, wissenschaftliche Bildung, ein Herz voll Liebe und Effers für seinen Glauben, eine eminente Beredtsamkeit, wissenschaftliche Arbeiten! Er ist ausgesetzt, durch irgend eine Nichtbeachtung -einer . entfernten Stelle eines entfernten rabbinischen Kasuisten alles Ansehn, alle Autorität', alles Gewicht, folglich auch alle Wirksamkeit bei seiner Gemeinde zu verlieren. Es bemächtigt sich dann irgend ein alter Queerkopf des geringfügigen Umstandes, macht daraus bei den unzähligen Ignoranten, welche die jüdischen Gemeinden ' Herbergen — natürlich, denn der Individuen Sache ist ja nicht, die Kenntniß der jüdischen Kasuistik, oder überhaupt theologisches Wissen sich zu erwerben — eine Kapitalsache, selbst die Modern-Gebildeten schütteln den Kopf, weil sie Nichts davon verstehen — es ist vorbei! — Ist aber der junge ^bchiner befähigt gewesen, die Scylla zu umschiffen —^glaube nur nicht, daß'ihm damit die Charybdis erspart ist: in der nächsten Woche fangen die Dinge wieder von vorn an, und vergebens kann er zehn- * mal seine Tüchtigkeit, seine Befähigung erwiesen haben, es ist dies vergessen, und er steht abermals auf der Balancierstange eines zweifelhaften Urtheils. Oftmals hat es dann den Schein, . als. ob die Gemeinden nur zum Schein die wissenschaftliche Bildung verlangen, es sei ihnen nur um den Schein, um den Glanz nach außen zu thun, und wenn diesem eine Zeit lang.genügt worden, so sehen sie als das alleinige. Heil bei ihrem Nabbinen nur die Bekanntschaft mit allen Hb aller Jahrhunderte an. Warum holt Ihr Euch dann nichb wieder einen 'alten Polen anhero? was stellt Ihr eine geschmückte Kanzel auf,'um sie morgen selbst wieder zu zerschlagen^-Daß als Erforderniß bei einem jüdischem Geistlichen Bekanntschaft mit der talmudischrabbinischen Doktrin nothwendig ist, Keiner wird voraussetzen, daß. wir' dies im vollen Maße nicht anerkennen. Wir wollten hiermit nur die Zweideutigkeit entlarven, welche - öffentlich ein Verlangen nach Etwas stellt,» was sie hinterher für Nichts erachtet; den Widerspruch, daß die Masse der Juden Talmud, Poskim ff., sofern diese sie selbst betreffen, bei Seite schieben, und dennoch ihr ganzes Urtheil bei ihrem Nabbinen lediglich von jenen abhängig macht; wir wollten hiermit die heuchlerischen Herumträger bezeichnen, die es sich' zur! Lebensaufgabe machen,.die Stellung ihrer Geistlichen zu zernichten — daß solche jetzt auch ein öffentliches Organ finden, ihre Schliche auch noch auf weitere Kreise auszudehnen, ist freilich eine beklagenswerthe Erscheinung unsrer hypokritischen Zeit, in der der schamloseste Mund am leichtesten Gehör findet. Man verzeihe die Heftigkeit, mit der wir uns in obigen Zeilen aussprechen, man verzeihe sie, obschon sie nur zu gerecht ist, und also keiner Verzeihung bedürfte. Diese Heftigkeit ist darum um so eher verzeihlich, wenn wir mcht allein die Wirkung auf die angestellten Rabbinen sehen, denen ihr Leben verbittert, ihre Lust genommen,- ihr Eifer abgekühlt wird, sondern auch die Wirkung auf die Gemeinden beobachten. .Der Rabbine wird dadurch von vorn herein in eine schiefe Stellung gebracht. Anstatt mit der Gemeinde, hat er es nur mit sich selbst zu thun; während er für die Gemeinde arbeiten, , deren Organisation, Verfassung, religiöse Zustände, Jugenderziehung, Wohlthätigkeitsanstalten ff. zum Gegenstände seiner Thätigkeit, seines Nachdenkens, Sprechens, . Wirkens sein sollten: sieht er sich immerwährend gefährdet, und hat mit der Abwehrung der Angriffe zu schaffen. Ferner: er sieht sich von Anfang an so gestellt, daß er auf kräftige Schritte, auf Nealisirung alles dessen, was er mit. seinem Amte, und was die Gemeinde mit ihm beabsichtigte, auf Reform, und weilte diese innerhalb der strengsten Schranken, verzichten muß; er weiß, bei dem. geringsten Auftreten, stürzt er sich in das ärgste. Chaos, in welches seine Gegner ihn so verwickeln,