Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 3 (1839)
- Issue
- Heft 102 (14.12.1839)
- Date
- 1839-12-14
- Page
- Seite 667 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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667 -rucke seiner Forschungen vor einem in neuester Zeit nur allzuhäufigen Fehler, nämlich vor dem Bombaste hochtrabender, aber gehaltloser Floskeln, vor hohlem Phrasengcklingel: wer in einer fremden Sprache gut und klar schreiben will, muß vorher, um nicht doppelte Schwierigkeiten sich entgegenzuthürmen; seinen Stoff bemeistert haben, und muß ganz von ihm durchdrungen sein. Den Lesenden aber nützt die fremde Sprache noch mehr; denn abgesehen davon, daß deren Kenntniß schon eine bedeutendere wissenschaftliche Vorbildung vorausfttzt und so mancher Profane von der entweihenden Betretung der heiligen Wissenshallen abgehalten wird, so bewahrt auch die fremde Sprache eines Buches vor einem oberflächlichen Durchblättern deffelben und ist, wer sich des Werkes Inhalt aneignen will, zu gründlicher Forschung gezwungen. Für hebräische Forschungen jüdischer Gelehrten aber, welche Sprache kann da geeigneter sein, als die hebräische? Und wahrlich, wenn die Oberflächlichkeit und Ungründlichkeit so vieler Gelehrten und Leistungen unserer Zeit überhaupt davon herrührt, daß man aus mancherlei Gründen aufgehort hat, die Sprache der Wissenschaft zu schreiben, so gehört zu den Ursachen der halben flachen Bildung mancher neueren jüdischen Gelehrten auch wohl der Mangel an hebräisch-geschriebenen Werken °). Doch jam satt8: es hat uns ohnedieß die schon lange ersehnte Gelegenheit, ein Wort über diesen Punkt öffentlich zu sagen, zu weit fortgeriffen und wir kehren nach diesen allgemeineren Betrachtungen, die der sachkundige, einsichtsvolle Leser hoffentlich für keine nutzlose Abschweifung halten wird, zum eigentlichen Gegenstände dieser Zeilen, dem vorliegenden Buche zurück. Die im Titel schon angedeutete Tendenz seines Werkes spricht der Berf. in seiner Vorrede noch vollständiger aus. Er handelt darin zuerst von den beiden Theilen des Pentateuchs, dem historischen und dem legislatives, und weist nach, wie in beiden noch gar mancher Punkt von hoher Wichtigkeit zu besprechen und zu erläutern sei. Als Belege führt er für den historischen Theil die unmoralischen Scala, die ÄntropomorphiSmen, Anachronismen und manche scheinbar mangelhafte oder verstümmelte, andre pleonastisch oder tautologisch erscheinende Stellen an. In Betreff des legislativen Theils zeigt er an mehrfachen Beispielen, wie die traditionell tcilmudische Interpretation derselben scheinbar mit Recht einer willkührlichen Hinzufügung oder Verringerung, häufig auch eines offenbaren Widerspruchs mit dem heiligen Text beschuldigt werden könne. Nachdem er sodann von dem Uebelstand gesprochen, daß wir außer einigen Versuchen Weffely's keinen Commentar besäßen, der eine Vereinigung besonders dieser Widersprüche versucht hätte, bemüht sich der Vers, die Wichtigkeit eines derartigen Werkes darzuthun, indem er den Abfall eines großen Theils jüdischer Jugend der Neuzeit eben der Nicktlösung des Widerspruchs zwischen traditioneller Interpretation und philologischen Wortverstand der Bibel zuschreibt und spricht sodann die Hoffnung aus, daß er durch sein nun erscheinendes Werk einige solche Steine des Anstoßes aus dem Wege räumen und somit auch einige der traurigen Folgen beseitigen werde. Eine Bemerkung, die sich uns hier aufdrängt, ist die: eö scheint uns der Vers, uns dem eben Auseinandergesetzten einen zu engen Beweggrund für die Erscheinungen der Neuzeit angenommen zu haben und ohne daß wir die andern — der Raumbeschränktheit hal- •) Diese heftigen Exklamationen des Refer. verlieren viel an ihrer Kraft, sobald man bedenkt, daß die deutsche Sprache diejenige ist, welche an wissenschaftlichem und pbilosopbischcm Ausdrucke die reichste und subtilste ist, daß hingegen die neuhebraische Sprache, man mag sagen, was man wolle, an wissenschaftlicher und philosophischer Ausdrucksweise noch arm und beschränkt ist. Man denke doch daran, daß.auch Main,uni seine philosophischen Werke arabisch geschrieben. Ferner ist wohl die Wirksamkeit auf ein größeres Publikum ein nicht zu verachtendes Motiv der Anwendung deutscher Sprache. Die Flachheit, die jüdischen Gelehrten zugeschrieben wird, ist übertrieben, und kommt wohl eben so sehr von der Vernachlässigung reifer klassischer Bildung, als der hebräischen Werke her, denn wir haben ganze Jahrhunderte gründlicher jüdischer Gelehrsamkeit mit unendlicher wissenschaftlicher Indolenz und Flachet. D. Redakt. ber — hier ausführlich angeben können, glauben wir doch in Folge der Kenntniß derselben aus voller Ueberzeugung die Wahrheit zu sprechen, wenn wir den Verf. versichern, daß keinen derer, die dem talmudischen Judenthum entsagt haben, die theorekische Richtigkeit der traditionellen Interpretation, wie ste hier erwiesen wird, allein zur Ausübung des Ceremoniellen zurückführen werden. Nur in der Theorie und der Wissenschaft har das Werk des Verf. seinen Werth; welchen es im praktischen Leben erhalten wirb, steht der Zeit anheim und kann für jetzt hierüber Niemand weder affikmirend noch negirend sich äußern. Nachdem nun der Verf. durch das Obengesagte die Nothmendigkeir und Tendenz seines Werkes zu rechtfertigen gesucht, kommt er im Fortgang der Vorrede darauf, daß sich in ber Oppenheimerschen Bibliothek handschn'ftlich 2 solche Commentare finden, von denen der eine Sechel tob von Menachem den Salomo im Jahre 4899 (1238) geschrieben ward, und deren andern er ohne Angabe des Jahres und Versagers Jvre Dea nennt. (Vgl. den Catolog der Opph. Bibl. v. Cohen. Hamburg 1781.) Hierauf geht uiin Verf. zu den neuesten-grammatischen Forschungen eines S. D, Luzzato, S. Pappenheim (in feiner Synonymik), W. Heidenhcim über, von deren ersterem er sogar eine sehr entscheidende Stelle über die 2buchstabigen Wurzeln anführt: dann aber spricht er auch noch ausführlich von dem auf historische Basis, reichhaltige Benutzung der alten hebräischen Sprachforschung und tiefe, - vielseitige Kenntniß deö unermeßlichen jüdischen Sprachschatzes begründeten historisch analytischen System, dessen Umrisse vr. Julius Fürst in seinem „Lehrgebäude der aramäischen Sprache" verzeichnete, das er praktisch in der Concordanz niederlegte und dessen Theorie vr. Delitzsch in seinem Jeschurun auseinandersetzte. Unser Verf. bekennt sich als einen Jünger dieser Lehre — was eben sowol den wissenschaftlichen Sinn als dcrSelbstverläugnung des Greifes Ehre macht — und lenkt dann die Aufmerksamkeit darauf hin, daß gerade die talmudische Bibelrnterpretation sehr häufig mit diesen neuesten grammatischen Forschungen zusammentrcffe und-in ihnen ihre Begründung und Rechtfertigung finde. ES nennt nur Verf. die Quellen, die er außer den gewöhnlich bekannten exegetischen Arbeiten zu seinem Buche benutzt habe und wir hätten statt der nun in der Vorrede als Schluß' folgendem, nach unsrer Ansicht etwas zu langen und besonders viel zu demüthigen captatio benevoientiae cm den Leser, lieber einige literaturhistorische, bibliographische Nonzen über einige bisher weniger benutzten Werke und ihrer Verfasser gewünscht. In,wie-weit" nun Schreiber dieß aus Wolf und de Rossi den Mangel dieser Notizen zu ersetzen vermag, mögen folgende Zeilen versuchen. Es benutzte nämlich unser Verf. außer den Werken der obgenannten Männer noch die von Loeb Spiro, Elia Wilna ein Buch, betitelt Rechasim lebikah und sodann 1) Den Biur al hatora des Bechai den Ascher (nicht zu verwechseln Bechai ben Joseph hadarschan, dem Verf. des Chobot habalbot), eines Schülers des Rabbi Salomo ben Aderet (berühmt als Rafchbo. Er war aus Sarragossa gebürtig und blühte 129t: er gehörte zu den im jüdischen Recht und der Cabbala bewandertsten Männern. Sein Biur ist eine buchstäbliche allegorische und kabbalistische Erklärung des Pentateuchs, und enthält viele antichristliche Stellen, die in beiden venetianischen Ausgaben fehlen , die man aber in der Kditio princeps (die zugleich eine der Jncunabeln deS JudenthumS ist) ohne Ortsangabe 1447, sodann in der von de Rossi fälschlich für die älteste gehaltenen Ausgabe von Pesaro, 1507 (in d. Oppenheims. Bibl.) so wie in den Riminischen und Constantinopolitanischen findet. Uebcr Commentare zu einigen schwierigen kabbalistischen Stellen dieses Biur, so wie über die andere Bechai zugeschriebencn Werke, siehe Wolf Bibl. I. 232. Eine jüngere, aber reichhaltigereQuelle für unfern Vers, war 2) Obadia ben Jacob ftfornos Biur zum Pentateuch, hohen Lied und Prediger. Venedig 1567 in 4. bei Gryphius. In der Vorrede wird der Zusammenhang der fünf Bücher Moses unter sich dargethan; am Schluffe finden sich einige Blätter mit der Ueberschrift, Kewanot hatora (Absichten des, Pentateuch's) DaS Ganze ist 92 Seiten stark und findet sich, nach de Rossi, so wie andern Comrnentaren deffelben Verf. zu den später» Propheten,