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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1839-12-14 · Heft 102 (14.12.1839) · p. Seite 666

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
3 (1839)
Issue
Heft 102 (14.12.1839)
Date
1839-12-14
Page
Seite 666 (sequence 14)
Language
German
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666 auch noch zu wenig gewürdigten und verbreiteten Arbeiten Herzfeld's (über Kohclet) und Löwensteins; daS wären so ziemlich alle exegetischen Leistungen von Bedeutung, deren sich Schreiber dieses erinnern kann. Und doch ist keine Thätigkeit so ächt national und zugleich so wissenschaftlich fördernd, als kritische, historische, sprachliche Exegese. Und besonders in unserer Seit, da Bibel und biblisches Judenthuin das Schibolet einer so weitverbreiteten, und an bedeutenden wissenskräftigen Männern reichen Partei geworden; da der Kampf gegen die Umzäunung und beengende Erweiterung der reinen jüdischen Lehre nur durch Berufung auf deren Urquell gerechtfertigt wird, nur durch allsertige Ergründung dieses Quelles zu einer erfreulichen Lösung gebracht werden kann: gerade in dieser Zeit will uns eine jüdisch-wissenschaftliche Bibelexegese mehr als je ein dringendes Bedürfniß scheinen und kann keine Bibelübersetzung, sei sie auch noch so gelungen, sobald sie mit der Autoritär des ttirbs hpa ohne erläuternde Beweisgründe hingestellr wird, die Stelle jener vertreten oder ohne sie in der gelehrten Welt eine Sanclion erhalten °). Unvermerkt aber sind wir nun hier auf das zweite Moment gekommen, das uns vorliegendes Buch als ein willkommenes begrüßen hieß. Es war ein unerquickliches, trauriges Bild, das uns bisher der naturgemäß nothwcndige Kampf zwischen Orthodoxie, und Neologismus im Judenthum bot. In den Pyramiden des Talmuds und seiner Acceyorien verschanzt und in dessen, nicht sowohl von Natur lichtscheuen, als von der Ungunst der Seiten und dem Ungeschick der eigenen Verfechter verfinsterten labyrinthischcn Gängen hauste die Mehrzahl der Orthodoxen: was außer diesem Bereiche lag, davon mar der größte Theil, mochte cs auch die wichtigsten jüdischen Interessen betreffen, nur sehr wenig fast gar nicht unterrichtet. Bei weitem der kleinere Theil hatte sich nicht allein mit anderen Zweigen nationalen Wipens einigermaßen vertraut gemacht, sondern hatte auch die Nothwendigkeit zeitgemäßer allgemeiner wissenschaftlicher Bildung, als einer Wappnung gegen den mächtig andrängenden Feind, erkennend, ein Quantum — aber ein möglichst geringes — dieses noihwendigen Ucbels sich anzueignen gesucht. In succiim et sanguinem hatten sich diese classischen, historisch-philosophischen Kenntnisse bei Keinem dieser Partei vertirt, und war dieß aus so manchen, zum Theil besser unerörtert bleibenden Gründen auch nicht gut möglich gewesen: überall war das Neuerworbene nur eine Art äußerer Bollwerke und Verschanzungen des alten Talmudbaues geblieben. So oft sie daher diese neuen Waffen im Kampfe brauchten, zeigten sie sich in der Handhabung der.fremden, aufgedrungenen Geschäfte ungelenk und oftmals litt selbst ihre gerechte Sache durch das Ungeschick der Vertheidigcr. Ein trauriger, weherregendcr Sustand. Ihnen gegenüber standen die Neologen, die Söhne der neuen Wssienschaft— gesäugten Seit, die Kinder des 19ten Jahrhunderts, das junge Judenthum, ausgerüstet mit aller Macht des gewandt gebandhabten, schneidenden Wortschwertes, begabt mit aller Schärfe des philosophisch-durchgebildeten Gedankens, und im Gefühle der Kraft von unaufhörlicher Kampfeslust beseelt, von dem schönsten und leider zugleich fürchterlichsten Triebe der Menschheit angefeucrt, von dem sehnsüchtigen Durste nach Befreiung vom alten Talmudjoch, von der wilden Lust nach Zerstörung der alten Zwingburg. DaS Judenthum, die Erkenntniß seines innersten Kernes, ein tieferer Blick' in das wahre Wesen und die Geschichte ihres Volkes,'seiner Philosophie, seiner Religion — freilich davon hatten die jungen Leute beim Beginn des Kampfes nicht eben mehr Kenntniß als ihre Gegner, und erst im Kampfe selbst lernten bcide Parteien, von der Macht des Augenblickes gezwungen, das Schlachtfeld kennen. Von des Kampfes Fortgang, Geschichte und jetzigen .Standpunkte, von den schon errungenen Resultaten, so wie von den noch zu erhoffenden — davon zu sprechen, ist nicht hier der •) Wir verwahren uns hiermit feierlichst gegen jede Mißverkennung des überaus löblichen Zweckes der beiden neuerdings erschienenen Volks« Bibeln, für deren von jedem Wohlmeinenden amrkaunter Nochwcndig« keit ihre zahlreiche Verbreitung hinlänglich spricht: nur ihr Derhältniß zur gelehrten Bibelforschnng sollten unsere obigen Worte bezeichnen und zu« gleich unter — und Vieler Andern — Verlangen nach Scholien der ge« lehrten Verfasser artSdrücken. Ort; nur einenoch wollen wir erwähnen: die Orthodoxie hat bisher weder dem radikalen formatorifchen Neologismus, noch dem aus der Einsicht von dessen praktischer Unhaltbarkeit entstandenen Juste-Milieu eine eigentliche, von ihr selbst und allen Unparteiischen als solche anetkannre Conceffion gemacht: sie hat keinen Fuß breit Feld an ihre Gegner abgetreten und diese haben ihr bisher nichts als die Anerkennung ihrer Existenz und Bekämpfungs- Nothwendigkeit abzuringen vermocht. Die erste Concession aber von Seiten der rabbinischen Orthodoxie— ein Ereigniß, daS man späterhin vielleicht als ein Epoche machendes in der Geschichte dieses Kampfes bezeichnen wird — ist, nach unserer Ansicht, diese- Buch, daS uns zu den bisherigen, zu feines Standpunktes klarerer Erörterung dienenden Betrachtungen veranlaßt hat, und dem also aus diesem Grunde auch unser freudigstes, herzlichstes Willkommen gegolten hat. Eine Vereinigung des biblischen Wortverstandes mit der talmudifchen Bibelinterpretation geben, heißt eingestehen, ein wie schwacher unhaltbarer Punkt gerade dieser in der Talmudfestung sei; heißt, was alle Orthodoxen bisher negiert haben, das Recht derZeit anerkennen, welche auf wissen schaftliche Gründe gestützt, die Bibelerklärungen des Talmuds angriff, für falsche, für gezwungen erklärte; es heißt endlich, den streng orthodoxen Standpunkt, der den Talmud für supernaturale Autorität erklärte und ihn durch Inspiration geschrieben glaubte, aufgeben und von den ungesunden, nächtigdunkeln Liefen der Mystik an'S Tageslicht und auf die freie, offene Kampfebene des Verstandes und der Wissenschaft hinaufsteigen. Durch dieses>.Streben einer Vereinigung der Tradition mit der Wissenschaft ist nun dieses Werk, abgesehen von dex lobenSwerthen, durch die Zeit hervorgerufenen Tendenz und praktischen Wichtigkeit, zu einem originellen geworden, da wir in der jüdischen Literatur bisher noch keines der Art besitzen. Aber außer diesem Vorzüge besitzt diese exegetische Arbeit auch noch manchen andern, durch der sie einer lodenden Erwähnung und im Betreff der Schwächen einer milden Beurtheilung sich verdient macht. Besonders können wir nicht unterlassen, auözusprcchen, wie sehr es uns erfreut hat, einen alten würdigen Mann auch würdig seine Sache verfechten zu sehen, zugleich aber auch bemerken zu können, wie seine Erkenntniß nicht etwa eme veraltete ist, sondern wie er — was nicht allein der Titel verspricht, sondern auch das Buch erfüllt — die neuesten Forschungen jüdischer, sowohl exegetischer, als sprachlicher Wissenschaft sich anzueignen und zu benutzen gesucht hat; wie er, ein Greis, es seiner nicht unwürdig gehalten, von der Jugend und noch dazu von einer andersmeinendcn Jugend Belehrung anzunehmen. Das zeugt von einem wahrhaft wissenschaftlichen Sinne und nur wenn dieser in Israel immer mehr gedeiht und thatkräftig wird, kann man zu einer baldigen, erfreulichen Lösung der schwebenden Fragen zu gelangen hoffen; nur wenn beide Parteien besonders aber die orthodoxe, sich nicht mehr in den Mantel der Wissenschaft hüllen, sondern wirklich im innersten Kern ihres Denkens wissenschaftlich werden, und auf dem Gefilde der Theorie ihre Streitigkeiten ohne praktische Bestrebung und persönliche Anfeindung auökämpfen; nur dann kann man hoffen, daß das starre Formcnwesen der jüdischen Lehre von dem zu neuer ZeugungSkraft erweckten inner» Lebenstrieb, den eS in sich hält, ganz durchdrungen, belebt und von innen heraus geläutert werde und daß recht bald die Zeit nahe, wo eine-Harnronie zwischen Glauben und Wissen in Israel eintreten kann. ES bekundet aber daS vorliegende Werk diese Wissenschaftlichkeit nicht allein in dem, was eS uns giebt, sondern auch durch die Art, wie cS uns daS Gegebene bietet; die Wahl der hebräischen Sprache ist, abgesehen davon, daß sich das Meiste des Gesagten nicht gut in einer andern Sprache sagcn ließ, auch von Seiten der Wissenschaft zu loben. Denn eS verlangt die wissenschaftliche Forschung, wie ihre Form, den logisch durchdachten, präcis auSgedrnckten Gedanken, so auch ihre eigene Sprache, die freilich dem Stoffe und Zwecke-angemessen sein muß, als welche aber mit vielem Rechte eine fremde, (gewöhnlich die lateinische) gewählt werden soll. Denn da wohl keinem Gelehrten irgend eine. Sprache so geläufig ist, als seine Muttersprache, so bewahrt ihn die Wahl einer fremden zumAuö-

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