Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 3 (1839)
- Issue
- Heft 102 (14.12.1839)
- Date
- 1839-12-14
- Page
- Seite 640 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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660 Sekrctäir fein., um eine Stellung m der Welt vknnchmen zu können. Da ruft man nun den Reichen in Israel zu: „Kommt, und thut euch in General- und Filial-Comites zusammen und werft uns Pensionen aus, denn wisset, wir Männer der Kunst und Wissenschaft, euer Glanz und eure Zierde, müßten sonst hinter der jüngsten Pariser Mode Zurückbleiben, wir könnten, keine Eintrittskarten zu Ballen und Casi'no's lösen, auch müßten wir uns an Champagner und den Besuch honetter Hotels versagen, kommet und helfet uns.ihr Reichen, denn fast lügen wir ein Glaubensbekenntniß, woran wir nicht glauben, und ihr stehet dann da ohne Künstler und ohne Gelehrte." — Wenn unsere Reichen klug sind — und so, wie wir sie zum Thei-le kennen, werden sie sich es gewiß vorerst überlegen, ehe sie mit ihren Thalern Herausrücken — werden sie euch gehen lassen, wohin ihr wollt, denn an Leuten, die mit ihrer Kunst und Wissenschaft prahlen, und auch nur drohen, ihre bessere Ueberzeugung für ein schmackhafteres Stück Brod abzuleugnen, hat man noch nie etwas verloren. — Wahrhaftig es ist empörend, Männer, die wegen ihrer geistigen Vorzüge eine Achtung gebietende Stellung im Judenlhume und aller Welt gegenüber behaupten sollen, das erste Wort für sich ergreifen zu hören! Der arme Jude, der sich den ganzen Tag unter seinem Sacke krümmt, und sich Verachtung und Mißhandlungen aller Art gefallen taffen muß, um sich für den Abend ein elendes Brod und für den Sabbat eine warme Suppe zu erschwingen — dev jüdische Handwerker, der in v'elm Städten Deutschlands gar nicht oder nur schwer zugelassen, an manchen Orlen in den elendesten Stadtwinkel verdrängt wird, um da mitten einer armen Bevölkerung am Hungertuche zu nagen und zu verkümmern, — der Händel treibende Jude, der jeden Tag seines Lebens sein von ihm oder seinem Vater schwer erworbenes Gut aufs Spiel sehen muß, weil er aus seinem Stadtwinkel, auf den er hie und da angewiesen ist, und bei den Beschränkungen, die ihm auch sonst noch auferlegt sind, schwer mit den anders Glaubenden konkurrircn kann, der nebst den Bedürfnissen des Mittelstandes, noch besonders für denJudenzoll, der in verschiedenen Städten unter verschiedenen Namen, aber gleich schmachvoll auf ihm lastet, — der reiche Jude, der trotz all seinem Gelde seine Kinder nicht versorgt sieht, weil er ihnen nichts als das „Geschäft", den tausend Wechselfällen ausgesetzten Handel übergeben kann, weil er es gesetzlich nicht dahin zu bringen im Stande ist, ein Stück Feld sein zu nennen, um es seinen Nachkommen zu hinterlassen, — dieß Alles ist nichts, dieser vielgestaltige Jammer wird nur im Vorbeigehen mit einigen schönklingenden Phrasen berührt, und nur einer Klaffe sott geholfen werden , wo enoch unter allen Juden am meisten gegönnt ist, sich geltend zu machen, und die, wenn Alles fehl schlägt, doch in der Kunst und Wissenschaft Beruhigung und Stütze genug finden kann, um sich über Zurücksetzungen, die sie blos ihres Glaubens wegen erfährt, trösten zu können. — Wir wissen freilich auch den Schmerz zu würdigen, wenn ein Mann, der fühlt, was er leisten könnte, in der Vollkraft seines Bewußtseins andere gleich oder nieder Befähigte sich vorgezogen sieht, und wir würden unsererseits nicht die letzten auf unserem Posten erscheinen, wenn es einmal gälte, für die Männer der Kunst und Wissenschaft jene äußeren Vortheile zu erringen, die ihnen ebenso wie den anders Glaubenden ihres Gleichen gebühren; aber sich als die allein zu Berücksichtigenden hinstellen, während uns noch so allgemeiner Jammer umgiebt, bei unseren Reichen um Pensionen betteln, oder, was noch viel schlimmer ist, den sammtlichen Juden Deutschlands zu verstehen geben, daß die Männer der Kunst und Wissenschaft sonst genöthigt waren, auS ihrer Gemeinschaft zu treten, anstatt dem Ueberfluß der Reichen den Weg zu gemeinnützlichen Zwecken anzudeutcn, das ist es, deßwegen wir uns für die Männer der Kunst und Wissenschaft in Israel für das Judenthum selbst, Deutschland und Europa gegenüber zu schämen haben. Und mit Recht! denn wenn man so wenig Vertrauen in die Ueberzeugung eines Mannes von höherer Bildung setzt, was laßt sich da von dem großen Haufen denken, der bei seinem Gewerbe heranwachsend nicht so viel Zeit und Gelegenheit hat, über Fragen höherer Art nachzudonkey? — Was Noch thut, ist etwas ganz Anderes als Pensionen, Thatkrast, fester Wille, männlicher Muth, nicht kränkelndes Klagen und Betteln um Allmosen, sollen wir gegenüber was für die Juden in Deutschland noch zu erringen ist, der durch Intelligenz schon an sich bevorzugten Juden auszeichnen, er soll trösten, und der allgemeinen Noch wehren helfen, denn'er kann cs mehr als Alle. Dem Künstler, dem Gelehrten stehen viele Wege zu den Mächtigen dieser Erde, und zu der Ueberzeugung der Völker offen, er kann schreiben und sprechen, wenn ihm.nur nicht falsche Scham das Wort in der Kehle erstickt, er kann die geistige Keule des Rechtes schwingen, und die zarte Saite des Mitgefühls rühren. An ihm ist es, die Fahne.voranzutragen, er soll die Geld- und Einfluß-Reichen unausgesetzt auffordern. Alles, was in ihren Kräften steht, zur Verbesserung des inneren und äußeren Zustandes Aller beizutragen, aber nicht für sich zuerst fordern; er soll, wenn es nöthig ist, den Stumpfsinnigen ein und dasselbe hundert und tausendmal in die Ohren schreien, bis er sich Gehör verschafft; dann kann er auch hoffen, ist einmal der Sieg Aller für Alle