Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 3 (1839)
- Issue
- Heft 101 (7.12.1839)
- Date
- 1839-12-07
- Page
- Seite 650 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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650 Geistes Anhänger gefunden: da drang Muhamcd aus seinen Wüsten hervor, um die Herrschaft des alleinigen Allah über den Erdkreis zu verbreiten. Jetzt theilten sich die ergriffenen Völker in zwei große Hälften. Den Islam umarmte der Orient, das Land, deffen klimatische Beschaffenheit seinen Bewohnern den Stempel einer indolenten Stabilität in dem Maße aufgedrückt hat, daß sie damit zufrieden sind, eine Wahrheit zu haben, gleichviel ob von innen oder von außen an sie gebracht, ob von Freundes oder Feindes Hand. Nur das Abendland, weil es dem Orient gegenübersteht, wie der Geist der Natur, will sich durch die viel langsamere, aber um so sicherere Waffe, des Gedankens den Sieg verschaffen; drum mußte die Schneedecke des Dogmatismus noch ein Jahrtausend den zarten Keim der Wahrheit umschließen, bis, von allseitiger Entwickelung getragen, die Sonne des reinen Gedankens hoch genug stände, ,um den alten Einen Gott neu und aus sich heraus zu gewinnen. Salvador sagt, die Reformation sei ein Einlenken in das Judenthum: wer über die momentane Neaction vieler jetzigen Theologen dieses Bekenntnisses nicht an der Hauptrichtung irre wird, welche von Luther bis Strauß verfolgt worden ist, wird ihm beipflichten. Unter Judenthum darf aber dann nicht sowol die mosaische Religion in ihrer ursprünglichen Naivität verstanden werden, denn Jahrtausende lassen sich nicht ignoriren, als vielmehr das. aus deren Kern unter Wechselwirkung von Tradition und der gesammten neueren Cultur entstehende Evolut d. i. das heutige Judenthum. So ist das religiöse Bewußtsein am Ende des. dialektischen Kreislaufes wieder auf dem mosaischen Boden eines objektiv gewordenen einigen Geistes angelangt; und fragen wir, was denn der Lohn eines mehr als dreitausend jährigen Kampfes um Licht und Wahrheit sei, so ergiebt sich uns als Antwort, daß das'Mosesthum das schlichte, primäre Bewußtsein von diesem einigen Geiste erzeugt hat, dagegen das heutige Judenthum die Unhaltbarkeit einer Pluralität des Geistes, zugleich aber auch die Erkenntniß von Israels Mission oder das volle Bewußtsein jenes früheren Bewußtseins als Ueberzeugung ausspricht. C o r r e s p o » d e n.z e >:, Von der russischen Grenze. Der Chassidismus in Polen. Von Julius Marcussohn.B.. (Schluß.) Schon die alten Rabl'inen haben die erhabene Forderung, daß der Mensch immer mit Gott lebe, in dem Psalmenverfe: „Stets. schWb^-nnpdie Gegenwart Gottes, vor der Seeles *P/2n tf1» n-M.Uj!' '»viedergefunden. (<Stcl)e Orach Chaiiu Cap. I. §1 •l. ,0lniiucvfting lind More Nebuchim Törn III.), Aber auch hier ist das geistige Weiterschreiten des Chassidismus unverkennbar. Der RabinismuS gebietet.ein Leben mit Gott, hingegen empfiehlt der Chassidismus ein Leben in Gott. — Jener nämlich verlangte eine immerwährende Erinnerung an die Gegenwart Gottes „Sei eingedenk, sprechen fdie.Rabbinen, daß .Gott jederzeit deine Thaten schauet, daß Ihm als allsehendem Richterauge keine deiner Thaten unsichtbar bleibt, 'daß Ihm als allhörendem Ohre keine deiner leisesten Herzensrcgungm entgehet, und daß vor dem Richterstuhle der Allmacht kein Vergessen Statt finde: damit dich der Gedanke der Allgegenwart Gottes von jedem Frevel zurückbcben mache, daß Seine Ehrfurcht jeden deiner Schritte begleite dein Lebenlang." Fürwahr, eine heilige Moral, die den Geist du rchd ring t, aber doch nicht belebt, die uns zwar.durch die Gegenwart Gottes zur Sittlichkeit bewegt, oder gar zwingt, die aber keine innigere Sympathie zwischen Gott und uns anknüpft und Gott nur als dichter feiert"). Im Chassidismus aber erscheint der Unendliche zwar auch in seiner unendlichen Majestät, aber ich stehe nicht mehr, ihm alö nichtiges Geschöpf gegenüber, sondern lebe als ein Theil seiner selbst in I hm. Und wenn mein Geist in die Unendlichkeit Gottes sich verlieft, wenn er in den unendlichen Hiurmelöraumen staunend herumirrc, wenn überall tausendfältige Stimmen auf diesem Erdball ihm zurufen: „es ist ein Gott der uns belebt, Unendlicher ist fein Name" — dann erst fühlt er sich groß, groß, dieses alles zu erkennen und somit als Objekte in sich aufzunehmen, groß, nicht das geringste Glied im unendlichen AL zu fein, sondern ein sich selbst bewußtes, im Unendlicher Absolution als dem Urquelle seines Daseins lebender und schaffender vernünftiger" Geist. — Nicht der Schatten meiner Nichtigkeit, sondern vielmehr der Glanz meines eignen Daseins ist es, der mir in der Gegenwart Gottes entgege'ntrirr. Nicht mehr als Sterblicher finde ich mich, indem ich mich in der Gottheit miederfinde, indem ich mich. Ihr nähere und in ihrem Abglanz sonne; denn im Reiche der ÄZesenhert ist die Vernichtung verbannt: in Gott kann ich-aufgehen, aber nicht im. Lode untergehen. Und dieses hohe Selbstgefühl meiner Göttlichkeit ist es, das meine Schritte auf der Bahn der Vervollkommnung'leitet, und mich das-Gute lehret Üiitia rhrm „Wähle das Leben, damit du im. Leben lebeff" führt der Chassid im Munde. — Der-Chaffid also „hat Gott im Herzen", wie er sich auSdrückt. Die Vereinigung mit Gott ist der Leitstern ,- der ihn durch das ganze-Leben führt, bei jedem Thun und'Lassen denkt er daran; kein Augenblick darf vergehen, in dem er an Gott vergessen hätte. — Indessen fühlt nun der ChassidisNiüsdaß der Menschengeist nicht immer Herr'seiner Gedanken ist, daß erbost getrübt und von sinnlichen Begierden bestimmt wird, und jenes klare Auge entbehrt, das allein das Unendliche'abzufpiegeln vermag; und indem nun oft der Mensch, weil er mur Mensch, bei all seinem Bestreben nicht vermag, einer erkanntest'' Wahrheit sich jederzeit deutlich zu erinnern, und eine ehedem empfundene Empfindung in den lebendigsten Farben-sich jederzeit wieder zu vergegenwärtigen, ein Zustand, den der Chassid Herabsinken der Geister (■prnaV; nb^sa) nennt; so nahm der Chassidismus zum sinnlichen Anschcilibarbn seine Zuflucht. Er sagt: wenn die Gegenwart Gottes, als des (dich umgebenden, und dir inwohnenden) unendlichen Geistes, dich nicht mehr.so lebhaft durchdringen sollte; so ankere dich fest an seinen Namen» Rufe in deine innere Anschauung das W o rt ni rj i wieder zurück; dies, schwebe stets dir vor; und .indemdu der RennniScenz *) Man vergesse aber nicht, daß dies nur eine abgebrochene, , einzelne Sentenz, aber noch nicht umfassender Lehrsatz des Judemhums ist, wogegen hundert andere Sentenzen die Annäherung des Menschen zu Gott besprechen.; Redakteur.