Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 3 (1839)
- Issue
- Heft 100 (30.11.1839)
- Date
- 1839-11-30
- Page
- Seite 624 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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624 welche dadurch hervorgerufen sind, kaum zu begreifen sein, daß eine Vereinigung der Ansichten selbst unter Männern, deren politische Grundsätze sonst nicht so fern von einander stehen, noch nicht überall hat erreicht werden können. Im Allgemeinen wird aber wenigstens von den Bessern und Einsichtsvollecn immer mehr erkannt, daß es vorzugsweise die willkührlichen Rechtsbeschrankungen gewesen sind, durch welche die christlichen Staaten selbst auf die moralische und bürgerliche Erniedrigung der Juden eingcwirkt haben, daß man ihnen die bürgerlichen Gewerbe, den Landbau und den Staatsdienst öffnen muß, wenn man nicht will, daß sie blos vom Handel, der ja bei den Acrmern nichts Anderes sein kann, als sogenannter Schacher, leben; daß sie nur durch eine gleiche Theilnahme an den gemeinschaftlichen Rechten und Lasten aller Staatsbürger, sowie durch eine freie Wahl ihres Berufs auch zu gleichem Gemeinsinne, zu gleicher Vaterlandsliebe-emporgehoben werden können, und daß man keine Liebe erntet, wo man Haß säet. Ueber den Grundsatz selbst ist so viel gesprochen und geschrieben, daß neue Gründe und Gegengründe sich schwerlich noch würden aufsinden lassen; die Wahrheit wird aber erst dann von allen Seiten mehr erkannt und gewürdigt werden, wenn überhaupt die Ansichten über das Verhaltniß des Staats zur Kirche mehr Klarheit erlangt haben. Denn .wenn nicht kirchliche Begriffsverwirrung dabei im Spiele wäre, so würde man dem getauften Juden unmöglich ohne Weiteres alle Rechte der Staatsbürger einraumen können, welche man dem nichtgetauften versagt. Sowie nun aber überhaupt^ nach dem Zwecke dieses Werkes die Emancipationsfrage hier hauptsächlich nur von ihrer praktischen Seite aufgefaßt und ihre Stelle in der Gegenwart bezeichnet werden darf, so ist auch eine solche vergleichende Darstellung wiederum für die theoretische Prüfung der Frage um so mehr von Wichtigkeit, als man überall gewohnt ist, vor dem Experimentiren in der Gesetzgebung besonders da, wo es an guten Willen zu vernünftigen Fortschritten fehlt, gewarnt zu werden, und es daher wol der Mühe lohnt, aus der Erfahrung dasjenige zusammenzustellen, was der gegenwärtige Zustand der Juden an Gleichartigem und Verschiedenem barbieret." — Ueber die innern Bildungsverhältniffe der Juden, obgleich dieselben im Speciellen weniger besprochen werden, läßt sich der Artikel folgendermaßen aus: „Die Bildungs- Verhältnisse der heutigen Juden lassen ein unzweifelhaftes Fortschreiten zum Bessern erkennen. Die Aufklärung hat unverkennbar schon Gutes gewirkt, wiewohl die Orthodoxie der alten Schule wie überall, so auch hier, derselben ftindfelig entgegentritt und daneben Indifferenz sich nicht selten in das Gewand eines flachen Rationalismus hüllt. Besonders in Deutschland verdienen die Bestrebungen ausgezeichneter Juden, durch Lehre und Schrift, durch Vereine, eigene Zeitungen und gemeinschaftliches Zusammenwirken auf anderen Wegen (wohin auch die als Versuch immer ehrenhafte Synodalversammlung jüdischer Rabbinen in Wiesbaden zur Besprechung über Cultus- und Reformangelegenheiten, sowie die .anscheinend von dem > besten Erfolge gekrönte Aufforderung zur Bildung einer jüdischen Facultät und eines Seminars gehören) auf die geistige und sittliche Veredlung ihrer Glaubensgenossen zu wirken, die vollste Anerkennung aller Menschenfreunde. Freilich ist auch hier die Mißgunst geschäftig, und während man sonst die Juden ihrer Orthodoxie wegen verketzerte, wirft man ihnen jetzt, wo der Geist der Aufklärung über das Judenthum kommt, Neigung zum Deismus vor und identisicirt ihr Streben wol gar mit revolutionairen Umtrieben. Geht doch die „Evangelische Kicchenzeitung" so weit, die Christenheit zum „Fluchvollstrecker über Israel" zu machen; die „sündige Liebe zum Volke Israel von Seiten der Namenschristen, die daS Recht ihrer Erstgeburt nicht höher, als ein Linsengericht schätzen", höchst strafbar zu nennen und die größere bürgerliche und gesellige Gleichstellung zwischen Juden und Christen tief zu bedauern. Vielleicht aber ist es für die allgemeine^ und religiöse Bildung der Juden, besonders der deutschen, nicht ohne großen Gewinn, daß ihnen die Emancipation so schwer wird. Der Druck ruft den Gegendruck hervor und durch den dialektischen Kampf, welcher in Deutschland nun schon seit einer langem Reihe von Jahren mit der größten Anstrengung geführt wird, ist der Geist der Juden hier auch im Ganzen zu einer Gediegenheit und Kraft erwachsen, wie schwerlich auf einem andern Punkte des Festlandes. Sie werden daher hier, wenn nicht die Stunde ihrer gänzlichen Befreiung schlägt, die Emanckpation klarer auffassen als irgend anderswo, und dadurch auch am meisten dazu beitragen, daß dieselbe eine vollständige werde, d. h. daß auch die Volksmeinung aufhört, an dem jüdischen Wesen einen beständigen Gegenstand ihres spottenden Witzes zu finden". — Hierauf folgt eine gedrängte Uebersi'cht der jetzigen gesetzlichen Verhältnisse der Juden in sämmtlichen Ländern, wobei überall die allgemeine Zeitung des Judenthums zu Grunde gelegt, und die in derselben vereinzelten Notizen und Nachrichten zusammengestellr sind. Wir haben daher aus der großen Masse der Daten, die herangebracht werden, nicht ein Einziges herauszuziehen, was nicht bereits in unserem Gebiete schon zur Sprache gekommen. Wir fügen daher nur noch die Schlußworte des Artikels hier bei: „Wenn wir zum Schlüsse einen vergleichenden Blick auf das buntscheckige Bild werfen, welches aus der Darstellung der innern und äußern Lage der Juden in den einzelnen Ländern des ganzen Erdenrundes, hervorgeht, so gelangen wir zu dem Resultate, daß, einzelne Ausnahmen und Schwankungen in den Gradationen abgerechnet, die Emancipationsfrage mit der allgemeinen Civilisation der Völker und der Entwickelung der politischen Freiheit unter ihnen gleichen Schritt geht. In Deutschland ist man überhaupt noch beiweitem nicht überall zür klaren Auffassung eines politischen Rechtsbegriffes gekommen, und in dem Maße, als die Ansichten darüber Heller werden, wird auch die Gerechtigkeit, die man den Juden schuldig ist, ihre Befriedigung zu erwarten haben. Daß eine rechtliche Gleichstellung erst dann ihre vollen Früchte tragt, wenn sie zugleich zur vollen socialen Gleichachtung geworden ist, und daß diese erst nach Ausrottung tief eingewurzelter Vorurtheile aus der einen Seite, sowie nach wesentlicher Neknkgung und Veredlung des Judenthums auf der andern, also jedenfalls wol erst nach Verlauf eines langem Zeitraumes