Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 3 (1839)
- Issue
- Heft 99 (23.11.1839)
- Date
- 1839-11-23
- Page
- Seite 617 (sequence 13)
- Language
- German
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617 Außenwelt ist für den Neugeborenen noch gar nicht da, und daher nennt ihn ein bekannter Philosoph mit Recht, den größten Egoisten. In diesem Zustande kann aber das Kind Ln der That keinen Augenblick verharren, weil die Welt sogleich gegen dasselbe das Spiel ihrer Activität beginnt.. Jeder Eindruck von außen treibt nämlich das Ich in die Enge, und diesem wird bald das Gefühl seiner ursprünglichen Unumschränktheit insoweit geschmälert, daß eS ein Nicht-Ich, eine Außenwelt anerkennt. Jener Zustand des unbegrenzten Ichs ist nun aber, weil er für das concrete Individuum nur momentan ist, auch für das gesammte Geschlecht nur in der Theorie festzuhalten,, und der Stand des wahren Atheismus*), wie ich ihn nennen möchte, kann daher für die 'religiöse Entwickelung nur den Ausgangspunkt abgeben, und keinesfalls als die erste Stufe der Entwickelung selbst angesehen werden. Dagegen dem Zeiträume, welcher Ln der Entwickelung des individuellen Bewußtseins die Anerkennung eines Nicht- Ichs mit noch überwiegender Ichheit umfaßt, - entspricht Ln der Völkerentwickelung ein schon religiöses. Studium, das der Zauberei. Ein Kind, für das eine äußere Welt schon da ist, nur noch ohne §en klargedachten integrirenden Begriff einer Widerstand leistenden, einer der Subjektivität ungehorsamen: greift nach dem Monde, befiehlt leblosen Dingen, und halt Alles für seinem Willen unterthan. Eben diese nur im Wahn lebendige Machtvollkommenheit, des Individuums über die Außenwelt ist die Idee der Zauberei- Dev wahre Zauberer — also mit Ausschluß desjenigen, welcher, auf einer schon entwickelteren religiösen Stufe, nur noch auä Heuchelei oder Eigennutz zaubert — glaubt wirklich im Besitze der mystischen- Macht zu sein, von deren Handhabung über Raume und Zeiten und alle äußeren Verhältnisse seine Zauberaction den Schein trägt.. Aber das Kind kommt bald von seinem stolzen Irrthum zurück, es lernt d!e Selbstständigkeit der Natur kennen, und indem auch hier die Extreme sich berühren, zieht sich sein Ich, gegenüber einer unbiegsamen Objektivität, in jenes zaghafte Grauen,, in jene ohnmächtige Wuth zusammen, welche an Kindern von zwei, drei Jahren an so oft beobachtet worden ist. Denselben Weg müssen die Völker zurücklegen. Das Reich der Zauberei,, durch- Widerspenstigkeit beschämt-. •) Atchei-sn, uS nenne ich diesen Zustand, weit dir absolute Unbegrenzcheit des Ichs einen Theos, d. i. ein Object geradezu auSschließr, und den wahren, weil noch nicht, wie in einem jüngeren Atheismus,, die Kenntniß des Ichs, dieses nur aus obs jectiven d. i.' göttlichen Einwirkungen geformten Wesens, das Laugnen einer Objecrivität. zur Unwahrheit macht. ..durcheilt in fortwährendem Rückzüge alle Stadien von dem naivsten Sultanismus über Himmel und Erde bis zu dem zaghaftesten Gebrauch eines vieldeutigen Fetisches. Endlich macht die starre Außenwelt vollständig., ihr Recht geltend^ und wir gelangen auf den Boden der Naturreligionen In den Naturreligionen ist das Ich am meisten zurückgedrängt; rohe,, rücksichtslose Kräfte drängen sich ihm als die absolute Macht auf, und betäubt von dieser Fremdenherrschaft, die es noch nicht begreift, erblickt es um sich herum nur die wüste Willkühr dämonischer Gebilde, zu welchen es seine Naturtyrannen verkörpert. Jetzt zum ersten Male konnte der Gedanke eines Gottesdienstes auftauchen. Gottesdienst ist nämlich durch, alle Phasen religiöser Entwickelung hindurch diejenige Thätigkeit, vermittelst deren die fremde Gottheit befreundet,, versöhnt, mit dem Ich zufriedengestellt werden soll. Versöhnung, setzt aber den Begriff einer Entzweiung voraus, und diese involvirt wiederum die Selbstständigkeit eines Nicht-Ichs- Hatten wir mithin gefunden, daß die Anerkennung eines selbstständigen Nicht-Ichs das Wesen der Naturreligionen ausmacht,, so kann Entzweiung, Versöhnung, Gottesdienst erst jetzt möglich, geworden sein- Zur Wirklichkeit wird nun diese Möglichkeit durch das- B edürfniß einer Versöhnung, welches der Glaube an tyrannische Wesen,, wie sie eine so wirre Natucansicht lehrt, in dem eingeschüchterten Gemüche immer vom Neuen erweckt und rege erhält.. Wie aber die Götter, so ihr. Dienst- Daher wenn wir von unserem Standpunkte aus die Zauberreligionen als lächerlich bezeichnen können, erscheinen uns die Naturreligionen fratzenhaft und voller Willkühr in jeder Beziehung. Allein auch, dieser Standpunkt ist mit mehr Wahrheit nur ein Durchgangspunkt Die Wiederkehr der Natureindrücke lehrte bald die erhöhte Aufmerksamkeit der alten Welt, in den meisten Erscheinungen das Gesetz heraussinden, für dessen Auffindung wiederum auch der Knabe so viel Geschicklichkeit zeigt.. Das Gesetz in der Natur vergöttert dev SabäismnS oder das Religionssystem. des Sterndienstes. Die Stetigkeit, mit welcher die Himmelskörper ihre einförmigen Bahnen wiederholen, mußte die asiatischen Nomaden zuerst gegen die vermeintliche Launenhaftigkeit dev Natur ungläubig machen, und dieser Faden führte bald durch viele Krümmungen ihres Labyrinchs, und das Wesen der Natur, welche bis dahin als grillenhaft erschienen war, bewahrte sich, nun als nothwendig.. Aber eben dieses Naturgesetz klammerte sich bald wie krampfhaft um seine Bekenner, dir starre Unabänderlichkeit setzte sich auf den Thron, und das: Gemüth ihrer Sklaven konnte nur resigniren und ernst, finster, gräulich sein- So treten, nntz dir Chaldäer, die Syrer,, die