Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 3 (1839)
- Issue
- Heft 99 (23.11.1839)
- Date
- 1839-11-23
- Page
- Seite 610 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3224737-3225013-3225113--02305-3234880- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
610 Lages-Controle. Hamburg, Nov. L e s e k t e L t e n. I. Etwas zum Lachen. In dem neuen Buche: la jeune Rachel -et la vieille comedie frat^aise ist pag. 174 in der Biographie der Schauspielerin Mlle. Rachel (eigentlich Mlle. Rachel Felix) folgendes zu lesen: „L’enfant apporte ä la Synagogue le huitieme jour,, y fut rachete selon l’antique usage, v subit la mysterieuse circoncision et fut inarquee du noin tdianiiant de Rachel.“ Ist das nicht ein köstliches Seitenstück zu den berühmten „Ila'fdschnouks, peuple sauvage qui habite uue partie du pays d’Hannovre?“ 2. Etwas zum Achselzucken. In einer kleinen, aber heftigen Flugschrift gegen Dr. Steinheim's „Meditationen über die holsteinischen Standeverhandlungen rc." liest man in dem ersten Kapitel, das gegen den Liberalismus im Allgemeinen zu Felde zieht und ihn mit der religiösen Indifferenz identisicirt: „Der Staat bekennt noch den alten Glauben, wie er im Worte Gottes begründet ist und der Auslegung des Wortes Gottes in den symbolischen Büchern gemäß". Da der Pamphletiker nun hierdurch die Ausschließung der Juden motivirt, so waren es nicht minder alle nicht altlutherische Christen! — Sodann im.2ren Capitel erwiedert er auf den Einwurf: das Reich Christi wolle ja gar nicht von dieser Welt sein! „Hat er (der Gegner) denn nie von dem Reiche Gottes auf Erden gehört? — und daß dasselbe weiter ausgebreitet werden soll?" Daraus wird dann wkedrum abgeleitet, daß kein Jude Staatsbürger sein könne, aber dann ganz gewiß auch kein Protestant in katholischen Staaten. Sahen wir.nicht leider jetzt von allen Sekten wie die häßlichsten Leidenschaften und die verstandlosesten Begriffe sich wie vor Zeiten wieder in Bibelphrasen zu hüllen wissen — wir könnten uns über solche sich selbst verdammende' Aeußerungen" wundern. Indessen: Muth gefaßt! die Fluch steht hoch, bald wird die Ebbe eintreten. Wenn aber solche Apologeten des Christenthums es nur als eine enge Hürde glaubenspflichtiger Schafe darzustellen wissen, die sich nur in dem allerengsien Ideenkreise bewegen können, in beständiger Gefahr auszuglitschen, und aus dem Staasbürgerthum und der ewigen Seligkeit zugleich herauszufallen-was sollen wir da sagen? 3. Etwas (wenn es allgemein wahr wäre,) zum Verzweifeln. In einer Kirchenzeitung liest man, was man beiläufig noch fast nirgends bei christlichen Schriftstellern findet, ein Lob der Tapferkeit und der Begeisterung der Juden, die Jerusalem gegen Titus verthekdigten. vr. Paniel, der Verfasser des Aufsatzes (es ist eine Recension) nennt jene Juden nicht, wie es schon seit 1800 Jahren Mode ist, finstere, hartnäckige, menschenfeindliche Fanatiker, ja er äußert sogar .starke Zweifel an die Clemenza di Tito, des liebevollen Casaren, der täglich 500 Juden vor den Mauern Jerusalems kreuzigen und zum Geburtstage seines Bruders Domitian 2500 detti verbrennen und zerreißen ließ. Und dann fährt dieser Herr Di-. Paniel fort: „der Untergang des jüdischen Staats zeigt so viele und so große Züge bewundernswürdigen Heldenmuthes, daß Ref. geneigt wäre, die Juden um dieser Thaten willen zu lieben, wenn nicht auch ihm ein Theil christlicher und germanischer Judenantipathie eingeimpft wäre". Und nun gehet hin, meine Brüder, und suchet eure Menschen- und Bürgerrechte mit Gründen zu verfechten, und nun gehet hin und lehret eure Kinder, die euch mitunter klagen, wie sie von den Christenknaben schon geneckt und mißhandelt werden, lehret sie wie man alle Menschen gleich lieben müsse und dies auch namentlich von den christlichen Mitbrüdern wieder erwarten könne. Dann aber lasset sie ja nicht das theologische Literaturblatt der Allg. Kirchenzeitung Rr. 117 lesen, sie möchten sonst auf den martervollen Gedanken gerathen: was der Herr Di-. Paniel da so naiv hinwerfe, sei auch die Grundgesinnung vieler oder gar der meisten oder gar aller Race- und Glaubensgenossen.- 4. Etwas (wenn's wirklich so wäre,) zum Frohlocken. Die gegenwärtigen Streitigkeiten wegen der symbolischen Bücher veranlaßten den Herrn Dr. Hudtwalkec, hamburgkschcn Senator und einen Verfechter der altgläubigen Partie, einen „Protest in Veranlassung der neuesten kirchlichen Ereignisse in Hamburg" herauszugeben, worin er pag-. 42 aus seiner 6jährigen Erfahrung als Polizeiherr in Hamburg ein schauderhaftes Bild von der furchtbaren Sittenlosigkeit eines Theils der dast'gen Bevölkerung entwirft; — Es ist da von ganzen Gangen (kleinen Gassen) die Rede, wo man das eheliche Band nur vom Hörensagen kennt, und keinen andern Gott, als den Brantwein u. s. w. Der Peri'od schließt mit den Worten: „warum kommen alle diese Dinge unter den Juden fast gar nicht vor? Weil unter ihnen noch der Offenbarungsglauben herrscht, dessen göttlicher Einfluß trotzdem, daß seine Anhänger die Erfüllung der Verheißungen des alten Bundes durch Christus nicht gelten lassen wollen, mit seinen Segnungen noch nicht ganz von ihnen gewichen ist." Da wäre nun wohl Grund zu