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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1839-11-16 · Heft 98 (16.11.1839) · p. Seite 598

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
3 (1839)
Issue
Heft 98 (16.11.1839)
Date
1839-11-16
Page
Seite 598 (sequence 10)
Language
German
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598 ßene, es liebet und kennet sie nur, wer da draußen den Frieden verlor und ihn wieder finden will, es sind Boten aus der Kindheit, die nur das kindliche Gemüth versteht. Und rings an der Wand die Bilder einiger berühmten Männer der Vorzeit und Gegenwart, es sind die Friedenswächter des Herzens! Ach, wie schauet ihr so ernst und weh-- müthig auf den Knaben am Tische und das blühende Mädchen, wäret ihr auch jung und euch wiegten die ersten sanften Gefühle der Unschuld ein? und ihr seid alt geworden und aus allem Kampf uud Streit ist euch nicht wieder die Seligkeit erwachsen, die hier hauset, und die dunkeln, wolkigen und durchschimmerten Begriffe jener Zeit, sie.ziehen nicht wieder so langsam über die Seele — euer Leben hat für euch nur Laub, nicht Früchte getragen und doch habet ihr erleuchtet mit euren Strahlen 'die Menschheit, erleuchtet mit der Gottesliebe, Menschenliebe, Kunstr und Wissenschaftsliebe, die uns durch das Gefühl der Unvergänglichkeit wieder aus der Todesasche ziehen. O wohl weiß ich es, daß trotz der Blumen dort am Fenster, die die Hand Rosaliens pflegt und wartet, trotz der Bücher dort über dem Klaviere, auch dich, mein Kalir, die Bienen des prosaischen Lebens stechen, doch während andere sie ertragen und nicht fühlen auf ihrer vom Schulmeister Schicksal und der Ruthe der Gewohnheit erhäkteten Haut, deine Sinne sind nicht so stumpf, um sie nicht zu fühlen, aber du hörest nur auf die harmonischen Töne, die die Liebe und Dichtung von sich geben, und dein Ohr wird nicht getroffen vor lauter entzückendem Wohlklang von den schneidenden Dissonanzen des äußern Lebens, dein großes Auge sieht von den grellen Farben hinweg und stärkt sich mit der Grünen der Hoffnung. Ach ja wol fühlst du zuweilen die Unförmlichkeit zwischen deinem Herzen und deinem Orte, aber dich tröstet die Geringfügigkeit des irdischen Thuns und du erhebest den Blick über die Wolken und richtest dein Angesicht hinweg über die Schlingen und Fußangeln, die hier gelebt sind, denn du hast die warnende Tafel vor dem Garten gelesen! Und es vergingen nur wenige Stunden — da war ich heimisch in diesem Hause. Die Hausfrau wurde mir eine zweite Mutter, die Naivetat der Kinder sprach das jugendliche Herz an,- doch war ich schon über die Grenzlinie gegangen, um nicht wieder in die einfache Kinderwelt zurückkehren, zu können, ich war ein Jüngling geworden. Aber .wohlthätig wirkte auf mich die ungestörte Ordnung des Hauses, wie eine Stunde friedlich die andere ablösete, wie ein Tag den andern beim Abschied umarmte, wie sich Alles von selbst zu machen schien und jeder den Werth der Zeit wohl kennend, doch, mit ihr nicht geizte, wo es darauf ankam, dem andern den geringsten Liebesdienst zu erweisen.— Wenig verließ ich Manasse, ec begann für meine Geistesbildung zu sorgen.' Hinter dem Hause war ein Garten, dorthin begaben in der Frühe des Morgens sich die beiden Männer und wir saßen in der Fliederlaube, sie lasen^ abwechselnd laut vor und ich - und Immanuel (so hieß der Sohn Kalir's) mußten nur zuhören. Da hörte ich zum ersten Male das heilige Wort zusammenhängend vortragen, und wahrlich, wer es so hörte wie ich, dem wird es ein begleitendes wohltönendes Echo für das ganze Leben werden, ich hörte es vortragen von Manasse, wie er mit seinem wohlklingenden Organe jedem Worte die hohe Bedeutung gab, so daß die lebende Stimme ein tieferes Verstandniß erschloß, als die weitläufigste tobte Erklärung mit ihrem Ab - und Ausschweifen, ich vernahm es in der Ursprache, diesem von Israel -bewahrten Kleinod der Sprachen, das .der zierlichen Einfassung nicht bedarf, um sein Alter und seine Aechtheit zu bewahrheiten, in dieser Sprache, die den Reim und Rhythmus nicht braucht, um Poesie zu werden, die den Begriff gibt in seiner Entstehung und seiner Ausbildung, jedes Wort eine LoM Ich vernahm das heilige Wort zugleich in einer Uebertragung, die sich nicht fesselte an Vorurtheil und Nachbeterei der Altvordern, die lebendig war wie der Urtext, erhebend wie der Glaube, den es predigt. Welche Welt eröffnete sich mir, jeder Satz eine Geschichte, jed^ Geschichte ein Bild des Lebens. O, wenn ich nachher hh, wie das heilige Wort unsrer Jugend mitgetheilt wird, ich wunderte mich nicht über die Gleichgültigkeit, mit der sie es hört, über die Geringschätzung, mit der sie es verwirft, über die Abneigung, die entfremdend dazwischen tritt, ich bedauerte das Verhängniß, das den Schmutz des Alltagslebens auch dem Heiligsten anklebt. Der Nachmittag war dazu bestimmt, daß wir unter Kalir's Anleitung unsere Kräfte selbst am Verständniß erprobten, da machte er uns aufmerksam auf jede feine Wendung, auf jeden scheinbaren Widerspruch, auf die hohe Beredsamkeit, wie sie als unnachahmbares Muster der Einfachheit schon in Jehuda's Rede vor Joseph liegt und in den Propheten eine unerreichbare Höhe erlangt, auf die Lyrik, in den ersten Uranfängen sich schon in der Schöpfungsgeschichte darthuendanschwellend in den Gesängen und Reden des großen Gesetzgebers und für alle Zeiten blühend in den Psalmen dis gekrönten Dichters, auf die Lebensweisheit, die schon in der Urgeschichte der Menschheit das höhere Leben mit dem Niedern zu versöhnen strebt, den Menschen als Naturkind bis auf die Höhe des geselligen Lebens begleitet und in Salomons Lehren selbst die Gesetze der Lebensklugheit und politischen Selbstständigkeit allgemeingültig aufstellt, und wenn

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