Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 3 (1839)
- Issue
- Heft 98 (16.11.1839)
- Date
- 1839-11-16
- Page
- Seite 595 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Ö95 Belletristik. Die Wanderung dnrch'S Leben. Eine Zeit-Novelle. (Fortsetzung.) 7. Lange schon in manchem Sturm und Drange Wandeln nieine Füße durch die Welt, Bald dem Lebensmüden beigesellt Nutz' ich aus von meinem Pilgergange. Bürger. Jenes Dorf hinter dem kleinen Birkenwalde, dessen Thurmesspitze du jetzt sichest und wohin wir bald gelangen werden, führt eine der wichtigsten Erinnerungen für mich herbei. Wir lagerten zur Nachtherberge in der großen Gaststube; an einem Tische saßen Bauern, die sich beim Kartenspiel und Brandtwein immer starker erhitzten und mit gewaltigen Fausten auf die alten eichenen Tische schlugen; in einem Winkel bereitete man das Strohlager für die jüdischen Ankömmlinge. Diese gingen ab und zu nach der Küche und bereiteten ihr Esten beim lauten Schelten der Wirthin, der diese Selbsthülse zuwider war, die Kinder schrieen vor Hunger und Ermüdung und vergeblich suchten die Mütter sie durch Summen und Brummen in Schlaf eknzulullen; der wandernde Kantor ging indeß mit großen Schritten in der Stube umher und jodelte alle möglichen Melodien der Synagoge, indem er dabei die gräßlichsten Gesichter schnitt und sich die Backen mit der Hand hielt; in einem andern Winkel kauerte der Kranke.und stöhnte und seufzte, der Spekulant zog ebenfalls der Lange des Zimmers nach an der Seite des Kantors, doch ihm jedesmal entgegen, und sann,, sich den Bart streichend, gedankenvoll über die Kommniste der nächsten Messe nach; dazu das Gewimmel der sich zur Nacht mehrenden Gaste von Handwerksburschen, Bettlern, Musikern, Vagabonden. Meine Aufmerksamkeit fesselte ein junger Mann, der von einer andern Straße hiechergekommen war, jüdischer Pole, über seine Tracht war schon mir deutscher gemischt. Er war erhabenen Wuchses, in seinem Auge lag ein Feuer beständiger Begeisterung, die Gesichtszüge waren edel und nicht so markirt, wie dies bei der andern Umgebung der Fall war, auf der hohen Stirn thronte ein Adel der Gesinnung, die Reinlichkeit in der Kleidung, die Festigkeit in feiner Haltung verrlethcn beim ersten Anblick, daß es eine edlere Pflanzung war, nur auf dürren Boden versetzt. Er sprach nicht und kümmerte sich um nichts, sondern saß an einem Tische im äußersten Winkel des Zimmers und las mit großer Aufmerksamkeit, die sich durch nichts stören ließ, in einem Buche. Nur zuweilen schaute er durch das ihm gegenüberstehende Fenster hinaus in die Abenddämmerung, denn ein schöner Frühlingstag ging eben zu Ende. Sein Blick weilte dann gedankenvoll und fragend in den Wolken und der untergehenden Sonne, oder er stützte das Haupt, in tiefe Betrachtung versunken, auf die Hand und bedeckte mit der andern die Schrift des Buches. Es überkam mich eine Ahndung, als wäre dies ein Wesen höherer Act, eine Ahndung, als wäre dieses Wesen bestimmt, in mein Schicksal einzugreifen, ich-fühlte mich hingezogen zu dem Manne; deswegen setzte 'ich mich nicht weit von ihm auf eine Bank und schaute unverwandten Blickes auf ihn. Ein Gensdarm trat jetzt in die Stube und dieser gewaffnete Mann mußte durch sein bloßes Auftreten eine zauberische Gewalt auf alle haben, denn alles veränderte sich mit einem Male. Das Keifen der Wirthin hörte aus, die Bauern wurden ganz kleinlaut, der Kantor schwieg, der Spekulant kroch hinter den Ofen, alles lispelte und lächelte wehmüthig, allein der Mann mit dem-Buche faß ohne sich stören zu lassen und achtete so wenig wie früher auf seine Umgebung. Ein lautes Gespräch erhob sich zwischen dem Gensdarmen und einem Vagabonden, dieser wurde weggeführt, ein panisches Schrecken malte sich auf allen Gesichtern, der Kantor sah aus, als schickte er sich eben zu einem Klageliede für den neunten Ab an, der studirende Mann aber trat ruhig ans Fenster und öffnete es und schaute nach den Sternen. Ich, 'der von frühester Jugend an einen Schrecken vor allen Tumulten, vor allen Soldaten und Gewaffneten hatte, fühlte diesmal auch nicht das mindeste Unbehagen, denn ich sah nur immer auf Jenen und in seiner Ruhe fühlte ich mich geborgen. Jetzt ward's Nacht und alles still, die Schläfer lagerten ausgestceckt auf den Strohbündeln, der Kantor und Speculant schnarchten um die Wette, an der Brust der Mutter war der kleine Schreihals — der mächtigste Gebieter im ganzen Hause — sanft eingeschlummert, nur eine Lampe blieb brennen auf dem Tische und mein Unbekannter hatte sich wieder hingesetzt, nach feinem Felleisen gegriffen, * wieder ein anderes Buch geholt und von neuem zu lesen begonnen. Und ich, wie angezaubert sah ich ihm zu, fühlte weder Hunger noch Durst, die kalte Nachtluft wehrte durch das offene Fenster und spielte mit meinen Locken, bis sich der Schlaf auf meine Augenlieder senkte. Da umgaukelten mich liebliche Träume — denn, Dank sei dem gütigen Vater da droben, die Nacht war immer meine Freundin und die Halste meines Lebens habe ich als glücklichstes Wesen verbracht — es war mir, als wäre ich iw einem Garten, viel größer und schöner als der Garten beim Edelhofe, Teraffenförmrg erhaben sich grüne Matten, auf denen Bäume