Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 3 (1839)
- Issue
- Heft 97 (9.11.1839)
- Date
- 1839-11-09
- Page
- Seite 586 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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586 ruhend, darzuftellen; 3) die Bekenner unsrer Religion für diesen Inhalt und Zweck zu begeistern, und zu dem. daraus. nothwendigen relig i ösen un d m.ornlischen Leben zu führen. Als die nothwendigen Mittel hierzu stellte er auf: 1) die heilige Schrift, als Quelle dieser Relkgionslehre und Moral, in Lauterkeit zu Grunde zu legen, und ihren höher» und besondern Sinn zu wahren; 2) durch Benutzung und Anknüpfung der Schatze unserer talmudischen und rabbinischen Literatur eine positivere Aufstellung, einen volksthümlichen Charakter und. eine reichere Darlegung zu erzielen; 3) die Belebung der Ceremonialien zu echt religiösem Geiste zu bewirken. Diese Grundsätze der israelitischen Homiletik, welche der Ref. in jenen früheren Aufsätzen aufstellte, die allerdings, wie Herr Pleßner klagt, nicht genug berücksichtigt worden sind, sind diejenigen, welche Ref. noch immer als die einzig richtigen ansieht, und deren Verwirklichung, freilich nicht in jedem einzelnen Vorträge, aber doch die Predigtweise im Allgemeinen durchdringend, zu erstreben stehet. Herr Pleßner bekennt sich nun ebenfalls zu ihnen, und giebt zu erkennen, daß er ihnen nachstrcbe, und sie zu erfüllen glaube. Nun muß zwar jeder Vorurtheilslose zugeben, daß einige der in dieser Predigtsammlung gegebenen Vorträge nach jenen Grundsätzen höchst gelungen sind, ja, daß in Allen, mannichfaches Gute dargebracht worden ist, daß aber trotzdem der ganze Geist derselben von so blindem Autoritätsglauben, von so unbegranztem Hangen am Kleinlichsten, Veraltetsten und auf dem Gebiete unsrer Religion durchaus nur zufällig Vorhandenem, (ich meine zufällig, was nur aus Zeit, Umständen und der Eigenthümlichkeit Einzelner entsprungen, was nicht nothwendig aus der Entfaltung der Prinzipien und des Wesens des Judenthums hervorgegangen,) befangen ist, daß jene allgemeinen Grundsätze zum Extrem geführt sind, und ihre Verwirklichung eine irrige geworden ist. Dies kann aber Niemand für einen Fehler allgemeiner Grundsätze ansehen, sondern liegt in der Natur der Allgemeinheiten, ohne deren Feststellung jene Verirrungen auch statt gefunden hätten. Man glaube hiermit nicht die Frage über die vorliegenden Predigten auf das allgemeine Gebiet des Autoritätsglaubens hinübergespielt, mit dessen Annahme oder Wegfalle die vorliegenden Predigten entweder gebilligt oder getadelt« würden — diesen Ausweg können wir Herrn Pleßner nicht lassen -tsondern wir müssen dabei beharren,, daß, da Herr Pleßner einmal auf das Gebiet der Neuzeit durch die Annahme der Pcedigtform hinübergeschritten ist, er auch die Bedingungen derselben auf sich nahm, welche durchaus nur die Belebung und Förderung des allgemeinen israelitischen Religionslebens geben wollen, die Kanzel aber nicht zur Abhaltung theologischer Spezial-Vorlesungen machen lassen. Mit der Annahme der Predigtform hat sich Herr Pleßner vor das Forum der Bildung und der in ihr resulticten Entwickelung des Jsraelitenthums in neuerer Zeit gestellt, und indem er selbst hiermit frühere Formen, weil sie eben auch nur etwas Zeitlich- Zufälliges waren, verließ, hat erde facto das Aufgeben andrer solcher zeitlich-zufälligen Formen zugestanden. Da er aber in den Vorträgen dies nicht will, sondern im Gegentheil sich zum Verfechter der kleinsten, unbedeutendsten Formen aufwirft, so hat er sich selbst in einen Zwiespalt und Widerspruch mit sich selbst gebracht, und sich dem Vorwurfe der Willkühr, einen Vorwurf, den man gerade den s. g. Neologen so gern macht, ausgesetzt. War es ferner in jenen Grundsätzen empfohlen worden, die israelitische Predigt auch an die Schätze der talmudischen und rabbinischen Literatur zu knüpfen, so war damit nicht gesagt, die Klarheit und Einfachheit, welche ein Hauptgesetz der Predigt sein muß, durch eine unbeschränkte Ueberladung -mit Citaten zu verletzen, wodurch der Zweck der. Predigt, einen bedeutsamen religiösen Gedanken in den Geist und das Herz der Zuhörer zu legen, vereitelt, vielmehr der Zuhörer abgezogen und verwirrt wird. Haben wie hiermit offen die Mißstände an den Pleßnerschen Predigten dargelegt, so dürfen wir auch nicht Vorzüge derselben übergehen, welche gerade in den jetzigen Zeitumständen von Bedeutung sind. Hier ragt nun vor Allem die wahrhafte Religiosität des Redners hervor, die, indem sie gerade bisweilen zur Schwärmerei sich steigert und die äußeren Bedingungen des Lebens vergißt, dennoch den Stempel der Wahrhaftigkeit, der innersten Ueberzeugung tragt, der von den Floskeln vieler neueren Redner wahrlich absticht, die ihre innere Feindseligkeit mit Phrasen bekleiden, und bei ewigem Negiren den Schein der Reinheit und des Eifers erheucheln. Wer es aufrichtig mit dem Judenthum meint, kann den Pleßnerschen Reden das Verdienst nicht nehmen, durch die Entfaltung einer wahren, kindlichen Pietät eine tiefe Wirksamkeit zu haben, welche gerade den echten Israeliten unsrer Zeit nicht abhalten wird, die Auswüchse derselben zu tilgen, und dann die Früchte zu genießen. Wir mögen es gern sagen, Herr Pleßner ist kein überflüssiges Glied unsres gegenwärtigen theologischen Kreises, sondern, da er der Zeit doch nicht entgegenstreben kann, hilft er das Extrem ihres Inhalts vom Judenthum ableiten und dient so unbewußt der Consistenz der Bessern unsrer Zeit. — Nehmen wir hierzu seinen oft bewiesenen exegetischen Scharfsinn, seine Gewandheit im Zerlegen eines Themas, seine Fülle von religiösen Bemerkungen im Einzelnen, und wir werden begreifen, daß wir lebhaft seine