Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1839-11-09 · Heft 97 (9.11.1839) · p. Seite 583

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
3 (1839)
Issue
Heft 97 (9.11.1839)
Date
1839-11-09
Page
Seite 583 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3225013-3225111--02276-3234849
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

585 tung mußte gemacht werden, weil wir soeben Natur nur als das bezeichneten, was von den Ideen der Gottheit durch das Medium der Sinne dem Geiste erscheinen soll; die andere, weil sonst Gott mit der Schöpfung dieses Geistes seinen Zweck verfehlt hatte,-indem er ihn nur zur Manifestation seiner hat schaffen können. Wenn nun aber die Gottheit durch die Schöpfung (der Geister) hat bloß erkannt sein wollen, und mit der Schöpfung diese Erkenntniß unter die Zeit fallen ließ: so muffen beide, Schöpfung und Erkenntniß, ein Nacheinander, eine Entwicklung haben, d. h.. die Schöpfung muß Anfangs nicht so vollkommen gewesen sein, wie jetzt, und in Zukunft an Vollkommenheit so lange zunehmen, als Gott besser erkannt sein will; sowie umgekehrt die Erkenntniß Gottes allezeit geringer gewesen sein muß, .als jetzt, und so lange zunehmen wird, als sein werden. Da nun ausgemacht ist, daß einmal Zeiten gewesen sind, in welchen noch keine. Menschen, und vorher Zeiten, in welchen noch nicht einmal Lhiere und Pflanzen da waren: so ergiebt sich der zwar sehr paradox klingende, aber mir nicht im geringsten zweifelhafte Satz, daß jedes Reich der Natur eine Art von Gottesempfindung haben müsse. Das Seltsame dieses Ausdruckes entsteht bloß daher, daß wir auf unserer geistigen Höhe das Minimum von Empfindung in jenen untergeordneten Wesen gar nicht anerkennen wollen. Aber der Geist, der erkennen soll, muß überall als derselbe anerkannt werden, welcher, zu reichen Blüthen entfaltet, den Menschengeist ausmacht, während dessen eigenster Keim schon in dem Steine schlummert. Dafür spricht, daß jedes untere Reich der Natur in seiner wesentlichen Formation auf das höhere Reich prototypisch hinweist, und daß vollends nur ein Thema organischer Bildung durch alle Variationen der thierischen Entwickelung gehet von der unförmlichsten Molluske bis zu dem Kaukasier von vollendeter Focmofitat. Und stolze Vermessenheit wäre es, dem Bildungstriebe des Schöpfers in der freilich wunderbaren Organisation des Menschen Schranken setzen zu wollen. Denn wenn es wahr ist, was jener ruhige Ausmesser des menschlichen Geistes gefunden hat, daß unsere Gotteserkenntniß nur bis zum Glauben hinangeführt werden kann und nicht weiter, so rückt das Ideal eines nun wahrhaft Gott erkennenden Geistes hinüber aus dem Menschen in die ungemessenen Fernen künftiger höherer Geister; und weil nur Gott sich ohne Natur denken kann, aber von jedem geschaffenen Geiste in natürlichen Formen erkannt werden muß: so wird einem künftigen höheren Geiste zu seiner Natnranschauung wahrscheinlich wieder ein entsprechendes natürliches Vehikel zu Theil werden, d. h. er wird einett entwickelteren Organismus haben. Kehren wir aber von den Gebilden der Zukunft in dle gegenwärtige Schöpfung zurück, so führt uns die überall wahrzunehmende Harmonie zwischen dem Geiste und seinem Substrat zu einer Bemerkung, welche uns zu dem eigentlichen Felde unserer Untersuchung die Bahn öffnen wird. Jedes Mitglied einer höheren Reihe in der Natur muß, wenn auch Ln flüchtigen, embryonischen Umrissen, die unteren ReiheN^durchlaufen, ehe es für diese Schöpfung culminirt. Wenden wir das, was für den Naturforscher bloß von der. äußeren Hülle gilt, auf den inwohnenden, engverbrüderten Geist an, so liegt die Vermuthung nahe, daß auch er die unteren Stadien wird durchlaufen müssen, um auf die ihm angewiesene Höhe zu gelangen. Diesemnach mußte, als der erste Mensch erstehen sollte, von der menschlichen Hyle der lange Weg von der fast vollkommenen Lebenslosigkeit des starren Fossils bis über die Reizbarkeit des entwickeltesten Thieres herauf schon zurückgelegt sein. Und dieser Weg wird noch in unserer sublunarischen Schöpfung immer länger. Denn die Gottheit, deren letztes Produkt dieses Mal der Mensch war, will auch dieses Mal mit ihm schlecht hin noch nicht die Reihe erkennender Geister beschließen. Deswegen führt sie den Menschen eine neue und eben darum reinmenschliche Laufbahn; die Wahrheiten, welche unser Genius von Epoche zu Epoche hervortreibt, sind die Stufen zu einem höheren Standpunkte, und jeder Einzelne, der auf der Höhe seiner Zeit stehen will, muß diesen Weg, soweit er von anderen Einzelnen zurückgelegt ist, von Neuem durchmachen. (Fortsetzung folgt.) Journal-Revue. (Neunter Artikel.) Die Minerva, (ein Journal histor. und polit. Inhalts, von vr. Friedrich Bran in Jena,) enthält in ihrem Oktoberbeft einen Aufsatz, unter der Aufschrift: „Die Emancipation der Juden" (S. 104—112), der eine ganz eigene Färbung trägt. Jenen vornehmen deutschen Rechtslehrern gegenüber, deren Einige die Emancipation der Juden für einen zu geringen Gegenstand (was ist ihnen auch das Wohl und Weh mehrerer Millionen!) erklärten, als daß sie ihre Aufmerksamkeit darauf lenken sollten — beginnt der Aufsatz mit folgenden Worten: „Diese seit 1830 lebhafterals _je-angeregte, in einzelnen Landen bereits entschiedene Frage, ist noch immer daö Feldgeschrci einer sonst ziemlich still gewordenen Partei" (— welcher? des s. g. jungen Deutschlands? das hat sich in neuester Zeit doch wohl judenfeindlich genug gezeigt, weil der Kern der Juden nicht in ihren Chorus einstimmen und es vergöttern wollte!) „eine der wichtigeren Aufgaben mancher landständischen Verhandlungen und de» Nachdenkens der Philosophen aller deutschen Gebiete." Der folgende Satz ist noch bester: „Schwerlich dürfte heutzutage noch Jemand den Muth oder die Unbefangenheit haben, staatsrechtlich, privatrechtlich öder aus religiösen Gründen die Pflicht der Judenemancipation offen bestreiten zu wollen." Siehe dennoch, hie Schlange im Grase — den „Muth!" so muß der Herr Abfasser mit der

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.