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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1839-11-09 · Heft 97 (9.11.1839) · p. Seite 575

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
3 (1839)
Issue
Heft 97 (9.11.1839)
Date
1839-11-09
Page
Seite 575 (sequence 3)
Language
German
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Preßburger Israeliten-Gemeinde, sondern aller eifrigen Bekenner des Mosaismus in dem großen Kaiserstaate, ja wir können, kühn behaupten in den Jahrbüchern des Gesammtjudenthums, mir der schwarzen Farbe des Unglückes verzeichnet bleiben. An jenem verhangnißvollen Tagesahen wir unsere Sonne der Tugend am frühen Morgen untergehen, nachdem schon seit mehreren Tagen unser Freudenfest zur Trauer und unser Frvhgesang zum Klagelied geworden war. Herr Moses Schreiber, geboren zu Frankfurt am Maine im Jahre 1761, bekleidete durch drei und dreißig Jahre -das Oberrabinat der Preßburger Israeliten» Gemeinde auf eine unübertrefflich ruhmvolle Weise; am 30, September d. I. im 78. Jahre seines Alterswurde er plötzlich von einer heftigen Krankheit befallen, die allen Rettungsversuchen der Heilkunde hartnäckig widerstehend, in den Morgenstunden des 3. Oktobers seinem frommen ruhmgekrönten Erdenleben ein Ende machte. Mit musterhafter Fassung und Geduld, mehr einem verklärten Wesen als einem Staubgeschöpfe ähnlich, ertrug er die physischen Schmerzen der' Krankheit und die ungleich herberen moralischen der Trennung von allem, was ihm hienieden so lieb und werth war. Die Augen voll Vertrauen nach oben,, und voll himmlischen Trostes auf die zahlreiche Umgebung seiner jammernden Verehrer gerichtet; die Hände bald gefaltet zum inbrünstigen Gebete, bald erhoben zur überführenden Belehrung und bald wieder ausgebreitet zum heilbringenden Segen, schied er aus unserem Zirkel so wie er lebte, ein eifriger Diener des Herrn, ein väterlicher Freund seiner Mitmenschen, der treueste Hirte der ihm anvertrauten Heerde; sein Bewußtsein blieb ihm bis-zum letzten Momente der Entscheidung vollkommen treu und sein letzter Lebenshauch entflog mit einem Segen. Mit diesem Veterane der altherkömmlichen Synagoge verlor das Judenthum seinen letzten Coryphaen, ein Verlust, den die Glaubensgenofsenschaft um so tiefer fühlt, je unersetzlicher er ist, denn, wahrlich! hier findet der so sinnreich bezeichnende Denkspruch jener Maimunisten der Vorzeit zum drittenmale seine volle Anwendung. „Von Moses bis auf Moses kam Niemand dem Moses gleich" "N2W2 üp ab!tü373 ny. Der ganze Lebenslauf dieses in seiner Art einzigen Seelenhirten, liefert, indem er reichhaltigen Stoff zu den erbaulichsten Betrachtungen darbietet, zugleich den bündigsten Beweis von dem vortrefflichen Resultate der praktischen Anwendung reintalmudischer Moralprincipien. Der in dem Herrn entschlafene hochselige Rabbi hatte durch sein ganzes Leben keine andern Grundsätze eingesogen, als diejenigen, welche ihm die heilige Schrift und ihr vorzüglichster Commentator, der Talmud, geben konnten; kein philosophisches System, keine Moralphilosophie hatte den geringsten Einfluß auf seine Handlungen. Der Talmud, sein Alles, war die einzige Richtschnur seines Lebens, über dessen „Bis hieher und nicht weiter" hinaus, er keinen Schritt zur Rechten oder Linken wagte, und dennoch müssen selbst seine erklärtesten Gegner, wo gab es je einen außerordentlichen Mann, dem es an Gegnern fehlte? Dennoch, sage ich, müssen selbst diese gestehen, so wenig auch seine. strenge Religiosität nach uraltem Ritus ihrem Systeme entsprach, daß sein Betragen als Gatte und Vater, als Mensch, Freund, Unterthan, Lehrer und Vorgesetzter, des weisesten Philosophen, des edelsten Philanthropen würdig war, daß keine Menschenpflicht von ihm unerfüllt geblieben, mit einem Worte, daß ihm von seiner moralischen Seite durchaus nicht beizukommen sei. Doch, so lange der Mensch lebt, wer bürgt uns dafür, daß seine öffentlichen Handlungen die reinsten Nachklänge der Harmonie seines Herzens wären? Wie oft ist nicht Täuschung das Hauptziel der Sterblichen — im Tode allein ist Wahrheit, des Menschen Ende muß allen seinen Handlungen die Krone aufsetzm. „Werthvoll' ist den Augen des Herrn das Sterben seiner Frommen" (Psalm 116, 15) "rn^Dnb firnan V wa Erhabener Denkspruch des heiligen Psalmisten! Wie sehr hat er sich an dem Sterbebette unseres Biedern bewährt! Diese Seelenruhe, diese frohe Zuversicht, dieses verklärende Vorgefühl unendlicher Seligkeit, kann nimmermehr vorgespiegelt, kann einzig und allein von einem unerschütterlich festen Glauben, von einem in jeder Hinsicht unbefleckten Gewissen hergeleitet werden. O Ihr Alle, die Ihr über die erhabenen Lehren des Jenseits und der Fortdauer leichtfertigen Gedanken Raum gebet, betrachtet nur einmal in Eurem Leben den wahrhaft Frommen in der Stunde seines Hinscheidens, und werdet ihr auch da nicht eines Bessern belehrt, dann bleibt Euer Uebel für immer unheilbar. Vielen tausenden israelitischen Jünglingen des In- und des Auslandes war Herr Moses Schreiber ein vortrefflicher Lehrer, unzähligen Bedrängten ein hülfreicher Vater, ein weiser Rathgeber, ein rettender Engel. Sein Wirkungskreis' war nicht auf seine Gemeinde allein beschrankt, sein Wohlwollen umfaßte eine Welt, aus fernen Welttheilen wandten sich seine Glaubensbrüder an ihn, um über mannigfache Gegenstände des Gesetzes, und über das Verhalten in zweifelhaften Fällen, seine einsichtsvolle Entscheidung nachzusuchen, und ein Nachlaß von fünf und fünfzig voluminösen Manuscriptheften beurkundet beides, sowol den seltenen Fleiß dieses gründlich gelehrten Talmudiften, als auch sein unablässiges Streben, allen Obliegenheiten seines hohen Berufs aufs genügendste zu entsprechen. Dafür hatte er aber auch das seltene Glück, seine Verdienste noch während seiner irdischen Laufbahn anerkannt zu sehen, und von allen, die ein günstiges Geschick in näherer Berührung mit ihm brachte,/ als ein innig geliebter Pater betrachtet, und von den vorzüglichsten Mitgliedern seiner Gemeinde mit einer an Anbetung glanzenden Verehrung behandelt zu werden. Er schied dahin mit der beruhigenden Ueberzeugung, seine so herzlich geliebte Gemeinde nicht wie Schafe ohne Hirten verlassen zu müssen, indem er ibr auf das einstimmige Ansuchen ihrer Repräsentanten in seinem fünf und zwanzigjährigen Sohne einen würdigen Stellvertreter hinterließ. Wir haben nun gesehen, wie dieser Mann nach dem Sinne des Herrn lebte, wir haben auch einen Blick auf sein Sterbelager geworfen, lasset uns nun seine irdische Hülle zur Ruhestätte geleiten. „Nachruhm ist besser denn köstlicher Balsam, der Tag des Todes besser denn jener der Geburt" (Pced. 7,1) tarn nü püa öia aiü„ "■nbiln üt>ö matt. Bei der ersten Nachricht von dem Hinscheiden dieses Gerechten füllte tiefer Schmerz die

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