Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 3 (1839)
- Issue
- Heft 96 (2.11.1839)
- Date
- 1839-11-02
- Page
- Seite 571 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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571 Gesellschaft unserer Glaubensgenossen an, die den Weg nach Deutschland antrat. Ich bin der Mann, der das Elend gesehen! Da ein alter Mann, an dessen Mark schon der Tod zehrte, und ec schleppte seine Schritte nach dem Abendlande, als wenn dort Leben zu holen wäre; da einer in den besten Jahren, aber siech und elend und er schlich nur fort, um ~m die Krankenanstalt einer großen Gemeinde ausgenommen zu werden und dort auf Betten sterben zu können; da eine Frau mit dem hungrigen Kinde im Korbe auf dem Nucken, sie wollte ihrem Manne nach, der seit Jahren nichts von sich hören ließ und der im Elende der Fremde Frau und Kind vergessen hatte; da ein anderer mit Frau und Kind, das Feuer hatte seine Habe verzehrt, die Heimatlosigkeit seinen Erwerb zerstört, er wollte nun betteln von Ort zu Ort-, von Thür zu Thür und dem Auge der Polizei den kärglichen Almosengroschen verbergen; da ein anderer, ihn drohte als verdiente oder unverdiente Strafe, Gefangniß auf Lebenszeit und er enteilte dem Richter; ein Jüngling, verwahrlost an Sinn und Denkungsart, den Kopf voller kleinlichen Jntriguen, die sich um Erbärmlichkeiten drehten, eine sichere Beute des Lasters, ein aufgehobner Fraß des Verderbens; und einer, der nach Deutschland ging, um seine spärliche Gelehrsamkeit dort wuchern zu lassen, um Kinderlehrer oder Kantor, oder was Gott sonst will, zu werden — endlich eine Schaar von Handelsleuten, die Erwerbs-und Betriebs-Kapital nur im Kopse und in der Gunst des Geschickes zu finden hofften. Mit solchen Leuten verließ ich unser Vaterland, ich stand allen an Erfahrung und Lebensklugheit sehr nach, die meisten hatten bei weitem auch mehr gelernt, und dennoch fühlte ich, daß ich ein anderer Mensch wäre, ich spürte kn mir eine Reife, die nicht vom Kopfe,' aber vom Herzen und Gemüthe ausging, hier fühlte ich eine Kraft, die mich über sie hob und sie weit unter mir erblicken ließ. Selbst die Unglücksfälle, die mich betroffen, sie waren in Vergleich mit den ihrigen, vielleicht nicht die größten, aber es schien, als wenn sie eine andere Wirkung auf jene Leute gehabt hätten, als auf mich; das Unglück hatte in ihnen das bessere Selbst immer mehr und mehr und nach und nach abgerieben, mich warf es jedesmal zu Boden, aber ich erwachte aus der Betäubung gestärkt, und ich behielt nur eine Gleichgültigkeit und Kälte gegen daS, was andern wünschenswerth schien. Das ganze äußere Leben schien mir nicht so viel Werth zu haben, als man.gewöhnlich darin fetzt. Was die Leute Bedürfniß nannten, schien mir eine lächerliche, nichtsnutzige Erfindung, ich war ja von der Tafel des Edelmannes nach dem Hundestall gegangen, um in Ruhe vor den Knechten mein trocknes Brod zu verzehren. Mein wahres Sein bestand in einer Zurückgezogenheit in mich selbst, in einer grübelnden Schwärmerei, die mich gewaltsam von der Erde erhob und mich meiner Umgebung entrückte. Je kräftiger ich in mir das Walten meiner Gefühle spürte, desto mehr glaubte ich zu leben; ja später noch war ich oft gerade um so glücklicher, je trauriger sich Alles um mich gestaltete. Wenn mir Alles versagt wurde, da war ich am freisten; in dem Momente, wo mich die Menschen am gräßlichsten vernachlässigten, wo ein leichtes Opfer ihrerseits mich aus peinlicher Lage hatte ziehen können, wo ihr versagender Blick meine äußere Existenz zu vernichten drohte, wo sie mir den Glauben an ihrem Werthe mit frecher Hand raubten, gerade dann hob mich ein innerer Stotz, selbst während ich im Staube kroch. Es ist dies kein erbärmlicher Bettelstolz, es ist ein köstlicher Bettlerstolz, es ist eine Erhabenheit des niedergedrückten Menschen. Wie ich damals noch Knabe war, lag dies Alles unbewußt in mir, aber es war schon da, im Laufe des Lebens ist es zum Bewußtsein geworden und dies Bewußtsein hat mich lange getragen; da jetzt das Alter kommt ist es freilich Resignation, aber, auch dessen bin ich mir bewußt, eine edlere "Resignation, als daß man sie verzweifelnden Stumpfsinn nennen könnte. Sieh, ich wünsche jetzt sogar nicht, daß mir damals ein freundlicher Genius erschienen wäre, der aus dem Edelsteine in mir Funken geschlagen, die vielleicht zur hellen Leuchte hätten werden können; ich wünsche dies gar nicht. Denn wahrlich, er hatte mich vielleicht zu einem nützlichem, wirksamem Menschen geschaffen, aber er hatte mich nicht so mit dem Leben versöhnt, mich nicht so von der Fessel gelöst, wie ich es jetzt bin. Nur ein Mal, nur ein Mal in meinem Lebenslaufe traf ein äußerer Sonnenschein die Eksrinde, die mich von einer fröhlichem Welt trennte, das innere Verlangen begegnete einer wahren holden Erscheinung der Erde, da schien sich beides in seliger Liebe vereinigen zu wollen, ich fühlte in meinem Herzen harmonisches Glokkenspiel, und hatte Alles umarmet, weil mich Alles bezauberte — Ach, es war nur ein kurzer Traum! (Fortsetzung folgt.) C o r r e s p o n b e n $ c tu Arad kn Ungarn, August. Ein Korrespondent der Mg. Zeit, des JudenchumS bemerkte einmal mit Recht, daß für die Israeliten Ungarns in der Gegenwart nichts größere Wichtigkeit hat, nichts mehr berücksichtigt werden muß, als — die Schule. Hier liegen alle Hoffnungen, hier ist das ganze streitige Gebiet', und zwar mit friedlicher Lösung, sobald dieses Gebiet selbst erst eingenommen ist.