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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1839-11-02 · Heft 96 (2.11.1839) · p. Seite 570

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
3 (1839)
Issue
Heft 96 (2.11.1839)
Date
1839-11-02
Page
Seite 570 (sequence 10)
Language
German
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570 Scheide! fährt fort zu erzählen. Wie lern' ich die schwerste der Künste, Wie den erhabene» Trotz gegen den Schmerz" und den Tod. Bürger. Es war am Tage Gedalja, da brachten sie den Leichnam des Vaters hinaus nach dem Bet-Olam, und als ihn die Männer in die.Gruft senkten, einer aber mir mit dem Messer das Kleid zerschnitt, und während ich nieder sank an der Bahre, die Erdschollen niedecpolterten auf den Kasten, — da ergriff mich Verzweiflung. Ich kratzte mit den Nägeln in die Erde und wollte mir auch ,eine Grube graben, ich wollte liegen neben dem Vater, denn was sollte mir noch das Leben? Ich sah mit wehmüthkgem Lächeln die Männerschaar an, die mich zu trösten versuchte; was sie mir sagten, verstand ich nicht, was ich fühlte, konnten sie nicht begreifen; ich bat sie, sie möchten mich gewähren lassen, sie sollten nur gehen. Da lag ich bis gen Abend, hingestreckt neben chem frischen. Grabeshügel. In dieser Abgeschlossenheit von der Welt, in der Gesellschaft der Tobten, in dem Gefühle des> Verlassenseins wurde mir wohler. Die Sonne sank immer tiefer am Himmel, und schien im zauberischen Glanze durch das Weiden - und Erlengebüsch, welches den Todtenacker umgiebt, sie ging feurig unter, ein Stern erschien nach dem andern und schaute mild auf den rraurenden Knaben herab, es war mir, als umgebe eine helle Sternenkrone meines Vaters bleiches Gesicht, als sehe fein Auge wieder in schöner Klarheit; meine heißen Wangen kühlte ein frischer Herbstwind, meine Brust hob sich von schwellenden Gefühlen, die ich vorher nicht gekannt hatte, als feierte ich Verlobung mit der ganzen Natur um mich her, als wäre die Wölbung über mir der Trauhimmel und die Gräber die Stufen ,zum Allerheiligsten. Da hörte ich eine Stimme rufen, es war die Stimme meiner Mutter. Obadja, wo bist du, rief sie, Obadja, mein Herzenssohn, laß die Tobten ruhn, willst auch du sterben, willst du die Wittwe des Vaters zur trostlosen Mutter machen! Ich erhob mich, sie strich mir die Locken aus meinem Angesicht und legte mein Haupt an das mütterliche Herz. Ich war getröstet, und folgte ihr nach Hause. Siehe, mein Joseph, wenn alle Sterne des Lebens untergehn und es bleibt dir der Stern dieser Liebe, so schaue getrost in die Nacht, denn er geleitet dich über Abgründe. Aber auch er sollte mir bald verschwinden! Wenige Monde darauf, in der Woche des Weihefestes, ging ich für den Edelmann als Bete nach einem benachbarten Dorfe und kchrte am spaten Abende zurück. Mit rüstigem Schritte eilte ich über den gesrornen Schnee und achtete des scharfen Nordwindes nicht, der mir schneidend entgegen wehte, denn ich war seelensvergnügt, man hatte mich reichlich aus dem Gute beschenkt. Da stiegen von Ferne Rauchwolken auf, erst einzeln und schwach, dann immer stärker, es röthete sich der Horizont, Flammen schlugen auf himmelwärts von meinem Heimatsdorse; ich beflügelte meine Schritte, eine unnennbare Angst packte mich und schnürte mir die Brust zusammen; jetzt ertönte aus den benachbarten Dörfern die Sturmglocke, das Feuer wurde immer heller, als wäre es dicht vor mir, schon hörte ich das tobende Geräusch von Menschenstimmen, ich eilte ins Dorf — da brannte eine ganze Reihe Häuser, aber nicht die, in welcher unser Häuschen lag. Schon schöpfte ich Athem, ich eilte ins Haus, ich rief meine Mutter, Niemand antwortete. Ich stürzte hinaus nach der Straße, da zeigte man mir ein in vollen Flammen stehendes Haus, dessen Giebel eben einstürzte; dort war meine Mutter einer Freundin, die Wöchnerin war, bei der ausbrechenden Feuersbrunst zur Hülfe geeilt, schon war diese gerettet, aber ein fallender Balken stürzte meine Mutter nieder, darauf krachten die Sparren herab, darauf das Strohdach und sie war unter den rauchenden Trümmern begraben. Am andern Tage zog man die verbrannte Leiche heraus. Du kennst den alten wahnsinnigen Mann, der am Ende des Dorfes Tag und Nacht unter der Eiche liegt. — Es war in dieser Nacht, wo er den Verstand verlor, denn ihm verbrannte sein einziges Kind, und wenn er noch ein brennendes Haus sieht, so will er mit Gewalt sich in die Flammen stürzen und nur die vereinten Kräfte mehrerer Menschen können ihn zurückhalten. Ich aber war ein Knabe von fünfzehn Jahren und ich wandte mein Auge aufwärts zu dem furchtbaren Gott, und frug: du mächtiger Herr, warum dieses? Doch der Sturm, der über das Schneefeld tobte, gab mir keine Antwort. Ich stand unter den Menschen wie ein Fremdling und fragte sie alle; was soll ich unter euch? Aber die fremden Gestalten gingen kalt vor mir vorüber und antworteten mir auch nicht. Tage vergingen und wurden zu Wochen, und ich lagerte neben den Hunden des Edelmanns, denn sie hatten Wohlgefallen am unglücklichen Knaben, ich konnte keine Thrane finden und wunderte mich, daß es so eiskalt in meinem Herzen war. Ich war jetzt frei, nichts band "mich mehr an die Erde, aber es war eine schreckliche Freiheit. — Jetzt trug ich nicht mehr geduldig das Joch des Edelmanns aus seiner Jagdhetze, nicht mehr den Hohn der Knechte mit Gelassenheit; ich fühlte mich besser als sie und um mein Leben zu fristen, schien mir der Preis zu theuer. Und ich hatte viel gehört vom fernen Westen, daß da ,eine hellere Sonne über Israel schiene, daß man da seine Last erleichtere und seine Männer schon aufgerkchteter eknhergingen. Dorthin zog es mich und so schloß ich mich einer

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