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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1839-11-02 · Heft 96 (2.11.1839) · p. Seite 569

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
3 (1839)
Issue
Heft 96 (2.11.1839)
Date
1839-11-02
Page
Seite 569 (sequence 9)
Language
German
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S6L) pel bie prophetischen Worte bald klagend, bald tröstend zu» gerufen, denn in dem Augenblicke, wo ich so fühlte, war er gegangen , in die Wohnung des Friedens. 5. Einige Worte an Scheidet und andere. Zur rechten Zeit fällt einem nie waS ein, Und was man Gutes denkt, kommt meistens hinterdrein. Göthe, die Mitschuldigen. Als du da standest auf der weiten westpreußischen Ebene und deine Schritte anhieltest, um zu sprechen, als wie vor großer Versammlung, mein Scheidet, es hat dich Niemand gehört als Joseph und ich, und ich habe dich verstanden. Ich sah in dein betrübtes Herz, mein Scheidet, wie ich schon in so viele gesehen, denn es vergehet kein Tag, wo ich nicht die Hütten elender Menschheit betrete, und jede Fiber ihres Herzens zucken sehe über erstorbene Wünsche, über begrabene Hoffnungen, über stillen Kummer und herbe Empfindung. -Ach, die da glauben, daß ihre klare und höhere Einsicht des menschlichen Lebens allein ausreiche — ach, die da wähnen, die ordnende Richtschnur über dasselbe ziehen zu können und mit ihr die Blumenrabatten und Gräber zugleich abzumessen-O wie viel Wehmuth, wie viel wirkliche Wehmuth umschließet das Leben, wie zerret und reißet es von Jugend auf an der armen Menschenbrust, wie drückt sich selbst in den zarten Kokon der Freude immer die rauhe Hand des Schicksals ein, wie steiget so selten ein Gedanke der Lust auf, den nicht ein anderer des Trübsinns verfolget. Laß' uns, mein Scheidet, glücklich sein in dieser Ansicht des Lebens, laß uns vergnügt sein mit einem einzigen Sonnenblicke, weil er von oben kommt und die stille friedliche Stunde fefthalten, wenn auch der ganze Tag trübe ist. Sieh' es ist ja so nur sehr wenig um diese erbärmliche Spanne Zeit! Mit jedem Jahre schleift das reale Leben immer mehr den Edelstein des idealen ab. Nur zuweilen tauchen in einzelnen Stunden gleich Meteoren aus der Ferne wieder die Ideale der Jugend auf! Ach, man fühlet was das Leben geraubt. Dann rafft man sich wol noch einmal auf und klammert sich fest wie der Schiffer im Sturm an den Rumpf des über Bord geworfenen Mastes, allein die Wellen steigen immer höher und dringen, wie beim alten Propheten, bis an's Herz. Und du hattest nicht einmal eine Jugend, mein Scheidel. Du sieh'st zurück und länger als vierzig Jahre bist du in einer Wüste gewandert, das blinde Auge deines Vaters und das thranenvolle der Mutter waren die Spiegel, in die du schautest und die Welt reflektirt sich nur trübe in solchem Spiegel. Und gerade die Erinnerung an die Kindheit, sie ist das von'Zauberkrautern duftende A.nulet für ganze im Streite dahin ziehende Leben, wo die Planeten schneller um die Sonne zu rollen scheinen und der Strom rauschender und rascher dahin fließet, je abschüssiger sein Boden wird. Diese Erinnerung, sie ist das sehnsüchtige Heimweh nach einem fernen Eldorado und diese Sehnsucht erwachet in's besondere, wenn has äußere Auge nur um sich eine zerstörte Paradieseswelt sieht, oder wenn es sich zum Schlafe schließt. Dann, in der Stille der Nacht besuchen wol die abgeschiedenen Geister den abgeschiedenen Geist, um ihn her versammeln sich die geliebten Gestatten und die Thränen der Sehnsucht überraschen den erwachenden alten Menschen. — — Wehe aber euch allen, die ihr eine Jugend zerstören sehet und das zuckende Herz herausreißen und .ihr fallet dem grausamen Geschick nicht in die Arme, daß ihr es am Morde hindert! Als ich dich aber stehen sah, mein Scheidel, da gingen mir bald die Worte zu nahe, die ich jüngst über unser Volk gesprochen; ich sähe nicht auf die meeresgroße Wunde, die ihm geschlagen, wie es aus der Welt gestoßen, mit seinem Glauben in seine Hütten flüchtete, und den großen Gedanken seiner Geschichte an jede Thürespfoste, an jede Kleinigkeit heftete, wie es das Vaterland in seine Häuslichkeit verpflanzte, daß jeder seiner Heerde in einem gelobten Lande stünde. Ich sähe nur das große Israel und das'was es werden sollte, werden konnte, und nicht die, die es in den Staub getreten und die da verlangen, daß ein Seidenfaden die schwere Glocke trage und nicht zerreiße und die Glocke im Fallen nicht töne! — — O wie möchte ich dich, mein Volk, an's Herz drücken und die Seufzer auffangen, die deiner von tausendjähriger Angst beklommenen Brust entsteigen. Aber soll es mich nicht betrüben, wenn ich deine edle Kraft vergeudet sehe am Nichtswürdigen, wie du dir die wunde Hand abarbeitest, wie du deiner eignen Größe feind sie in den Staub trittst, wenn ich das esende Gezänk deiner Schriftgelehrten höre, die einer den andern beneidend, jedes kräftige Handeln eines frischen Lebens verschmähen, verkrüppelt an Geist und Gemüth nicht aus dem Sandgehege gelangen können, - und gleich Vampyren das Helle Lebensblut des Volks einsaugen. Israels Kern, wahrlich er ist nicht in euren Wechselstuben und Comtoiren, er steckt nicht in euren Großen und Vornehmen, nicht in euren neuen Rabbinen und Schriftgelehrten mit ihrer Halbweisheit, die sie, obgleich selbst verachtend, zur Schau tragen — er liegt in dem gedrückten nieder» Volke, ln den verstoßenen und mißhandelten Jungen, wie in meinem Scheidel-- 96 0

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