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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1839-11-02 · Heft 96 (2.11.1839) · p. Seite 568

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
3 (1839)
Issue
Heft 96 (2.11.1839)
Date
1839-11-02
Page
Seite 568 (sequence 8)
Language
German
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568 zitterte vor Frost auf dem Strohe und meine Mutter klopfte auf die Brust und stammelte das Sündenbekenntniß. Ach, wenn der Frühling kam, und die Sonne stieg immer höher, die Tage wurden langer, draußen ward es milde und Gott schickte sein Wort, daß der Schnee schmolz und alles war gut in der Natur, aber Passa nahte sich und es gab kein Mehl zum Osterbrod, meine Mutter ging händeringend umher, alles konnte sie ertragen, nur das nicht, der Vater saß den Kopf auf die Hände gestützt, und die Hände auf's Knie . . . . Hier stand der erzählende Scheidet still und schauete um sich, als spräche er zu einem großen Kreise, sein Gesicht wurde noch ernster, seine Sprache noch feierlicher, er rief laut: die ihr da besitzet Ln Fülle und immer mehr begehret, als ihr schon habet, und immer mehr bekommet, als ihr begehret,—'die ihr glaubet, es ließe sich alles ertragen, weil ihr so leicht zu tragen habet, die ihr das Elend vergesset, weil euch das Elend vergessen, die ihr erhabene Lehren im Munde führet, weil euer Sinn leer ist an Erhabenheit, die ihr euch noch großherzig dünkt, wenn ihr das verächtliche Allmosen wegwerfet, weil ihr zu engherzig seid, das Gemüth des haschenden Nehmers zu erfassen, steigt herab eine Nacht in solche Hütte und in dieser Tiefe könnet ihr gelangen zur Höhe der Menschheit und könnet fühlen lernen beim Genießen, und handeln lernen beim bloßen Thun! Jetzt aber eilte Scheidet weiter und schien seine Schritte verdoppeln zu wollen. Er fuhr fort: Ich wurde indeß alter und lernte nichts außer unsere Gebete lesen und nothdürftig verstehen, denn ich hatte keinen Lehrer, meines Vaters Geist aber wurde immer stumpfer und zuweilen schien es, als verließe ihn auch das innere Licht, das ihm bis dahin mit so inniger Kraft geleuchtet. Endlich wurden mir Geschäfte. Ich ging täglich auf's Schloß und reinigte das Schuhwerk der Herrschaft, lief auch als Bote zu benachbarten Edelgütern und Vorwerken oder ich mußte mit der Iagdklapper dem Herrn des Dorfes zur Wildhetze folgen. Da watete ich Tagelang durch den Schnee und trieb die Hasen vor mir her und wehe mir, wenn ich das Wild auf falsche Fährte jagte oder sonst einen Fehler beging, dann wurde ich unbarmherzig vom. Edelherrn geschlagen, daß mein Rücken wund wurde von den Hieben. Wenn er dann ausgelassen seinen Grimm, so wurde er erweicht von meinem duldenden Gehorsam, und gab mir Geldstücke, die ich voller Freude meinen Eltern brachte und siehe, bald suchte ich mit Bedacht kleine Fehler zu machen, um geprügelt zu werden und dann dafür Geld zu erhalten. Mein Körper ward abgehärtet von den Mißhandlungen, aber ichwurde stark im Ertragen und weinte nicht, und sagte meinen Eltern nichts. Im Schlosse selbst wurde ich von den Dienern geneckt, ich ward der Knecht der Knechte; wenn ich hungrig von der Treibjagd zurück kam und das erlegte Wild zusammen schleppte, so zeigten sie mir die Gerichte, die ich als Jude nicht genießen durfte, nicht genießen wollte und suchten mich durch Spott und Ueberredung zu verführen; ich aber blieb standhaft beim Gesetze, kauete mein trocknes Brot und sah gleichgültig in die Prunksäle. Wenn dann der Freitag kam und ich hatte meine Mutter mit Oel und Weißbrod versorgt und den Segen meines Vaters empfangen und eilte in das Gottes.« haus,-wo die hellen Lichter brannten und der Kantor so feierlich den Sabbat als Herzensbraut begrüßte, — die Herrlichkeit Gottes scheint sich dann über Israel's Söhne zu lagern — da hatte ich meinen Lohn und fühlte nicht die Wunden meines zerschlagenen Leibes, nicht die Mattigkeit in meinen Gliedern. . . Siehe, da war es an einem Neujahrsmorgen, ich war in's Gotteshaus getreten, sie standen im weißen Todtengewande die Männer Israel's, es ertönte der gebrochene Ton des Widderhocns wie Weheruf, wir hatten uns niedergeworfen anzubeten, aber vor meinem Ohre hallten noch die verlesenen Worte des Propheten: „laß ab deine Stimme von Klagen und dein Auge von Thranen, denn es ist ein Lohn für deine Lugend und deine Zukunft ist hoffnungsvoll!" — es war mir, als wenn im Augenblicke sich eine schwere Last von meinem Herzen lösete, es war mir als hauchte mich ein geistiger Mund an, der immer wieder diese Worte sprach, als spräche rr es immer anders, bald ernst ermahnend, bald lieblich tröstend und beruhigend, bald selbst weinend und trauernd. Wie wir wieder aufstanden und ich sah mich um, die Wölkchen aus den brennenden Kerzen erhoben sich immer höher gegen die Decke des Tempels, sie zogen unwiderstehlich meine ganze.Aufmerksamkeit auf sich, sie schienen mir Gesichte zu bilden in Nebel gehüllt, ernst.wie das Gesicht des tröstenden Propheten; ich setzte mich in den Winkel, eine Thräne entperlte meinen Augen, in der sich die Lichter der Kerzen brachen, so daß mir der ganze Tempel erleuchtet schien von unzähligen Lichtern, das Gebetbuch entfiel meinen Händen, nicht achtete ich selbst auf die alte Dichtung jenes Märtyrers unsers Glaubens, der sich mitseinen abgehauenen Gliedmaßen in den Tempel hatte tragen. lassen und da dem höchsten König seine letzte Huldigung gebracht — der Gottesdienst ging zu Ende und erst dann, als alle hinausgezogen waren , eilte auch ich träumerisch nach Haufe. Da kam mir die Mutter entgegen und führte mich an's Strohlager meines Vaters, über seinem Gesichte lag ein schwarzes Tuch, über seinem Körper ein weißer Laken, er war plötzlich aber sanft verschieden. Ach, es war sein Geist, der mir im Tem-

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