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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1839-11-02 · Heft 96 (2.11.1839) · p. Seite 567

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
3 (1839)
Issue
Heft 96 (2.11.1839)
Date
1839-11-02
Page
Seite 567 (sequence 7)
Language
German
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567 in der unzusagendsten Form ließ, Valet sagen, um dem Unbemitteltem, in dessen Hütte seltener der Glanz der Aeußerlichkeit eintritt, am Heiligen eine Freude, dem delikaten Rassinirten eine Befriedigung, dem Gegenstände aber eine Angemessenheit zu schassen. Belletristik. Die Wanderung dnrch's Leben. Eine Zeit-Novelle. (Fortsetzung.) 4. Erzählungen Scheidel's auf der Reise. Gär? es für das Herz nichts als den Augenblick, so dürstest du sagen: um mich und in mir ist alles leer, aber liegt nicht die lange Vergangenheit hinter dir, und wächst täglich , und die Zukunft steht vor dir, und deinen Winter nmschliefit ein Frühling und ein Herbst. (Jean Paul, Körnet). Ich bin in derselben Stube geboren, die wir. beim Antritt unsrer Reise verließen, und wenn ich nicht auf einer Reise sterbe, so soll cs auch das Plätzchen sein, wo man mir die Augen zudrückt und mich heraustragt nach dem Bet-Olam zu ruhen neben meinen Eltern. Mein Vater verstand die Kunst in Metall zu graviren und war ebenfalls beständig auf Reisen im Reiche, um von der Arbeit seiner fleißigen Hände zu leben und einige Gulden zu erübrigen, die er dann nach Hause meiner Mutter schickte. Und dennoch war oft große Noth bei uns, denn damals war der Verkehr zwischen Deutschland und Polen noch nicht so lebhaft und es wahrte lange, ehe ein Brief in der Heimath anlangte, die Posten blieben oft Monate lang aus. Aber ich war damals noch Kind und so berührte mich dieses häusliche Drangsal wenig, und ich konnte die Thranen der Mutter mir nicht erklären, wenn sie mir das trockne Brod mit Salz an hohen Festtagen reichte, da jeder Tag dem Kinde ein Festtag war, wenn ich nur draußen mich herumtummeln konnte. Aber es war an einem Tage — o, er ist mir noch gegenwärtig dieser Tag, es war ein Purimsfest, die ganze kleine Gemeinde war voller Frohsinn, auf jedem Gesichte thronte Heiterkeit, der Winter war in seiner größten Strenge vorüber, der Frühling war nahe, es war ein heller, freundlicher Freitagsmorgen, alle Kinder freuten sich der Festgaben, ich allein hatte nichts erhalten, mein zerrissenes Gewand stach jämmerlich ab von der Kleidung der begüterten Nachbarskinder, denn der Vater hatte lange nicht geschrieben, die Mutter war erkrankt vor Gram und Sorge — da ging die Thür auf und herein führte man meinen Vater, 'erblindet an beiden Augen. Da stand er, der edle Mann an der Thürschwelle, hinter ihm mehrere Nachbarn mit blassen, erschrockenen Gesichtern, — die Thranen perlten ihm über die Wangen, ec wendete das Haupt bald hierhin, bald dorthin, als glaubte er, daß von der lieben, gewohnten Umgebung und dem theuern Weibe und Kinde vielleicht ein Strahl des Lichts den verdunkelten Augenstern tressen würde, eher noch, als von der' liebeleeren Fremde, dann schüttelte er den Kopf in Verzweiflung und schien doch gleich wieder Fassung gewinnen zu wollen. „Mirjam, Mirjam!" rief er meiner Mutter zu, die mit einem Schrei des Entsetzens aus dem Bette in feine Arme, aus diesen ohnmächtig zu Boden stürzte. In demselben Augenblick wurde ich elfjähriger Knabe mündig — die Welt öffnete sich mir, meinem Vater war das Licht erloschen, mir gingen die Augen auf, es war, als wenn ich aus einer blühenden Landschaft, wie ich deren nachgehends im mittäglichen Frankreich gesehen habe, in eine Wüstenei unsers Vaterlandes getreten wäre mit einem Schritte, es war mir, als hatte eine mächtige Hand mich aus dem Eden der Kindheit in die weite, weite Welt gestoßen, als wären die Tage meines Lebens, die bis jetzt Festtage gewesen, zu Fasttagen der Trauer und Betrübniß geworden. Da stürzte ich. zu meines Vaters Füßen und umfaßte seine Knie und weinte bitterlich und im ganzen Hause war ein Schrei des Entsetzens und der Wehklagen. Was soll ich nun erzählen von den Tagen, die nachher kamen! Wie mein Vater saß Tag nach Tag in dem harten Lehnstuhl, wie meine Mutter in treuer Sorgfalt um ihn war und für ihn arbeitete und dock nicht mehr den Bedarfzu erschwingen vermochte, wie die Sorge mit hohlem Auge vor unferm Bette stand, wennwir uns erhüben, an unserm Lager weilte, wenn wir uns niederlegten, wie das Leben ein Gespinnst wurde von Qual und Angst, das uns umgab und jede freie Bewegung hemmt, wie die Freude selten nur in unsre Kammer schaute, und wenn sie es that, nur mit einem von Schleier verhüllten Gesichte. Hu, wenn es Winter ward und der Sturm brauste durch die zerbrochenen Fensterscheiben, die zur Noth mit Lumpen ausgestopft wurden, und der Regen ergoß sich in Strömen und drang durch das beschädigte Dach durch die Zimmerdecke auf das kahle Haupt meines Vaters und wie Tausende von Geistern pfiff es durch den zerborstenen Ofen, und das Licht der Lampe drohte jeden Augenblick zu erlöschen aus Mangel an Oel, und wie der Vater dann den Nachtsegen zu seufzen anft'ng von „dem Engel, der ihn erlöset von allem Nebel" und von „der Freundlichkeit des Herrn, die über uns waltet," und ich

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