Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 3 (1839)
- Issue
- Heft 95 (26.10.1839)
- Date
- 1839-10-26
- Page
- Seite 551 (sequence 7)
- Language
- German
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Erster Auftritt. Zimmer im königlichen Pallast zu Krakau. Der König sitzt sinnend an seinem Arbeitstisch/ dann erhebt er sich, und tritt vor. Kasimir. Beschäftigt mit dem Wohle meiner Völker, Und tief begeistert für das hohe Werk, Das meiner Hand der Höchste anvertraut, Hab ich den Menschen um den König stets Vergessen — Kasimir um's Polenreich. Ich sah die Wunden, ach, durch die das Blut Des edelsten der Völker auf der Erden, Unhaltsam rinnt, ich sah die Wunden offen, An denen Polen einst verbluten wird — Ich sah des Adels Kraft unnütz vergeudet. Des Volkes Kraft zertreten mit den Füßen, Ich sah, wie Jeder sich nur geltend macht, Und doch nicht übet, was er gelten könnte — Und aus der Tiefe reiner Iünglingsbrust Stieg mir ein Bild der höchsten Wirksamkeit. Was schwache Herrscher, was der Zeitenlauf An Wunden diesem Reiche langst geschlagen. Ich wollt' es kräftig'und auf immer heilen: Dem Adel Macht, dem Volke freie Stellung, Der Geistlichkeit die vielverletzte Würde, Und jedem Menschen Polen eine Freistatt! Schon hebet sich der Städte große Zahl In edelem Gewerke rasch empor, Dem Landmann sichert' ich der Arbeit Frucht, Den Fremdling überwies ich seinem Recht. Mannhastig bin ich keinem Sturm gewichen. Mit Ausdauer stegr' ich über rohe Kraft Doch längst zum Manne ist der Jüngling worden. — Und was erweckt nun plötzlich mir den Sturm Im Herzen, den ich längst schon hinter mir Gewähnt? Was bannt mit si'cherm Zauber mir Des Denkens Reich in ein, ein einzig Bild, Bei dem es fort und fort im Stillstand bleibt? Gerechtigkeit? — Doch hat ein Einzelfall Mich je in allen Tiefen so ergriffen? Und wie erzittert diesmal mein Gefühl Bis in des Herzens letzte Nervenfaden, So ich der flehensreichen Jüdin denke; Ihr Bild beherrscht mich, tief erbebt die Seele, So ich sie schuldig, in Gefahr sie denke. — Ich liebe nicht die Juden — allzufern Ist ihre Welt von unsrer abgelegen. Und ein Jahrtausend kann den Bruch kaum heilen. Doch Hab' ich stets als Menschen sie betrachtet. Als Menschen, die das Süßeste auf Erden, DaS Heimatsland, verloren, die als Pilger Auf ihrer Irrfahrt unsrer Lieb' bedürfen. Und die verfolgt, berechtigt sind zum Schutze. Doch diese Jüdin, wie sie händeringend. Wie sie vom Hauch der Todesangst geröthet. So vor mir lag, um Gnad' und Schonung flehend — War's doch, als ob's mit tausend Stimmen riefe: Die Krone gieb für ihre Rettung hin! Unschuldig ist sie — ich bürg' selbst dafür — Doch wer beweist's? wer hebt aus tiefem Schacht Verdeckter Tiefen mir die Wahrheit vor? Wer giebt dem Volke den Beweis der Unschuld, Und löst den Knoten, den verschlungenen, auf? Ich hofft unmuthig, jeder Augenblick Verdunkelt mir das innre Licht nur mehr. — Zweiter Auftri tt. Der König. Ein Kammerherr. Kammerherr. Ein Mann steht draußen, Sire, der Einlaß fordert, Und ungestüm die Audienz verlangt, Viel Menschenleben Hang' an feinem Wort, Und eine Freude wär' es für den König. So laßt ihn ein. Kasimir. (Kammerherr ab.) Dritter Auftritt. Kasimir. Gregoire. Gregoire (beugt das Knie.) So knie ich vor des Königs Majestät, Und aus dem Herzen dringt's mit einem Morr, Gerechtigkeit für Schuldlosangeklagte! Kasimir. Steh auf, was willst du? Gregoire. Daß vergebens nicht Durch aller Wächter, aller Diener Schaaren Ich kühn mich drängte vor die Majestät Des. Königs, die der Abglanz Gottes ist. So fordr' ich mit dem letzten Athemzug, Im Staube knieend, Gerechtigkeit, mein König! Kasimir. Im Staube soll Gerechtigkeit nicht liegen, Sie soll das Haupt auf offnem Markt erheben. Steh auf, und sprich — und so du Wahrheit redest, Soll meine Hand Kraft deinem Worte geben.