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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1839-10-26 · Heft 95 (26.10.1839) · p. Seite 548

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
3 (1839)
Issue
Heft 95 (26.10.1839)
Date
1839-10-26
Page
Seite 548 (sequence 4)
Language
German
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548 besondere Rechte, brauchen keine Tagezettel zu lösen, erhalten Stipendien, rc. Und dennoch steht, wie einer Ihrer hiesigen Correspondenten Ln No. 83 d. Z. sehr richtig bemerkt - die Erziehung bei den Juden in der Provinz mit den bedeutenden Fortschritten derselben in der Hauptstadt in gar. keinem Verhaltniß. — Worin liegt hier der Grund? Einzig und allein in dem Mangel jüdischer Schulen in den kleinen Städten. Würden solche erst gegründet werden, dann wäre nicht blos der jüdischen Jugend in der Provinz selbst, die Bahn zur Ausbildung erschlossen, sondern auch noch eiy anderer Uebelstand beseitigt. Dieser ist der, daß die hier aus der Provinz ausgenommenen jüdischen Schüler, nachdem sie die Schule verlassen, durch Anstellung als Lehrer bei den Provinzialschulen ein ehrenvolles Unterkommen finden würden, wahrend sie jetzt keine Lust verspüren nach ihrer Heimath zurückzukehren, wo ihrer statt Ehre und Unterkommen, nur Haß und Feindseligkeit von den dort noch in finstern LZorurtheilen befangenen, alle humane Bildung verachtenden Glaubensgenossen zu warten scheint. Sie geben deshalb lieber hier Privatunterricht oder arbeiten in Comptoirs. — Hier bleibt also noch ein weites Feld zum segenvollen Wirken 'durch Anlegung von Filialschulen offen. An Fonds hiezu kann es gar nicht fehlen; da nämlich jeder Hausvater in den Provinzialstadten zur Unterhaltung der christlichen Schulen einen Beitrag (szkolny podaiel;) entrichten muß, es sich aber sehr selten trifft, daß ein jüdischer Hausvater, der hier mit dem Christen zugleich beisteuert, seine Kinder in die christliche Schule schickt, so hatte man blos nöthig, die diesfalsigen Beiträge der jüdischen Hausvater zur Einrichtung und Unterhaltung einer jüdischen Schule zu verwenden, und allen obigen Uebelstanden wäre mit einem Male abgeholfen, für die Erziehung der jüdischen Provinzial - Jugend gesorgt und der hier sehr über Hand nehmenden Anzahl von jüdischen Privarlehcern ein ehrenvoller Weg zur Habilitirung in den kleinen Städten eröffnet..— An diesen wohlgemeinten Vorschlag erlauben Sie, noch einen, in Betreff der Verwaltung des Armenwesens in. unsren Gemeinden, zu reihen. Man hat wahrlich im Auslande gar keinen Begriff, welch' eine zahlreiche Klasse von Armen, nach den verschiedentlichst. uüancirten Abstufungen, zwischen dem pauvre honteux unb dem verstellten krüppclhaften Bettler, hier in den Straßen an gewisser) Tagenbic gerade jetzt im Monat Elul und Tifchri erscheinen, sich herumschleppt. Eben so soll es auch in Lemberg, Brody und Krakau sein. 'Viele — nicht alle jüdische Hausvater werden von diesen Armen in starke Contribution gesetzt, und zwar die polnischen mehr, als die Deutschen, weil diese auf den fogenannlen eximirten Straßen meistens wohnen, wo kein jüdischer Bettler nicht zu erscheinen wagt. Durchschnittlich nimmt man an, daß es 20 Tage im Jahre giebt, wo jene Bettler Haufenweise an den Laden und Thüren erscheinen, durchschnittlich nimmt man ferner an, daß ein jüdischer Bemittelter Hausherr 5 fl. poln. an jedem jener Tage unter Arme groschenweise vertheilt. Nimmt man noch dazu, daß es solcher bemittelten Hausherren wenigstens 300 hier giebt, so wird man erstaunen, daß hierbei sich leicht eine Summe von!O0,OY0fl. ergiebt, die hier von jüdischen Hausvätern jährlich an jüdische Arme groschenweise (d. h. zu zwei Pfennigen) vertheilt wird. — Könnte man diese Summe nicht besser verwenden, und würde sich, nicht eine größere Herausstellen, wenn man von Seiten der Gemeinde-Vorsteher diese Almosen sammeln würde? Könnte man nicht an den Plan eines Versorgungs- Verp flegungs- und Arbeitshauses für jüdische Arme denken? Hier würden hülflose Greise, arme Wittwen und verwaiste, verwahrloste Kinder gespeist, gekleidet,. und zweckmäßig beschäftigt werden; und der äußere, Widerwillen, Ekel und Haß bei trnsren Mitbürgern erregende Anblick so vieler zerlumpter, in den Straßen sich herumtceibender Bettler wäre aus dem Wege geräumt. Sogar die Art, das AUmosen zu geben, würde dabei gewinnen, denn derselbe Bettler, dem ihr heute einen Groschen gebet, kommt über einem Jahre an demselben Tage, zuweilen noch früher, schon wieder in derselben abgerissenen Kleidung, und beweist Euch deutlich dadurch, daß das so gleichsam vergeudete Allmosen ihm nichts geholfen habe,, höchstens nur momentan. Und wenn Mendelssohn auch gesagt hat, (in s. Jerusalem S. 23): „Es ist nicht rathsam, daß der Staat alle Pflichten der Menschenliebe bis auf die Allmosenpflege, übernehme und in öffentliche Anstalten verwandele ," so betrachtet er die Sache nur von dem rein psychologisch-philosophischen Standpunkte, der aber bei der praktischen Verwaltung des Armenwesens durchaus .unberücksichtigt bleiben muß, weil hier nicht von dem inner» Werth des Menschen, sondern vom der materiellen Hülfe einer großen, in Armuth schmachtenden Menschenklaffe die Rede ist. — Es wäre daher kein kleines Verdienst der Warschauer Gemeinde, wenn sie auch mit der Einrichtung eines Arbeitshauses für arme Juden, als ein Muster der Provinz vorangehen wollte. Es genügt uns vorläufig, diese beherzigenswerthe Idee durch das Organ Ihrer hier mehr gelesenen allbelicbtcn Zeitung angeregt zu haben. Die hiesige Staatszeitung (Oazota rzadowa) No. 199 vom 7. d. M. theilt unter den statistischen Berichten einen Artikel über die Einführung einer neuen Verwaltung bezüglich der im Cherson'schen Gubernium ansässigen Ackerbautreibenden Juden,.mit. Zur Zahl der in Südrußland befindlichen Kolonien gehören die besonderen jüdischen Kolonien , deren' jetzt zehn existiren, die in der Zeit von 1806 bis 1824 angelegt wurden und allein in dem Ehersonffchen Gubernium sich befinden. Die hier ansässigen Juden sind aus andern Provinzen eingewandert, und treiben, ihrem Wunsche gemäß, Ackerbau. Es giebt jetzt 8000 Kolonisten beiderlei Geschlechts. Sie haben eine zehnjährige Abgabenfreiheit (Allewiacya), fmb aus 50 Jahre von' der Rekrutenverpflichtung befreit, treten aber nach Ablauf dieses Termins unter die Steuern und Lasten, denen die Kronbauern unterworfen sind. Es wird streng darauf gesehen, daß Keiner aus seinem Orte nach einem andern auswandere, und diejenigen, die sich im Ackerbau'durch Fleiß und Thatkgkeit auszekchnen, erhalten Unterstützung und Aufmunterung. Der Plan zur Organisation einer neuen Verwaltung dieser jüdischen Kolonien wurde im Ministerium des Innern den obigen Grundsätzen zufolge entworfen, vom Staatsrathe anerkannt, und am 4. Oktokee 1837 Allerhöchst bestätigt. Dieser

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