Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 3 (1839)
- Issue
- Heft 95 (26.10.1839)
- Date
- 1839-10-26
- Page
- Seite 547 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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547 warum befehlt ihr eurem Rabbinen nicht, dafür Sorge zu tragen, wie der Prediger und der Pastor es mit einer bewundrungswürdigen Aufopferung thun? Scheint es doch, als ob der Konststorial-Rabbine keine andere Sorgen haben und kennen müsse als Verordnungen aufzuzeichnen! Warum verlangt ihr sonst nicht die Einführung israelitischer Almosenpfleger in den öffentlichen Hospitälern? Das wäre ein Ausweg für die jungen Rabbinatskan-didaten, welche, wenn sie die Langeweile und den Ekel in der Schule überwinden, vor Leerheit zu sterben bedroht werden in der Carriöre, welche ihr ihnen anweist, wenn man anders einem Sackgäßchen ohne Ausgang diesen Namen beilegen darf. Sicherlich würde die Errichtung dieses Amtes weniger Kosten verursachen, als die Errichtung und der Unterhalt eines neuen Hospitals. Wir haben indeß gut schreien, gut benachrichtigen, die neue Synagoge wird gebaut, das neue Hospital wird gegründet werden und wir werden uns immer mehr in Schulden stecken. Die Hinterlist des Konsistoriums neben der Behörde werden uns schon zur Zahlung zwingen, uns, die wir vorzugsweise steuerpflichtige Narren und zu Frohndiensten um Gotteswillen verbunden sind. Glaubensgenossen, ich werde es euch beständig wiederholen, so lange ihr darauf besteht an die Spitze eurer Angelegenheiten große Banquiers, große Negozianten, große Lieferanten, große Juweliere setzen zu wollen, so wird der reinste Ertrag der für uns von allen diesen Grossisten entspringen wird, nur einmal große Schulden sein. Es ist länger als ein halbes Jahrhundert her, als einer dieser großen Herren, Namens Cers-Berr, Herr von Tomblaines, den Einfäll hatte, in Straßburg eine schöne Synagoge zu bauen. ' Von seinem Gelde? Nichts weniger als dieß! Auf Kosten ihrer gegenwärtigen und zukünftigen Verwaltung. Heute noch bezahlt Straßburg die Schulden, die thörichte Prahlerei seines israelitischen Gentlemans, einer Art von Personen welche in Deutschland sehr verbreitet sind, von außerordentlich dramatischem Effekt, auf welche der Pinsel eines neuen Moliöre noch wartet. Laßt uns auf die 'Minianim zurückkommen. Ich wünsche, ohne es zu hoffen,, daß die Vertheidigungsrede des Herrn Ccehange mit einem vollständigen Erfolge gekrönt werde. Was mich persönlich anbetrifft, so stimme ich nicht mit den religiösen Versammlungen überein; die Meinungen, welche daselbst herrschen, sind größtenteils den meinigen grade entgegengesetzt. Aber Freiheit der ganzen Welt, den Reformatoren und ihren Gegnern: dieß ist der Grundsatz, von welchem man niemals abweichen soll. Es giebt nur eine gesetzmäßige Art, schlechte Einrichtungen zu vernichten, wenn man nämlich bessere dafür aufstellt. Macht den Tempel allen Familien zugängig, ohne Jemand erniedrigen zu wollen. Gründet französischen Gottesdienst, welcher Jedermann verständlich ist. Sorget zur rechten Zeit und Stunde für die Bedürfnisse und die Zeit, nicht der Müßiggänger und der Rabbinen, sondern der Arbeiter und der Gewerbthätigen. Die Tempel werden sich alsdann füllen und die Minianim verlassen dastehen. Dieses Mittel allein ist wirksam, es ist ehrenvoller als die Dazwischenkunft des Armes der Polizei, welche vielleicht dazu aufgefordert wird. In dem nächsten Briefe werde ich die Biographie Ensheims fortsetzen, und alsdann über ein moralisches Werk Bericht erstatten, welches man mit Nutzen in den vorbereitenden Klassen der talmudifchen Schule einführen könnte. Es handelt sich darin um eine leichte und blühende Methode, außerordentliche Lügen und ehrbare. Tartüffe zu bilden, welche Herr Michel Berr so eben in Form eines Katechismus, für die israelitische Jugend bestimmt, hat erscheinen lassen. Wir werden diese Produktion mit derjenigen Strenge beurtheilen, welche die Wichtigkeit ihrer Bestimmung erfordert und mit der den Verdiensten des Verfassers schuldigen Rücksicht, der ein sehr guter Franzose ist, wenn er nicht schreibt. Genehmigen Sie u. s. w. Tsarphali.“ England. London, 28. Sept. Die englischen Zustände richtig zu bezeichnen, unterlassen wir nicht, folgende Aeußerung des Sun anzuführen: „die Geldmittel der Rettungsgesellschaft (Humane society) sind beinahe erschöpft, so daß diese wohlthätige Anstalt ihrer Auflösung entgegen sehen muß, wenn sie nicht neue Hülfsquellen erhalt. Das brkttische Volk unterzeichnet jährlich 72,000 Pf. St. für den ^bischöflichen Missionsvecein, viele Tausinde in der vergeblichen Hoffnung, die Juden zu bekehren, und jährlich fast eine Million für Zwecke, die zum Theil unerreichbar sind, und vernachlässigt einen Verein, der seine Geldmittel nur wahrhaft wohlthätig verwendet." Rußland und Polen. Warschau, 26. Sept. (Privatmitth.) Am 29. und 30. v. M. fand hier die Prüfung der jüdischen Schüler in der sogenannten Rabbinenschule wiederum Statt. Am ersten Tage bestanden dieselben das Examen in den modernen oder profanen Studien, als Sprachen (deutsch, russisch, polnisch), Mathematik, Geographie, Geschichte, Deklamation, und am zweiten in den heiligen Schriften (Pentateuch, Propheten), der hebräischen Grammatik und im Talmud, auf eine alle Anwesende, worunter diesmal auch unser Rabbine sich befand, befriedigende Art. Blos noch etwas mehr Ordnung und äußern Anstand sowol von Seiten des Lehrerals des Schülerpersonals hätte man gewünscht. Unter den Leistungen der Letzteren muß eine von einem Abiturienten in polnischer Sprache verfaßte Abhandlung über den Nutzen der Rabbinenschule hervorgehoben, werden. Es sei erlaubt, hieran einige Betrachtungen zu knüpfen. Es ist unbestritten, daß dieses Institut, das den Namen Rabbinenschule, der zweckwidrig ist und zu vielen Mißdeutungen Veranlassung giebt, mit dem einer jüdischen Real- oder Volksschule endlich einmal vertauschen sollte, einen sehr wohlthätkgen Einfluß auf die Erziehung der jüdischen Jugend unsrer Stadt ausübt; aber eben nur unsrer Stadt: — außerhalb derselben, in der Provinz, sind noch nirgends Spuren ihrer Wirksamkeit irgend wie zu erkennen. Warum? Schickt die Provinz ihre lernbegierige Jugend nicht etwa hieher? Nimmt die Schule solche vielleicht nicht auf? — Keines von Deiden findet Statt, im Gegentheile genießen die aus der Provinz aufgenommenen Schüler ganz