Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 3 (1839)
- Issue
- Heft 95 (26.10.1839)
- Date
- 1839-10-26
- Page
- Seite 546 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3225013-3225109--02229-3234800- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- hazzan 1× ep/1004827
OCR text
546 als Mann von Charakter bittere und nützliche Wahrheiten öffentlich ausgesprochen und mit Wärme und Talent die Sache der Schwachen vertheidigt. Der hohe Preis der Plätze sagt er, vertreibt die Armen von der 'Schwelle der Synagoge, und ihr, reiche Eigenthümer dieses Bodens, glaubt, um die Einkünfte der Synagoge zu vermehren, die Armen verhindern zu können, sich anderweitig zu gemeinschaftlichem Gebete zu vereinigen; ihr wollt sie zwingen, den Zins eurer Stühle zu bezahlen und dadurch die Summa eurer Beisteuer zu vergrößern? Herr Ccähange läßt mit Kraft die Unbilligkeit dieser fiskalischen Forderung fühlen, welche, indem sie das moralische Band dieser Gesellschaften zerstört, auch die Existenz derselben bedroht. Diese Klagen, welche ich durch einen Auszug nur schwäche, sind sehr gegründet. Es ist wahr, wir haben keine Tempel mehr. Was man wol also benennen möchte, sind nur Gebetsale, deren Logen lebenslänglich, oder auf ein Jahr, ein Vierteljahr verkauft oder vermiethet sind, aber es giebt dort kein Parterre. In Paris wird eine mittelmäßige Loge mit 20 Francs auf sechs Wochen vermiethet. In dem Comptoir des Wechslers sieht man in kleinen Kästchen die Quadrupel, die Guineen, die Dukaten, die Karolins u. f. w. geordnet: Goldmünzen; weiter unten die Kronen, die Thaler, die Piaster, die Dollars u. s. w.: Silbermünzen, aber keine Scheidemünze: das ist genau das Bild unserer Synagogen. Leute mit Diamanten, Leute mit Gold, Leute mit Silber u. s. w. sind nach Verhaltniß ihrer Glücksumstande in ihre Stühle eingenistet, während der bescheidene Gewerbthätige in irgend einen dunklen, staubigen Winkel verbannt ist, umgeben von jenen verächtlichen Wesen, welche die Trägheit und schlechte Aufführung zu einem beständigen Elend verdammen. So ist die gegenwärtige Synagoge beschaffen, wahrend in einem wirklichen israelitischen Tempel derjenige welcher eine Familie mit saurem Schweiße des ganzen Tags hindurch ernährt, der Lastträger, das Recht hat, zur Seite des Billionairs Baron von Rothschild Platz zu nehmen; denn in dem Hause desjenigen, den uns Moses verkündet hat, in Gegenwart des Höchsten, hören alle Unterschiede auf, es giebt da weder einen Ersten noch einen Letzten. Ich begreife selbst nicht, wie unsere jungen Leute, welche ein Gefühl ihrer persönlichen Würde erlangt haben, das Gefühl der ursprünglichen Gleichheit, welches in diesem Atter so tief ist,' sich noch entschließen können, den Fuß über die Schwelle dieser geldarkstokratischen Gebäude zu setzen, welche man mit dem Namen eines Tempels verhüllt. Es war nicht immer also! — In den früheren Zeiten diente das Synagogenlokal zu verschiedenen Zwecken. Man hielt dort Schulen ab, man hörte Redner über Gegenstände der Moral und streitiger Glaubenslehren. Das Evangelium hat uns kostbare Reste dieses Gebrauches aufbewahrt. Man verhandelt dort Gemeindeinteressen: daher der Name bet haam, Haus des Volkes, welcher lange Zeit der Synagoge beigelegt wurde; es giebt sogar ein besonderes Verbot des Talmud, sich dieser Benennung zu bedienen, welches dessen Existenz beweist. Es könnte sogar scheinen als ob der Gebrauch, in den Synagogen zu beten, erst später und nur nebenbei eingeführt wäre; denn selbst heut zu Tage führen alle Benennungen auf den alten Zustand zurück und haben mit dem Gebete nichts zu schaffen: so heißt dieß Lokal bet hakneset, Haus der Vereinigung; dasselbe drückt auch das Wort Synagoge aus, welches aus dem Griechischen hergeleitet ist; der Beamte heißt Chasan, Aufseher, und mit dem kirchlichen Ausdrucke: schliach tsibour, Bote der Versammlung. Die deutschen Juden bezeichnen die Synagogen mit dem Namen Schulen; sie Haben, welches sehr sonderbar erscheint, nicht einmal ein Wort, um die Handlung des Betens auszudrücken, und sind gezwungen zu dem lateinischen orare ihre Zuflucht zu nehmen, welches sie zu einem deutschen Worte umwandeln, indem sie sagen „oren.“ Wie dem auch sei, der Wechsel der Zeit hat nach grade die ursprünglichen Bestimmungen verschwinden lassen, und die Synagogen sind Bethäuser geworden, welche nur zu kirchlichen Gebräuchen geweiht sind. Nun bedarf aber der Kultus, wie jede andere Institution, des Geldes, um zu bestehen, und die christlichen Regierungen, anstatt uns dasselbe zu geben, drückten uns und zapften uns so viel als möglich ab. Daher war man gezwungen, zu denjenigen Mitteln zu schreiten, welche man angenommen hat; Alles zu verauktioniren, die Ehrenbezeugungen, die Würden, die Stellen; die Verkäuflichkeit wieder einzuführen, die Simonie, auf Finanzgrundsatze gestützt; daher kommt es, daß der Reichthum Alles an sich gerissen hat, und daß er überall den ersten Platz behauptet. Soll dieser Stand der Dinge, der durch das Unglück der. Zeiten herbeigeführt wurde, unumschränkter Weise fortdauernd Nein! Mit den Ursachen sollen auch die Folgen verschwinden. Da der französische Staat unseren Kultus anerkannt hat, so ist er uns auch Tempel schuldig um ihn darin, auszuüben. Laßt die Synagogen ihren Eigenthümern, laßt sie daraus machen, was sie wollen. In unseren Natkonaltempeln werden, ausgenommen die Plätze für die religiöse Obrigkeit, alle andern weder theuec noch billig sein, sondern jeden Tag demjenigen angehören, welcher zuerst davon Besitz nimmt. Laßt' uns diese Tempel von der Regierung fordern, und wir werden sie erhalten, denn die Forderung ist gerecht. Aber das Konsistorium der Seine wird es nicht thun. Es gedenkt einen zweiten Tempel für die Armen, eine Art Kkrchenhospital zu erbauen: diese Idee ist abscheulich, albern und verderbenbringend. Wie! ihr habt noch nicht einmal den ersten Tempel in der Straße Notre- Dame-de-Lazareth bezahlt, dieses Erzeugniß eurer unerschöpflichen Thorheit, dieses Gebäude so klein in seinem Umfang, so groß in seinen Kosten, und wollt zu einem zweiten Bau schreiten? Noch mehr, sie drohen ein israelitisches Hospital zu gründen, eine schöne Art und Welse, um die Unterschiede zwischen uns und der Nation schwinden zu-machen! Wahrscheinlich sind sie noch nicht groß genug. Immer schmeichelt ihr den besondern Tendenzen, niemals bekämpft ihr sie: die Rechnung eures Ehrgeizes, die Liebe eurer Ruhe. Ihr wißt daß diese Tendenzen volksthümlkch sind — pöbelhaft ist das wahre Wort — ist es denn der Pöbel, den ihr vertratet? Dieß geschieht, sagt ihr, um für die geistigen Interessen der Kranken zu sorgen. Heuch. ler! wenn diese Interessen euch so sehr am Herzen liegen,