Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 3 (1839)
- Issue
- Heft 94 (19.10.1839)
- Date
- 1839-10-19
- Page
- Seite 540 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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540 Journal-Revue. Wir versprachen in einer frühem Nummer dieser Rubrik (No. 9 d. I.) öftere Belege aus französischen Blättern hcranzubringen, wie, namentlich in den Feuilletons, versucht wird, den einzigen, meist noch rückständigen Punkt der äußerlichen Affimilirung aller positiven Religionen in Frankreich abzuschleifen, den der gemischten Ehen. Wir machten damals aufmerksam, daß die französischen Feuilletonisten da oft artige Geschichten zu erzählen wiffen, von türkischen Pascha's, jüdischen Banquierstöchtern und katholischen^ Grafen. Gewöhnlich endigen diese mit dem Triumph der Liebe über den religiösen Rigorismus, der durch die Hochzeit besiegelt wird. Es versteht sich von selbst, daß diese Blätter einen ernstem Zwcchdamit verbinden, den, wieder auftauchenden Vorurtheilen, vermittelst derer die bürgerlichen Verhältniffe vpn kirchlicher Unduldsamkeit wieder leiben könnten, entgegenzutreten, t und she dem großen Publikum zu entfremden. Dieser Zweck söhnt denn auch mit dem'wieder aus, was wir in dem französischen Leichtsinn an Nonchalance über alles Tiefere in der Positivetät der Religion empfinden könnten. Wir haben jetzt eine der neuesten Nummern des 6ourrier t'rancms (vom 19.Sept.) vor uns, welche unter dem Titel „Variolos. Les deux Reli-, gions,“ einen Artikel enthält, der ganz absichtlich zu obigem Zwecke.geschrieben scheint. Er enthält folgende Geschichte, die wir in ihren Umriffen wieder geben. Zwei Geschäftsfreunde, der gut-katholische Herr Dureönel und der gut-israelitifche Herr Salomon treffen zusammen, und der letztere klagt dem erstern, daß seine schöne Tochter Lia ihm gestanden, des Crsteren Sohn wäre sterblich in sie verliebt. Herr Salomon sagt: „WaS thun? darum will ich Sie befragen. Unmöglich fallt es Ihnen ein, so wenig wie mir, daß eine Verbindung zwischen den beiden jungen Leuten durch eine Heirath zu Stande komme. Ihr Vermögen ist gleich; Dank den Wohlthaten der Revolution, kein Vorurtheil lastet auf mir, noch auf meiner Tochter; aber, mein Herr, das wohlwollende Gesetz, welches uns gleiche Rechte giebt, eine gleiche Stellung, haben nicht genug Herrschaft, um mich meinen religiösen Grundsätzen'zu entziehen, sie haben mein Gewiffen frei gelassen, und ich kann nicht meine Tochter einem Manne verheirathen, der den Lehren und Vorschriften Mosis nicht nachfolgt ff." Eben so wenig will Herr Duresnel, daß seine Enkel Juden seien. Man denkt daher daran, den jungen Mann eine Zeitlang zu entfernen. Auch Mad. Duresnel, eine sehr fromme Frau, will Nichts davon wissen, und ruft wiederholt aus: „Eine Jüdin! Karl soll eine Jüdin heirathen! Eine Jüdin meine Schwiegertochter werden! Niemals, ehe soll er Junggesell werden!" Plötzlich stürzt ein schönes junges Mädchen herein, und verlangt Karl zu sprechen. Lia ist es. Ihr einziger Bruder sieht die Liebe des Herrn^ Karl zu seiner Schwester als eine-Beleidigung an, die er rächen muß. In demselben Augenblick bringt man einen Brief an den noch immer abwesenden Karl: es ist die Herausforderung des jungen Salomon. Beide sind treffliche Schützen, das Leben Eines von ihnen steht auf dem Spiele. Man muß sich entschließen, die jungen Brauseköpfe können sich begegnen, Herr Duresnel will seinen einzigen Sohn nicht verlieren. Da eilt Duresnel-zum alten Salomon. Duresnel wendet seine Beredsamkeit an; endlich erinnert er den Herrn Salomon, daß er einst in der Jugend mit einer gewissen Lisette in Verbindung gestanden, die keine Jüdin gewesen; er bekennt selbst, daß er in seiner Jugend eine Jüdin sehr geliebt habe, und schließt: „Wir haben also beide, und vielleicht ohne Leidenschaft, mit Leichtsinn, mit Skandal, die Gesetze der Gesellschaft und Moral verletzend, gethan, was wir jetzt aus Grundsatz der Religion, unfern Kindern verbieten wollen, die sich heftig lieben, die ihre Vereinigung durch dasheiligste Gesetz sanktioniren wollen." Herr Salomon wankt. Herr Duresnel ruft noch mehr Phrasen zur Hülfe. Er erinnert, daß sie in Gefahr ständen, einen Sohn zu verlieren, und daß auch hier ein Engel, wie bei Abraham, das Schwert zurückhalten könne, das ist die Vernunft, die Toleranz, die Menschenliebe ff." WaS die Enkel betrifft, so mögen die Eltern frei darüber disponiren. Endlich endigt er: „Montesquieu sagt, die jüdische Religion hat zwei Töchter gehabt, die sie zerfleischt haben, die christliche und mohamedanische. Die Heirath, die wir schließen wollen, wird ein wenig Balsam auf eine dieser Wunden gießen." Die Sache ist richtig; der Maire verbindet die jungen Leute, Mann und Schwager werden intime Freunde, und der Verfasser, Aycard, schließt'mit den Worten: „Vielleicht, meine ich, an die Proscriptionen und Autodafö'S denkend, sind wir jetzt indifferenter gegen Religion, als ehemals; aber ganz sicher, wir sind vernünftiger und glücklicher." — Bei solchen Gelegenheiten ist es bei den deutschen Schriftstellern Sitte, den Juden tüchtig als Juden zu charakterisiren,^ d. h. ihn allerhand Lächerliches Vorbringen, und sogenannte jüdische Züge verrathcn zu lassen. Dies -ist nun bei den Franzosen nicht der Fall, man sieht z. B., daß der junge Salomon ein guter Schütze ist, und sich auch schießen will. Das könnte schwerlich unsren deutschen Autoren in den Sinn und aus der Feder kommen. Dennoch sind auch die Franzosen noch sehr plump, wenn sie einen etwas altern Juden sprechen lassen. Sie denken, sie müssen alle biblische Gelehrsamkeit zusammenholen, und in den Juden hineinpfropfcn. So schildert hier der alte Salomon die Schönheit seiner Tochter: „Sic ist schöner', als Hagar und Raches sanfter und gehorsamer, als die Tochter Jephta's . . . J* Ich möchte wol einen Juden im ganzen Europassehen, der sich so ausdrückt, und nun gar ein Jude, der in seiner Jugend mit einer Lisette zu thun gehabt... Man sieht, man kennt den Juden nicht, und gerade am wenigsten — wenn man über ihn schreibt. Anzeiger. 3n demselben werden Annoncen aller Art gegen 1 Gr. Gebühren tür die gespaltene Zeile au- Petit-Schrift oder deren Raum aufgenonnnen. Die Derlagshandlung. Prospectus. Der Pentateuch oder die fünf Bücher Mose's in correctem hebräischen Texte mit worttreuer Uebersetzung, vollständiger Erklärung und erbaulichen und homiletisch benutzbaren Andeutungen, für Juden und Christen bearbeitet von Dr. Salomon Herxheimer. Herzog!. .Landes-Rabbiner in Anhalt-Bernburg. Von dem in der literarischen Welt bekannten Verfasser übergeben wir hier dem Publikum ein Werk, welches das erste der Art ist, indem man neben dem correctesten hebr. Texte eine vortreffliche treue Uebersetzung und einen sprachlichen, dogmatischen rc. nach den ältesten und neuesten Bibelforschungen bearbeiteten deutschen Commentar, außerdem zahlreiche Anmerkungen zum Gebrauche der Erbauung und für angehende Prediger findet, so daß für jüdische und christliche Gelehrte und Ungelehrte, wie für Lehrer und Schüler dies Werk sich in hohem Grade eignet. DaS Werk erscheint in 19 Lieferungen, wovon immer 2 einen Band bilden. Der Preis einer jeden Lieferung ist auf 74 Sgr. festgesetzt. — Je monatlich erscheint eine Lieferung, so daß das ganze Werk binnen weniger als Jahresfrist beendigt sein wird. Nach Beendigung des Werkes tritt der Ladenpreis von 3? Rthlr. ein. Lewents Verlagsbuchhandlung.