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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1839-10-19 · Heft 94 (19.10.1839) · p. Seite 539

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
3 (1839)
Issue
Heft 94 (19.10.1839)
Date
1839-10-19
Page
Seite 539 (sequence 11)
Language
German
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559 pilatorische Schriften und Löwisohn's dürftige Beiträge abgerechnet, fast nichts geschehen. Die Gelehrten in den verschiedenen Provinzen, denen die Quellen so nahe liegen/ haben ihr Augenmerk auf Studium und Prüfung derselben noch nicht gerichtet, und darum ist die Geschichte der Israeliten Oesterreichs noch immer eine terra ineognita, was nicht selten bedauernswerthe Mißverständnisse veranlaßt. Am wenigsten bekannt sind die frühern Schicksale der Israeliten in Ungarn, welche gerade jetzt, wo die völlige Emancipation in mehr denn dreißig Co ml taten mit vieler Wärme beantragt wurde, um so mehr besprochen zu werden verdienen, da der Geschichte zufolge die ungarischen Juden in früherer Zeit eine ehrenvolle bürgerliche Stellung einnahmen. Folgende Aphorismen werden wol nicht ungeeignet befunden werden, manchen dunkeln Punkt in der Geschichte der Israeliten Ungarns zu beleuchten-, verschiedene Jrrthümer zu berichtigen, und manche unbekannte, wissenswerthe Thatsache an das Tageslicht zu fördern. Die Beantwortung der, No. 87 (S. 441)' dieser Blätter gestellten, Frage mag die Reihe derselben eröffnen. I. Die Vertreibung der Juden aus Tyrnau. Die Vertreibung der Juden aus der königl. Freistadt Tyrnau ist eine jener, in den Annalen des Mittelalters so oft wiederkehrenden Verdächtkgungs- und Verfolgungsgeschichten, welche eben so sehr die Barbarei der Verfolger, wie die Bedrängniß der Verfolgten beklagen lassen. In Ungarn ereigneten sich derlei Geschichten auch zu jener Zeit höchst selten, wo sie in Frankreich, Deutschland, Spanien und Italien etwas sehr Gewöhnliches waren. Dem ungarischen Volke ist Religionshaß so fremd, wie dem großmüthigen, menschenfreundlichen und gebildeten Adel, welcher auch an gegenwärtigem Reichstage, in einer Cirkclsitzung der Stände, die bürgerlichen Rechte der Juden mit eklatanter Majorität vertheidigte. Von Schmähungen, wie das deutsche „hep hep" hatte man in Ungarn nie einen Begriff. Die wenigen, merkwürdiger Weise nie in magyarischen, sondern in deutschen Städten Ungarns vorkommenden Verfolgungen fallen in die Regierüngszeit Wladkslay's II, von welcher Graf Mailäth in seiner geschätzten Geschichte der Ungarn einleitend sagt: „Der Leser wird an meiner Hand kaum einen Schritt thun, der nicht Schwache und Sorglosigkeit auf der einen Seite, Trotz und Uebermuth auf der andern, Unvernunft bei Allen bezeichnen mW' (III, 124).' Auch die Verfolgung in Tyrnau fallt in jene unglückliche Periode politischer Faulniß und Auflösung, und zwar kn das Jahr 1494, wie der gleichzeitige Geschichtschreiber Bonfinius berichtet, dessen Werke Hemm hungaricarum decades quinque folgende Notiz entnommen ist. In dem genannten Jahre nämlich siel auf die Tyrnauer Juden ein Verdacht, sie hatten einen Knaben er-' mordet, und auf die Aussage geängstigter Weiber — in quaeslionem abreplae mulieres, nietu tormentoruin —• wurden zwölf Männer und zwei Weiber auf Befehl der Palatins, welcher Stadthauptmann (praefectus urbis) war, den Flammen überliefert, andere mit einer großen Geldstrafe belegt (Dec. V, L. III). Daß die Abschaffung aus der Stadt um dieselbe Zeit erfolgt sei, geht aus dem Lei (Not. Hungariae Tom. II. pag. 21 ff. des. pag. 85) deutlich hervor. - Wie nun das Factum selber durch das Zeugniß gefolterter Weiber constatirt wurde, so ward auch dessen Motivirung von schwachen Greisen unter dec Folter ausgesagt. Diese Motivicung ist für jene Zeit so charakteristisch, daß wir nicht umhin können, die Worte des Bonfinius hieher zu setzen; sie lauten wie folgt: Cum autem e senibus causas patrandi facinoris per torinentorum cruciatum eruerent, quatuor eas esse reperiebant, qüibus Tyrnavio tum et alias saepe in aliis regionibus, eo se Judaei supplicio adstrinxissent. Unani, quod ita majorum auetoritate persuasuiu habuerant, Christiani hominis sanguinem praeputiis in circumcisione apposituin, sanguini sistendo opportunuin esse remedium. Alleratn, quod eündem ad conciliandum inter se amorem plurimuin valere, in cibo datum existimarunt. Tertiam, quod cuin?iri ac mulieres aeque apud eos fluxu menstrui laborarent, sanguinem hominis Christiani e^otum, idoneam ad id morbi esse mediciuara experti erant. Quartaiu ut vetus apud se, sed reconditum decretum exequerentur, quo quotidianis sacri* ficiis in aliqua regione Chrislianum Deo sanguinem libare coguntur, quo factum esse dictitabant, ut in eum annurn ea sors Judaeis Tyrnaviensibus obtigisse. (Bouf. dec. Y.L. III.) (Fortsetzung folgt.)

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