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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1839-10-19 · Heft 94 (19.10.1839) · p. Seite 538

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
3 (1839)
Issue
Heft 94 (19.10.1839)
Date
1839-10-19
Page
Seite 538 (sequence 10)
Language
German
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538 sehen, nie wieder zum Kerne zu gelangen. Ein Volk, im Ganzen begabt mit lebendiger intellectueller Kraft, fähig mit frischem Muthe am Borne der Wissenschaft zu schöpfen,, mit scharfer Spekulation selbst das Metaphysische zu ergreifen , mit reger Phantasie alles Erhabene und Schöne zu umfassen — und dieses Volk wendet Jahrhunderte lang seinen Scharfsinn an nichtigen Untersuchungen über die erbärmlichsten Gegenstände des kleinlichsten Lebens, vergeudet seine Kräfte an der Systematisirung des Unsinnes, steht Jahrtausende vor alten Büchern, aus denen es mit enormer Gcistesanstrengung, mit krauser Stirn, mit gesticulirender Handbewegung das Ungleiche gleich, das Jnconsequente consequent demonstriren will. Und schauest du zurück auf Einzelheiten! Wie der Genius seiner provenzalischen Dichter eine romantische Poesie schafft, die mit den erhabensten Bildern spielt, die sich in südlicher Gluth ergießend, das Herz zum Erhabenen fortreißt, die den Abstand schildert des Jetzt und Ehemals, die die Zerrissenheit des Lebens in Verzweiflung malt und doch wieder mit dem sanften Hauch religiöser Gesinnung die Wunde heilt, die in klagendem Tone zurückschaut und die Gegenwart mit der Zukunft versöhnt — und diese Gesänge, sie werden zur erstarrenden Kirchenliturgie, sie werden in ermüdender Wiederholung vorgebetet, vorgesungen, vorgestöhnt, sie gleiten in disharmonischen Tönen vor den Ohren der Zuhörer vorüber, Versbau und Reim Spielwerk lallender Kinder. So wird der freie Erguß des Dichters stehende, unverletzliche Form, das Produkt eines momentanen, in seiner Weihe selten sich erschließenden Gefühls, es wird zum ewigen, das Herz nimmermehr berührenden Wortschwall, das Erhabene wird — zum Lächerlichen verzerrt. Wohl hat Israel eine große Erinnerung! Es soll seine Geburt zum unsterblichen Volk feiern, es sott der Erlangung der Freiheit, röonach Nationen in ewigen Kämpfen streben, gedenken, es soll seiner Weihe zum Eigenthum Gottes sich erinnern, als sein größter Mann in grauer Vorzeit es aus Fknsterniß zum Lichte, aus ägyptischer Sklaverei zur freien Volksthümlichkeit führte, wie die Stamme in der Wüste lagerten und das Wort des Herrn vom Sinai erscholl und die ewig wahre Verkündigung vom ewig einigen Gotte erging — aber diese Freiheitsfeier, sie wird zum Spiele beengter Häuslichkeit, sie wird eine Emancipation des Hauses vom Schmutze des ganzen Jahres, sie wird ein Küchenregulatkv und höchstens zur ermüdenden Geschichtserzählung am h)assaabend, aber das Gefühl der Freiheit und die Erinnerung der Gottesweihe ist fern. Wohl hat Israel eine große Erinnerung! Wie der Makkabäer Häuflein in begeisterter Liebe zum Vaterlande und zur angestammten Religion auf der Syrer Uebermacht aus dem Gebirge Judaa's stürzt und die Siegesfahne im neu eroberten Tempel niederlegt — aber die Erinnerung daran gleitet kalt an dem Herzen ihrer Nachkommen vorüber und die Freudenfeuer auf dem Gebirge von Juda werden zu winzigen Lämpchen auf der Fensterbank, deren Zahl und Gluth das einschnürende Gesetz bewacht. — Siehe endlich das rauchende Jerusalem, wie von den Zinnen des Tempels Priesterschaaren die Brandfackeln in die Katapulte der Römer schleudern, wie der Löwe von Juda zum letzten Male seine brüllende Stimme erhebt und den Welterobern ein ahnungsvolles Grauen ankommt ob der Thaten, die die Freiheit gebiert, wie ein Volk zum Ganzenopfer wird wahres Heldenmuthes, solcher großen Geschichte Gedenken wird gedankenloses Winseln auf niedrigen Banken und Stühlen, diese große Poesie des Untergangs, — sie wird unmelodischer Klaggesang. (Fortsetzung folgt.) Geschichte. Aphorismen über die Geschichte der Israeliten irr Ungarn. Von Leopold Löw. Einleitung. Neben dem, in der neuern Zeit erwachten Streben die Literatur des Judenthums in ihren verschiedenen Richtungen zu erkennen, zu ordnen und zu beleuchten, machte sich allenthalben auch ein steigendes Interesse für die politische Geschichte der Juden geltend. Letztere fand vorzüglich in Frankreich schon im vorigen Jahrhundert Bearbeiter, während in dem kritischen, Bücher liebenden Deutschland die Literaturgeschichte die Aufmerksamkeit gelehrter Forscher ganz in Anspruch nahm. Das lkterar-historische Moment sagte auch den jüdischen Gelehrten Oesterreich'S zu, und die Forschungen eines Rappoport, Reggio, Luzatto in diesem Gebietender Literatur haben zu erfreulichen Resultaten geführt; wkewol man sich nicht verhehlen kann, daß gerade die wichtigsten, auf literarhistorischem Standpunkte zu beantwortenden Fragen noch immer unerledigt liegen. Für die genauere Kenntnjß der politischen Geschichte ist in Oesterreich, Peter Beer's com-

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