Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1839-10-19 · Heft 94 (19.10.1839) · p. Seite 537

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
3 (1839)
Issue
Heft 94 (19.10.1839)
Date
1839-10-19
Page
Seite 537 (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3225013-3225108--02219-3234789
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

557 Glaubensbekenntnisses im Allgemeinen, so wie es Statt gefunden hat und in den unvollkommneren Staaten noch Statt findet; wenn das Gefühl erweckt werden konnte, daß Norwegen ohne Ursache von Seiten der Juden, gegen den Geist seines Protestantismus und seiner Verfassung, gegen den Menschen- und gastfreundlichen Charakter und die politische Unschuld der.Nation, Theil genommen hat an dieser politischen Ungerechtigkeit bis zum Aeußersten, wie nur das fanatische Spanien es unter den Nationen getrieben hat; wenn das Beispiel, welches die Freiesten, an Verfassung Norwegen am ähnlichsten Nationen von den beiderseitigen Vortheilen liefern, welche die vollkommene Emanzipation der Juden gehabt hat, etwas auf die Idee auswkrken konnte, auch bei uns sie auszuführen, wo die vielen Bande, die auf der Nahrungsfreiheit ruhen, übrigens nicht befürchten lassen ein plötzliches und'übertriebenes Einströmen einer unvermögenden Masse, sondern des Landes Natur und Lage dem Vermögen und dem Unternehmungsgeist viele Winke gibt, welche sie verstehen werden; und wenn in diesen Eigenschaften, welche die Juden ebenso wol besitzen wie die natürliche Erkenntlichkeit, die in dem Grundgesetz der menschlichen Seele eben so den §. 2 bildet, wahrend auch die Selbstständigkeit darin der erste, und das Gebot der ausübenden Macht: „Thue gegen Andre, wie Du willst, daß gegen Dich geschehe'" wie in unserm Grundgesetz der dritte ist — wenn auch in diesem starken Gefühl eine Garantie liegt, daß die Emanzipation der Juden für Norwegen im Krieg und Frieden zum materiellen Nutzen gereichen wird; so wagt der Unterzeichnete diese vorzuschlagen, so wie sie für die Beikommenden Norwegens wird geschehen können, indem folgende Veränderung des Grundgesetzes proponirt wird: „der letzte Passus §. 2 im Grundgesetze, also lautend: „Juden sind ferner vom Zutritt in das Reich ausgeschlossen," bleibt weg." Belletristik. Die Wanderung durch's Leben. Eine Zeit-Novelle. (Fortsetzung.) 3. Hell und freundlich schien jetzt die Sonne in das kleine Zimmer und verkündete den heitern Wintertag, ihre Strahlen trafen das trübe Angesicht des Unheil verkündenden Propheten und beleuchteten die Furchen, die langjähriger Gram und ein in knechtischer Abhängigkeit von kleinlichen Wechselfallen geführtes Leben gezogen hatten. Von dem Thurme erscholl das Glöcklekn zur Frühmette, unbeachtet von den jüdischen Wandrern, die jetzt vereint ihre weite Reise antraten. . Scheidet zog den Schlüssel vom Hause ab und übergab ihn einem Nachbarn. Hattest du, mein Leser, jetzt die Beiden gesehen, wie sie hastigen Schrittes nach Westen eilten, du hättest nicht geahnet den Kampf der Gefühle, der ihre Brust bewegte, wie in dem einen die Sehnsucht nach Ruhe zurückgedrängt wurde von der Noth, dem bewegten Leben von Neuem entgegen zu treten, in dem andern der jugendliche Trieb nach Außen der Liebe eines gewohnten Stilllebens in der Hütte der Eltern den Sieg abgewann; du hättest in den beiden Juden nicht den Adel ihrer Seelen, die Innigkeit des Gefühls, die intellectuelle Kraft ihres Geistes vermuthet. *)Und ist denn im ganzen Judenthum die tiefe Romantik seiner Geschichte und seines innern Lebens erkannt? Mit bittrer Ironie hat das Schicksal über ihm gewaltet, es äußerlich entstellt und auch in ihm hat sich die Bemerkung jenes großen Mannes bestätigt, daß nur ein Schritt vom Erhabenen zum Lächerlichen führt. Ein Volk, dessen Geschichte Religion, dessen Religion Geschichte wurde, geschleudert über den Erdball und das Martyrerthum des Glaubens Jahrtausende erduldend, fortlebend in Volksthümlichkeit bei ewiger Gefahr der Vertilgung, — und dies Volk äußerlich erscheinend in sklavischer Unterwürfigkeit, gehetzt von Land zu Land, verstoßen von Volk zu Volk, verachtet in seinem äußerlichen Streben, verhöhnt.in dem zerlumpten Gewände, das ihm Fürsten und Nationen umhingen. Ein Volk, das. die in ihm erstandenen großen Lehren der gesammten Welt mittheilt, aus dessen Heiligthum die Glaubenslehren der Nationen geschöpft und weiter getragen werden, das den Grundstein zu aller Gesittung gelegt und das Kleinod der Offenbarung eines einzigen Gottes durch Jahrhunderte bewahrt — und dieses Volk wird äußerlich von den Satzungen seiner Weisen niedergehalten, der frohe ungetrübte Blick nach oben verdunkelt, aus dem schon verbitterten Leben macht es eine Kette Geisteserdcückender Formeln und umgiebt seine Wahrheiten mit einer so verworrenen Schale, als wäre es darauf abge- *) Wir bitten in den folgenden Expectorationen den Dichter nicht zu verkennen, und die folgenden Nummern abzuwarten, wo eine Lösung mancher dieser Fragen versucht wird. D. Redakteur. 94»

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.