Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 3 (1839)
- Issue
- Heft 93 (12.10.1839)
- Date
- 1839-10-12
- Page
- Seite 523 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3225013-3225107--02204-3234773- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
523 Vertreibung der industriösen Mauren. Aber angenommen, wenn auch nicht eingeräumt, daß sie schädlich waren, wo sie die Oberhand hatten, wie in dem damaligen Spanien, und in dem verschwundenen und jetzigen Polen, so fällt auch die Argumentation weg, die man daraus ziehen könnte, wenn man die Verhältnisse betrachtet, worunter sie einen solchen Einfluß übten und üben. Diese erlauben keine Parallele zwischen unfreien, unter der Barberei früherer Tage leidender, Staaten und einem zu Reformen wiedergebornen Staat wie Norwegen. Was mußte nicht allein die Leibeigenschaft, die die Masse der christlichen Bevölkerung in Fesseln legte, ausrichten, um den bürgerlichen Trasik in die Hände der Juden zu legen? Und nun der Unterschied zwischen den Protestanten und dem bigotten Katholizismus, von dem man sagen könnte, daß er alle Ecwerbszweige, welche die Juden berührt hatten, als deshalb unrein scheute? Diese Thorheit wurde mit Armuth bestraft, und daher waren jene Austreibungen und jeder auf der jüdischen Bevölkerung lastende Druck populaire Regkerungshandlungen. Schon längst würden sie doch überall von dem christlichen Welttheile ausgerottet, oder in andere Welttheile vertrieben worden sein, wenn sie nicht an den Fürsten als Debitoren gezwungene Beschützer gehabt hätten. Das abhängige Verhältniß, in welches, wie unsere Tage erlebt haben, die größten Mächte zu einem einzelnen jüdischen Hause kommen konnte, fand in den verschwundenen Jahrhunderten noch mehr Statt zwischen Fürsten und Juden. Diese bekamen dann Privilegien und die Verpfändung solcher Einnahmen, welche zur Aussaugung Veranlassung gaben. Die Fürsten bekamen Hülfe von ihnen, wenn sie in Geldverlegenheit waren, und sie konnten dafür das Ihrige vom Volke nehmen. Wie dieses System beschaffen ist, haben die Generalpächter in Frankreich und die Hospodare und Paschas .der Türkei der Welt gelehrt. Aber mit den Juden war keine Furcht, welche den Haß moderiren konnte, sondern die ererbte Verachtung, der aufreizende Fanatismus. In Polen, das man immer als das abschreckendste Beispiel von der Schädlichkeit der Juden aufstellt, hat ein verschwenderischer Adel, so wie von Zeit zu Zeit die deutschen Fürsten des Mittelalters, das Volk in die Hände der Juden rücksichtlich alles dessen überliefert, was nicht aus seinem Schweiße auf dem Leibeignenlande entsprang, und es hat nicht, wie Deutschland, privilegirte und freie Reichsstädte zur Beschützung gehabt, die nicht unterließen, zum Besten der christlichen Bevölkerung, für die Erlaubniß der Juden zur Niederlassung innerhalb ihrer Mauernharte Bedingungen zu setzen. Daß die Landesverfassung Ursache war, daß die Juden, selbst leidend, -ihr zufolge unter einer schlechten bürgerlichen Organisation einem Staate nicht nützten, wird daraus einleuchtend, daß Beispiele der entgegengesetzten Folgen da gegeben werden, wo die Verfassung gut und für alle Glaubensbekenner gleich war. Frankreich emanckpirte die Juden ohne Präliminarien in der ersten Revolution, und keine von allen den schrecklichen Folgen entstand, welche der Judenhaß von allen Seiten weissagte. Vielmehr schickten sich die Juden so gut in ihre neue Stellung, daß es jetzt schwierig ist, in Frankreich an Geist, Charakter und Sitten einen Juden von einem Christen zu unterscheiden. In Deutschland fand die Judenemancipation beim Einrücken der französischen Heere Statt, und Schriftsteller versichern, daß sich Keiner eines Mißbrauchs während des kurzen Bestehens erinnert. Während die jüdische Jugend aus Dankbarkeit in die republikanischen Reihen strömte, waren die unterdrückten deutschen Juden in den Gränzstädten nur Vermacher und Spione.-'Als dagegen die Befreiungsbegeisterung in den Jahren 1813 —15 die deutsche Bevölkerung ergriff, und die Fürsten herrliche Freiheitsversprechungen nicht sparten, da hatte man, selbst nach dem Berichte der Gegenschriften, viele Beispiele, daß jüdische Jünglinge in die freiwilligen Glieder eilten, und eben so gut Genüge leisteten, wie die Glaubensverwandten Theodor Körners und Schills. Ihre gegenseitige Hülfeleistung ist eine anerkannte Tugend, daß aber die Klassen der vermögenden Juden bedeutend an Darlehn und Geschenk an bedrängte Staaten gaben, in welchen sie lebten, ist ein um so größerer Edelmuth, als diese keinesweges die Unterdrückung erleichtert haben.. Die Losung der Christen war „für die Menschheit." Die Juden konnten also auch etwas von dieser geistigen Ausbeute erwarten, die für diese gemacht werden sollte. Diese Züge stehen nicht so vereinzelt, wie sie scheinen, oder so abgerissen von dem allgemeinen Charakter, wie der schlechte Ruf, in welchem dieser steht, annehmen will. Aber dieser Ruf findet keinen Grund innerhalb der Gränzen, die, ihnen dasselbe Bürgerrecht wie der übrigen Bevölkerung sichern; denn die unglücklichen Folgen der Sklaverei auf Charakter und Lebensart haben immer im Verhältniß zum Druck abgenommen, und sind nach Generationen immer mehr und mehr unsichtbar geworden. Und wie vieles von dem, was man sonst als den sichersten Grund und die sichersten Zeichen eines edlen Charakters bewundert, hat selbst nicht das Volksvorurtheil unangetastet übrig lassen müssen? So den standhaften Muth in Leiden, das aufopfernde Festhalten am Glauben, an Sitten und Nationalität trotz des -jetzt beinahe 2000 Jahre dauernden Drucks; so den gegenseitig hülfreichen Brudersinn; so ferner die ausgezeichneten