Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 3 (1839)
- Issue
- Heft 93 (12.10.1839)
- Date
- 1839-10-12
- Page
- Seite 522 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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522 von ihr nicht mit Gewißheit eher überzeugt sein kann — als man vielleicht allein dastehet." Indem der Verfasser ferner als Motiv für seinen Vorschlag erklärt eine eigene Ueberzeugung von der inneren großen Gerechtigkeit der Sache, die ihm ein religiöses Bedürfniß geworden ist, welche den Gedanken verachtet, als sollte Jemand die Ursache seiner Toleranzproposttion von einer Schlaffheit im eignen Glauben herleiten, sagt er: „Siegt die Sache nicht durch diesen Versuch, oder das nächste Mal, wenn sie vorgenommen wird, so muß man doch hoffen, daß die Welt, welche längst in diesem Punkte vor Norwegen mehr oder minder voraus ist, deshalb nicht glauben wird, daß das norwegische Volk an einer eigenthümlichen Scheu vor größeren Reformen leidet, sondern daß es allein die Wichtigkeit der Sache ist, welche den Schritt der nationalen Bedächtigkeit schwerer und langsamer durch sein Gewicht macht; als ob man sich nicht lange genug über eine Einräumung bedacht hätte, wenn die Versagung allein in Folge des unmoralischen Rechtes der Macht oder! des Stärkeren geschieht, oder als ob die Menschen überhaupt ein Recht hätten, sich auf das, Gerechte zu besinnen, selbst dann, wenn der Nutzen desselben zweifelhaft ist." „Zu dieser Moralität in der Politik muß wenigstens ein freies Volk, und besonders das Norwegische, dem man mit Recht viel davon beilegt, immer sich bekennen." „Da ist die Geschichte der Juden, seitdem sie Fremde unter den Christen wurden! — Sie ist einestheils nur die Darstellung der Mishandlungen derselben und des gewaltthätigen Misbrauchs der Macht; anderntheils die ihrer passiveren Unterdrückung durch diese ihre früher Jahrhunderte hindurch beleidigten Brüder vor Gott, und der Lauheit in der Vernichtung der ausschließlichen nothwendkgen Folgen der so lange ausgeübten Tyrannei. In diesem letzteren Theile ihrer Geschichte hat Norwegen, welches die Verstoßenen nie beleidigt haben, auch für jeden Tag sein Blatt, so lange der Bann auf ihnen ruht. Norwegen treibt seine Grausamkeit weiter als die andern Staaten, welche doch im Großen den diabolischen Erfahrungssatz bestätigen, daß der Beleidiger und nicht der Beleidigte den schlimmsten Sinn behält. Auch die Hand ist verbrecherisch, die zwar nicht schlug aber lieblos zurückgehalten wird. Norwegen hat auch durch sein passives Unrecht gegen die Juden an der großen Versöhnung Theil zu nehmen, die zwischen Christen und Mosaiten Vorgehen muß. Und hier kommt es den Christen zu, die Hand zuerst zu bieten. Es ist eine Ehre, welche die Besten sich vorzubehalten pflegen. Aber was ist Versöhnung hier anders als Emancipation, Aufhebung alles Bannes, der einzige Ersatz, den sie zu geben haben Es gibt Streitschriften über diese Sache! — Man wird finden, daß ungeachtet aller fanatischen Leidenschaftlichkeit, welche durch die Argumente für das fernere Helotisiren der Juden durchscheint, es ihnen doch sichtlich schwer wird, das an sich selbst Gerechte in der Emancipation zu leugnen. „Wenn sie nur besser waren oder würden" heißt es; — wann aber verbesserte die Unterdrückung? Sklaven werden nur — das ist die eigene Erfahrung der Christen, aller Nationen — besser durch Befreiung. „Sie sind nicht reif• genug für eine bürgerliche Emancipation" wird dort angeführt; wenn es aber wahr ist 5 daß sie es sein sollten, wie sollten sie es denn werden? In den meisten Ländern sind die Juden nur ein geduldetes Volk, und die bestehenden Gesetze, nach denen sie doch ihr Dasein genießen, bezwecken ihre Verderbniß und die Hemmung jeder edleren Entwickelung. Uebrigens — diese Frage über Reife? Wie haben die europäischen Fürsten den Nationen auf ihre Forderung von Verfassung, Preßfreiheit, Communfreiheit geantwortet? Wenn aber selbst die Gegner mit noch größerer Dreistigkeit gewagt hätten, das Recht der Juden an Gleichstellung mit andern Menschen zu bestreiten, so müßte doch Alles bei dem historischen Faktum stehen bleiben, daß die Nationen, welche sich in dieser Sache nicht langer bedacht haben, keine Veranlassung gehabt, ihre Liberalität zu bereuen', sondern Nutzen von ihrer Gerechtigkeit geerndtet haben. Hierauf sieht die Politik; aber die eines unverdorbenen Volkes muß auch den Glauben umfassen, daß es mit der moralischen Weltordnung vorbei sein würde, wenn eine Gerechtigkeit Reue bringen könnte. Daß die Emancipation der Juden eine Gerechtigkeit ist, hat man indessen, und zwar heftig, bestritten. So wie aber diese Heftigkeit bei dem Unpartheiischen Miscrauen erwecken muß, so sind die, nicht von der jüdischen, sondern aus der Mitte der christlichen Gesellschaft oft wiederholten Forderungen nach der Emancipation jener fremden Gtaubensbekenner, geeignet, die Vermuthung zu erwecken, daß das doch gerecht sein müßte, wofür uninteressirte Menschen so oft von Jahrzehend zu Jahrzehend ihre Stimme erhoben haben. Die Forderung ist nie ganz verstummt, der Anspruch ist nie nachgelassen worden, die Ungerechtigkeit der Leiden hat nie die Menschenliebe in Ruhe gelassen.. Dessenungeachtet haben die Gegenschriften weit mehr gewirkt, weil sie aus dem Volksvorurtheil entsprangen und diesem zusagten. Unter dieser Beschützung kannte der Fanatismus keine Gränzen; er wagte sogar die Vertreibung der Mosaiten in Masse aus Spanien als gerecht und nützlich zu vertheidigen, ungeachtet die Geschichte erklärt, daß sie diesem Lande. ungefähr eben so theuer zu stehen gekommen ist, wie die