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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1839-10-05 · Heft 92 (5.10.1839) · p. Seite 506

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
3 (1839)
Issue
Heft 92 (5.10.1839)
Date
1839-10-05
Page
Seite 506 (sequence 6)
Language
German
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506 Brvdy, 11. Sept. (Privatmitth.) In Kurzem erscheint von dem durch seine Schrift ms:» iib« nsiSW n-nn (Zolkiew 1836) nicht unbekannten Rabbinen Hirsch Chajes eine polemisirende Schrift, weiche in drei Abtheilungen enthalt: 1) ' taissi bbsP li»? "onb m3*>n nb^in 2) itaNÄib in ban»*.» ü3Nii iä5 macp nnu/: 3) h,n nn nsnn und eine Erörterung über die Autorität der rabbinischen Satzungen, ob'? und wann'! diese abgeändert werden können, nach dem Satze der Misch na: 113N 12 bll2b bi2-> i"a ps, giebt. Blicke eines? Juden auf Welt und Zudeuthum. I. Man höret jetzt sehr häufig die Klage äußern, daß die materiellen Bestrebungen die geistigen Tendenzen zurückdrängen, und der Mensch des neunzehnten Jahrhunderts mehr denn je der Materialetat huldige. Es ist wol sehr von Bedeutung, diese Klage zu einer Frage zu machen, und sie in ihrer Wahrheit oder Falschheit zu beleuchten, denn es macht sich bei Klagen über die Zeit oft, daß, einmal ausgesprochen, sie dringen von Mund zu Munde, immer wiederholt werden, und eine gewisse Stätigkeit erlangen, ohne daß man sich klar ist, von wannen sie entstanden, und wie sie so allgemein geworden. Symptome, welche eine Klage zu begründen scheinen, finden sich natürlich immer. Namentlich aber innerhalb des Judenthums ist diese Frage von hoher- Bedeutung, denn die wahre Grundlage des Judenthums ist ein Geistiges, und die materiellen Klammern und Bänder, wie Stammgenosienschast, Gewohnheit, bürgerliche Lage, können auf die Lange ein solches Gebäude nicht Zusammenhalten, sofern nicht die geistige Grundlage immer in gleicher Kraft bleibt, und das Leben des Judenthums tragt. Won einer allgemeinen Verbreitung materialistischer Tendenz würden somit dem Judenthume große Gefahren bereitet sein oder werden. Man müßte ferner aus dem klaren Bewußtsein über diese Zustände auch die besten Heilmittel und Präservativen erschauen für die Zukunft, und alle gegenwärtigen Bestrebungen im Judentbume würden davon Licht gewinnen. Was jener Behauptung einen bedeutenden Schein der Wahrheit verleiht, ist die Beobachtung, daß im vorigen Jahrhundert man der Metaphysik, oder reinen Spekulation viel Zeit, Kraft, Aufmerksamkeit und Neigung schenkte, Jahre lang beschäftigte einen Mendelssohn, Lessing, Diderot, Bolingbroke' ff. die Fassung eines Begriffs, eine Definition, ein metaphysischer Satz dgl. und die Klarlegung dieser machte ihr Studium und ihr Glück aus. Ganz entgegen, gesetzt ist gegenwärtig die meiste Thätigkeit den sogenannten praktischen Wissenschaften, den naturhistorischen, zugewendet, und alle übrigen müssen sich einen praktischen Anstrich geben, um Glück zu machen, die Philosophie muß sich auf das Recht und die Geschichte werfen, die Philologie wird immer mehr zur Literargeschichte und zur Trägerin der Geschichte der Philosophie im weitern Sinne. Waltet aber schon im Gebiete der Wissenschaft eine solche Tendenz zum Praktischen vor, um wie viel mehr werden, die materiellen Interessen im wirklichen Leben die Obergewalt haben. Die Industrie, der Handel verschlingen jetzt alle Thatigkeiten des Staates schon, diesen allein ist die hauptsächliche Aufmerksamkeit der Staatsmänner zugewendet: wie sollte nun das Individuum, in den Strudel und Wirbel eines verworrenen, sich gegenseitig aufreibenden, immerfort schwankenden industriellen Lebens versetzt, noch Zeit und Lust übrig' haben, an höhere Aufgaben zu denken! Wirklich ist auch, was in den Individuen an geistigem Bedürfnisse übrig blieb, gerade jenen Künsten zugewendet, welche auf der Gränze des Geistigen und Materiellen'stehen und der plastischen Verkörperung des Geistigen gewjdmet sind, der Poesie und Malerei, mit ihren Schwestern, der Architektonik und Bildhauerei. Daran haben die Meisterwerke schuld, und die vielen Mittel der Neuzeit, sie durch Druck und Lithographie zu vervielfältigen und zu verwohlfeilen. Unter solchen Verhältnissen sieht man leicht ein, daß das Reingeistige, das vom praktischen Leben Entfernte, und mit keinem Einflüsse auf dasselbe Versehene, in großen Nachtheil kommen und in den Hintergrund treten mußte. Was anders ist aber dies für den großen Haufen als die Religion? denn dem höher stehenden Geiste bleibt noch das Gebiet des Begriffs, der philosophischen Erkenntniß übrig, dem großen Haufen ist aber das Reingeistige allein die Religion. Von dieser mußte das Individuum abgezogen, entfernt, ihr entfremdet und entäußert werden. Dieser Schilderung der Gegenwart wird der oberflächliche Beschauer leicht das Haupt zunicken, und'sie ganz getroffen meinen. Aber dem tiefer Blickenden bleiben viele Fragen übrig. Zuerst wird er fragen: wenn es wahr ist, daß die materiellen Tendenzen das vorwiegende Element der Gegenwart sind, warum sind es gerade die kirchlichen Formen, die doch die Materie oder das Stoffliche der Religion sind, welche jetzt am meisten vernachlässigt werden? mußten sie nicht gerade in einer Zeit der Materkaletät mit Feuer ergriffen und aller Orten bethatigt werden? müßten diese

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