Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 3 (1839)
- Issue
- Heft 92 (5.10.1839)
- Date
- 1839-10-05
- Page
- Seite 503 (sequence 3)
- Language
- German
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503 And so ist denn das Maas der Verfolgungen und Bedrükkungen, welchen die Juden seit einiger Zeit in diesem Kanton zum Ziel waren, erfüllt, das Land ist jedem Juden verboten, ohne Unterschied, welchem Stande er zugehöre, ob er Handwerker oder Schriftsteller, Handelsmann oder Künstler sei, wie und was sein Lebenswandel sein möge. Es reisen gegenwärtig Israeliten als Naturforscher in den unoivilisi'rten Landern Asiens und Afrikas. Sollte zufälliger Weise ein jüdischer Gelehrte im Gebiete Basel- Landschafts irgend eine naturwissenschaftliche Untersuchung unternehmen wollen: laut neuern Gesetzen wäre es ihm nicht einmal gestattet, auf diesem Boden zu übernachten, und erstaunt würde er erfahren, daß es in Europa noch ein Land gibt, wo Menschenrechte weniger geachtet werden, als in den barbarischen Landern Afrikas. O welche Schande! Im 19. Jahrhundert, zwischen den gebildetsten Staaten Europas soll es noch einen Winkel geben, der einer gewissen Menschenklasse wegen Religionsverschiedenheit verschlossen wird! Um Freiheit, heißt es, haben die Bewohner von Basel- Landschaft gekämpft, nun zeigt es sich, in welchem Sinne des Wortes. Frei wollten sie sein, um frei und unumschränkt gegen schütz - und wehrlose Menschen tyrannisicen zu können. O Ihr Bewohner Helvetiens! die Ihr im Allgemeinen Euch so hart und unduldsam gegen die Israeliten beweiset, wo bleiben Euere Grundsätze von Freiheit und Menschenrechte? Wo bleibt Euere christliche Nächsten- und Menschenliebe, Euere evangelische Duldsamkeit? Die Juden, sagt Ihr, handeln hin und wieder gewissenlos gegen die Christen. — Aber soll denn einer für den andern büßen? Kann eine ganze Nation, wegen der Vergehn einiger Einzelnen, angeklagt werden? Ihr, wählt einen unwissenden Dprfjuden, der von seiner Jugend an nicht den geringsten Unterricht genossen, für den Typus des ganzen Judenthums, mit den Fingern auf ihn deutend: „seht,.was sind die Juden." Aber mit demselben Rechte könnten wir auf einen unwissenden, fanatischen Bauern Hinweisen, deren es so manche gibt, die sich nicht die geringsten Gewissensbisse machten, einen Juden bis aufs Blut zu mißhandeln — mit demselben Rechte könnten wir, aus einen solchen deutend, sagen: „seht, was sind die Christen." Gibt es Juden, die gewissenlos gegen Christen handeln, so hat jede Regierung Mittel in Händen, den Missethäter zu züchtigen; aber den Unschuldigen mit dem Schuldigen zu verdammen, das ist himmelschreiend! Gedenket Christen! es gibt ein ewiges Gericht. Dorthin appelliren die Juden. M. N. R. Frankreich. , Colmar, 15. Sept. (Privatmitth.) Das israelitische Consistorium zu Colmar in Oberelsaß ist endlich auch von dem langen Winterschlafe der Unthätigkeit mit doppelter Kraft, von einem sehr guten Willen unterstützt, ans Tageslicht getteten. Eine Arbeitsschule für arme Israeliten, der in Straßburg ähnlich, soll in Colmar errichtet werden; vortreffliche Vorkehrungen und zweckmäßige Einrichtungen sollen von dessen Seite getroffen werden, den armen Israeliten ein sicheres Unterkommen zu verschaffen, den armen Alten und Kranken aber eine hinlängliche Unterstützung angedeihen zu lassen, damit dem Herumschwärmen und dem Bettelwesen überhaupt ein Ziel gesetzt werde. Aber solche Einrichtungen erfordern große Summen.— Viele israelitische Gemeinden und einzelne edle Männer des Elsaßes sollen bedeutende Unterstützungen zu diesem erhabenen Zwecke versprochen haben. Man sagt, Herr Mannheimer, Präsident des Consistoriums, sei mit dem schönen Beispiele vorangegangen und habe 2000 Franken zu diesem edlen Zwecke gespendet. Wahrscheinlich wird Herr Schöngrün, Vice-Präsident, und die übrigen Herrn Mitglieder des Consistoriums diesem erhabenen Beispiele Nachfolgen, — Die erste Sitzung am 28. August hat zwar noch kein erfreuliches Resultat geliefert, denn von den Eilf Mitgliedern, der von dem Consistorium dazu ernannten Kommission, waren nur Vier gegenwärtig, und anstatt daß 52 Abgeordnete von den, zu Dieser Provinz gehörigen Ortschaften hätten eintreffen sollen, kamen nur 21, dieser Generalversammlung beizuwohnen. Es wurde also bei dieser Versammlung noch nichts von Bedeutung beschlossen. Man hofft dennoch allgemein, es werde den Bemühungen des Consistoriums, die von einem sehr guten Geiste geleitet werden, gelingen, dieses schöne Werk, diese treffliche Anstalt in's Leben zu bringen. Möge auch der Himmel seinen Beistand dazu verleihen, damit dieser gute Wille nicht schon bei seiner Geburt wieder ersticke! — Deutschland. Kassel, 13. Sept. (Privatmitth.) Die in No. 88 dieses Blattes in den Anmerkungen zu den Berichten über die hiesige Synagogenweihe aufgestellten Fragen dürften wol in Folgendem genügenden Aufschluß finden: Der Verfasser jenes Aufsatzes in der Augsb. Allgem. Zeitung, welcher die Einweihungsrede einen „rein deistischen Vortrag" nennt, scheint dem aufmerksarkien Zuhörer diese Bezeichnung völlig aus der Luft gegriffen zu haben. Es gehört in der That eine außerordentlich feine philosophische oder vielmehr theologische Spürnase dazu, um in benanntem Vortrage auch nur einen leisen Anhauch von Deismus ausfindig zu machen. Freilich mochte es dem Ohre eines christlichen Geistlichen, das durch eine Dreieinigkeit verwöhnt ist, etwas fremdartig klingen, immer von einem Gotte sprechen zu hören. Jedem übrigens, der nur einigermaßen des Landrabbinen Gesinnungen und Wirken kenyt, müßte es fast wie eine Ironie Vorkommen, diesen Mann des Deismus beschuldigt zu sehen. Weit besser glaubten es darum wieder Andere zu machen, indem sie übertriebenen Supernaturalismus und allzu heftige Ausfälle gegen Rationalismus aus dem Vortrage heraus zu buchstabiren wußten. Aber wer hat nun Recht? — Wer Ohr und Herz dem Vorträge des Landrabbinen öffnete, der wird eingestehen müssen, daß er gar keine Zeit hatte, unterdessen an irgend eine Philosophenschule zu denken. Wir hörten eine Rede kräftig und lebensfrisch dem Herzen eines Juden entströmen; wir lernten, warum, wann und wie der Jude beten soll. Sehr leicht begreiflich aber ist es, woher diese völlig entgegengesetzten Beurtheilungen entstehen. Um es sich im Kritisi'ren recht bequemen machen, hat man für Alles ein