Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 3 (1839)
- Issue
- Heft 91 (28.9.1839)
- Date
- 1839-09-28
- Page
- Seite 497 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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497 den. Diese Reden, so verschiedenartig sie auch im Bezug -auf ihren ästhetischen, logischen, rhetorischen und exegetischen Gehalt beurtheilt werden können, sind immer ein gutes Omen für die geistige Bildung dieser jungen Männer, als auch für die Bildung ihres Auditoriums. Niemand der den Verlauf des Studiums dieser Candidaten kennt, stände in Erwartung, daß sie Anfangs gleich etwas Vollkommenes und Gediegenes leisten werden. Denn, ob sie gleich ihre philosophische Studien beendiget hatten, so hatten sie doch weder Gelegenheit noch Muße über Theologie überhaupt, und der Püstoraltheologie, wovon die Homiletik ein integrirender Theil ist, etwas zu hören. Was sie leisten, müssen sie aus sich selbst schöpfen, sind also allesammt Autodidakten, und verdienen bei Beurtheilung ihrer Versuche alle Nachsicht und Schonung. In so lange nun diese Versuche in dem engen Zirkel ihres Auditoriums bleiben, verdienen sie zwar Belehrung und Zurechtweisung, aber, wie gesagt, mit Nachsicht und Schonung. Wagen sie es hingegen über die Schwelle ihrer Synagoge hinaus zu treten, und durch den Druck sich zu veröffentlichen und zu verbreiten, so verdienen sie die strengste Rüge und die größte Mißbilligung, weil sie dadurch die Arroganz ihrer Verfasser verrathen, als wollten sie sich als Muster aufstellen, und man kann ihnen mit Recht Zurufen: Si tacuisses, philosophus inansisses. Leider ist es dahin gekommen, daß jeder junge Mensch, der kaum die Schulen durchgelaufen ist, und einige Worte, wenn auch noch so gemein und ungereimt, noch so unästhetisch, unlogisch und unexegetisch, ja sogar undeutsch vor einer Dorfgemeinde gesprochen hat, seinen Wisch durch den Druck in die weite Welt hinein wirft, sich als Muster seinen Amtsbrüdern.ankündiget, und dem Publikum sein auch io son Dottore, obgleich oft zu seiner eigenen Schande, mit gellender Stimme ins Ohr schreiet. Bliebe es nun bloß bei der eigenen Schande dieses sich hervordrängenden und sich selbst prostuirenden eiteln Thoren, so könnte man es auf stch beruhen lassen. Aber leider wirft diese überhandnehmende Arroganz bei andern Glaubensgenossen ein schiefes Licht auf die Bildung und den Geschmack unserer ganzen Nation, weil sie dieselben nach den Ansichten ihrer Volkslehrer beurtheilen. Kommt noch hinzu, daß wie ein Berichterstatter in einem vielgelesenen Blatte über einen gewissen polygraphischen Predigeramts-Candidaten (der, beiläufig gesagt, auf seinem retrograden Weg allen Ballast, welchen die Vernunft, die Zeit und die Nothwendigkeit bei Seite geschafft hat, dem Volke wieder aufzuhocken strebt), bemerkt, daß von seinen Predigten, bloß in Berlin allein fast drittehalb hundert im Drucke erschienen find, als unübertreffliche Musterwerke der Beredsamkeit gelten, und ihr Verfasser ein Schl ei er mach er der Juden sek , so müssen wir ob solchen Lobhudeleien und Gasconnaden erröthen. Wohl haben wir gediegene Predigten von Salomon, Kley, Manheimer u. s. w. Diese aber sind Auswahl aus ihren durch mehr als zehn Jahre gehaltenen Predigten. Auch in Böhmen haben wir mehrere rühmliche Prediger, als z. B. Doktor Aachs in Prag, Rabbine Pick in Töplitz, die bereits durch zwei Jahre ihr Amt lobenswurdkg versehen, keiner derselben aber hat, ob sie gleich oft dazu aufgefordert wurden, etwas davon der Presse übergeben, weil ste dazu viel zu bescheiden sind. Müssen wir nicht den obenerwähnten a b c Schützen im Predigeramte mit dem Propheten Jeremias (18, 13) zu rufen: „ Erkundiget euch unter den Völkern, wer hat dergleichen gehört?" Bei den Christen, fforvot katholischer als protestantischer Confession, wird wenigstens die Woche einmal,, nämlich am Sonntag, in jeder Kirche, deren Anzahl auf Millionen zu schätzen ist, geprediget. Wären nun diese Predigten alle gedruckt worden, so hatten wir zwar Noth an Papier, dafür aber könnten wir unsere Wälder schonen, und diese Predigten würden uns mit hinlänglichen Brennstoff auf mehrere Jahre versehen. — Aber Bescheidenheit geziemt jedem gebildeten Menschen, und vorzüglich einem Volkslehrer oder Prediger. Besonders aber dem jungen Manne, der erst auf der Schwelle der Synagoge stehet, oder gar noch als Aspirant von der Ferne darauf hinblickt. Mit diesem könnte auch noch ein anderer Mißbrauch in Verbindung gebracht werden. Ich meine das Hervordrängen fast aller unserer jungem Predlgeramtscandidaten, sich das Doktorbarret aufzusetzen, um nicht nur als Philosophen, sondern sogar als Doktor der Philosophie vor der Welt zu paradiren. Hier konnte abermals der obenangeführte Zuruf des Propheten: „ Erkundiget euch unter den Völkern rc. angewendet. werden. Denn unter tausend katholischen Predigern wird man nicht einen, und unter eben so viel protestantischen kaum einen finden , der um den Doktortitel stch beworben habe, da er bei seiner Amtsführung sö wenig als bei der Amtsführung eines Rabbinen oder jüdischen Predigers erforderlich ist. Nur bei unserer Nation ist es in der neuern Zeit zur Mode geworden, daß jeder Predigecamts-Candidat ohne das Doktorbarret, wie ohne Schuhe und Strümpfe zu zeigen sich schämt. Es scheint dem Doktortitel bei den jüdischen Predkgeramts - Candidaten dasselbe Schicksal bevorzustehen, welches dem sonst gewöhnlichen Titel -dn und bevorgestanden ist, daß nämlich sie wegen ihrer Allgemeinheit, und weil ste für zwei bis vier Gulden bei jedem Rabbinen feil sind, 91»