Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 3 (1839)
- Issue
- Heft 91 (28.9.1839)
- Date
- 1839-09-28
- Page
- Seite 496 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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496 trübter Miene den klagenden Wanderer ansah, fuhr er Ln seiner Anrede fort: „Auch du, mein Sohn, wirst der Schwierigkeiten viele zu überwinden haben, dein Weg wird durch Dornengestrüpp gehen, doch du weißt, daß unsere Weisen sagen: „Hast du auch nur trocknes Brod zum Salze, ist das Wasser dir auch zugemessen und schläfst du auch auf hartem Boden und führst ein Leben voller Kummer, so sei des Herrn Gesetz doch.dein Streben." Die Welt wird dir ein Freudenmahl eröffnen, doch darfst du nicht als Jude an ihren reichbesetzten Tisch. Schimmer und Glanz werden selbst in den Prunksälen unsrer Reichen und Großen dein Auge blenden, aber du mußt vorübergehen und ihrer Thorheit spotten, wenn sie dir, dem demüthig Bittenden, nur eine Gabe reichen, damit du weiter im Gottesgesetz fortschrekten kannst. Und selbst um dieses Gottesgesetz wirst du viel dulden müssen. Die Sohlen deiner Fußbekleidung werden dir von den Füßen fallen, du mußt sie wieder aufheben und von neuem unbinden und weiter wandern, wenn du zu einem weisern Lehrer und Kenner des Gesetzes kommen willst; auch diese Lehrer werden dich aus ihren Thüren weisen, du mußt heißhungerig um die Almosen ihres Geistes flehen; du wirst dich nach dem Vaterherzen und nach der Mutter Armen sehnen, aber du mußt dein Sehnen bezwingen und das Verlangen nach Gotteslehre muß es überwältigen. Der Sabbat wird kommen, Tausende werden festlich geschmückt zum Tempel Gottes wallen, du wirst am Eingang in zerlumpten Kleidern stehen und ängstlich mit den Händen den schlechten Rock über deine Blöße schlagen, aber dein Auge darf nicht weinen und dein Herz darf nicht unmuthig werden; und wenn sie zurückkehren aus dem Tempel die Beter, ein Jeder in seine sabbatliche Wohnung, vergnügten Sinnes und heitern Blickes zieht ein jeder vor dir vorüber, du aber schleichst einsam und hungrig nack Hause, aber Gotteslehre muß deine Sabbatsspeise, Gottesglaube dein Festmahl werden. Und nimmt dich ja ein Mitleidiger mit nach Hause an seinen Tisch, du wirst sehen, wie sein trautes Weib ihm entgegen kommt und umhalset, seine Kinder freudevoll und jauchzend ihn begrüßen, die herrliche Tochter ihm das schöne Haupt ehrfurchtsvoll beugt und den Segen entgegennimmt, aber du stehst da ohne Familie, ein Fremdling unter Glücklichen, an die Ecke des Tisches gewiesen oder gar am einsamen Tische allein dein Brosam verzehrend, dennoch darfst du nicht wankend werden, und solcher Anblick häuslichen Glücks darf dich nicht weich machen, denn erwirbst du dir nur Weisheit, so wird die dein Glück sein und reichlich jene kleinlichen Freuden ersetzen. Und wenn gar die Liebe zur Jungfrau dein Herz beschleicht, du siehst sie vor dir das herrliche Gebilde, eine Tochter Israels, reich an Tugend und Schönheit, den Geist gebildet durch fremde Wissenschaft und zierende Kunst, eine nie gekannte Sehnsucht steigt auf in deinem Gemüthe, siehe, auch dann, Joseph, mußt du das Herz bezwingen. Du mußt sie ansehen können: und die Hand an's klopfende Herz halten, als wolltest du es zurückdrängen, du mußt ihren Hochzeitrekgen mit ansehen und an der Thür stehen unter den beschenkten Bettlern und hineinschauen in den prunkvollen Saal voll fröhlicher Gäste, wo alle dem Bräutigam Glück wünschen und Jungfrauen der Braut die grünende Myrthe reichen und das lockige Haar bekränzen. Still schleichst du dann zum Strohlager zurück, du wünschest dir den Tod, aber wenn die Sonne aufgeht, eilst' du doch zum Frühgebet und betest eifrig und thränenvoll für das Wohl der Geliebten. Bei diesen letzten Worten schien das Gefühl den Sprecher selbst zu überwältigen, es kostete ihm Mühe, den Redesatz zu vollenden, traurige Erinnerungen mußten in ihm aufsteigen, denn er preßte die Lippen an einander, stemmte sich mit den Händen auf den alten, knarrenden Tisch und schämte, eine Thräne im Auge, nach oben. (Fortsetzung folgt.) Theologie. Ein Wort an Rabbinats- und Prcdigtamts-Candidaten. Von Peter Beer-). Je höher ein Gegenstand in der Welt sich herausstellt, je mehr Werth er sich vindicirt, je einflußreicher er auf das allgemeine Leben einwirkt, und je öfter man davon Gebrauch macht, um so mehr und vielfältiger ec auch dem Mißbrauch unterliegt. Dieser uralte Erfahrungssatz hat sich auch bei den Rabbinats - und Predigeramts-Candidaten neuerer Zeit in seiner Vollständigkeit bewahrt. Kaum hat sich seit einem Decennium ein allgemeines Gefühl und Bedürfniß für Predigten in deutscher Sprache bei unserer Nation kund gethan, als schon die Zahl der Candidaten für dieses Amt sich häufte, und theils berufen und theils unberufen öffentliche Reden in den Synagogen hielten, welche schon des Reizes der Neuheit wegen, besonders von dem gemeinen Manne günstig ausgenommen wur- •) Uns wenige Wochen vor seinem Tode zugesandt. Redakt.