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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1839-09-28 · Heft 91 (28.9.1839) · p. Seite 495

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
3 (1839)
Issue
Heft 91 (28.9.1839)
Date
1839-09-28
Page
Seite 495 (sequence 7)
Language
German
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495 Belletristik. Die Wanderuilg durch's Leben. Eine Zeit-Novelle. (Fortsetzung.) 2. Was ist nicht beschwerlich auf dieser Welt! und mir kommt nichts beschwerlicher vor alS nicht Mensch sein dürfcn. Göthe, Götz von Beriichingen. Nichts wirkt erfrischender auf Körper und Meiste als die Frühluft eines schönen Wintermorgens, wenn das sanfte Licht des Mondes die edelsten Gefühle erweckt, wenn der kühle Ostwknd die Thatkraft im Menschen hebt, zumal in der Jugend, die ja auch oft ein Morgen ist, vom rauhen Eiswinde angehaucht und belebt, aber nicht erstarrt. Daher fühlte sich auch Joseph bald erheitert und in kurzer Zeit hatte er das Dorf und in ihm das Häuschen des wohlbekannten Bücherkramers Scheide! erreicht. Er trat in die offene Thür und sein künftiger Reisegefährte kramte unter einer Menge von Büchern, alle in jener Sprache geschrieben, die dem polnischen Juden noch heute seine zweite Muttersprache ist, obgleich.er ihre sanften Klange durch rauhere nordische Töne entfremdet hat. Scheidet suchte aus seinem, reichen Magazin Alles zusammen, was wol die deutschen Liebhaber dieser Literatur wünschen und kaufen würden. Er war, ohne sich dessen bewußt zu sein, ein wichtiger Mittler der Kultur, indem er die Produkte deutscher Glaubensgenossen, welche seit Kurzem erst von einem neuen Lichte der Aufklärung durchdrungen, ihre erworbenen Schätze realen Wissens in zierlicher neuhebraischer Sprache ihren stavischen Brüdern mittheilten, diesen zubrachte und dagegen wieder in Polens verarmten Gemeinden alte Bücher aufkaufte, die als Seltenheiten und Antiquitäten von deutschen und französischen Juoen erworben wurden. — Bei dem Geschäfte des Sortirens vergaß er denn auch seinen Gott nicht, denn er brummte dabei sein Morgengebet und sah bald voll Andacht zum Himmel, bald mit krauser Stirn auf ein Buch, in welchem einige Blätter fehlten oder mit heitrem Lächeln auf ein anderes, welches bei ihm bestellt war unb dessen Verkauf reichen Gewinnst versprach. Zuweilen schien aber dieses Lächeln selbst wehmüthig zu sein, wenn er ein Werk betrachtete, welches er selbst wol gern zur eignen Erbauung oder zum eifrigen Studium behalten hätte, wenn nicht die harte Nothwendigkeit den Verkauf erheischte; denn Scheidet war in seiner Art ein gelehrter Bücherkramer, er kannte den innern Werth seiner Waare, ja. der geistige Genuß, den ihm seine Schätze in den wenigen Wochen, die er während des ' Winters in seiner polnischen Hekmath zubrachte, gewährte, ging ihm weit über den spärlichen Erwerb seines Handels. Da saß denn der alte Jüngling, dessen schwarze ungeordnete Locken, über Stirn und Schlafen hangend, schon von grauen Frühboten des Alters durchzogen waren, innerhalb der rohen , ungesprügelten Wände seiner Kammer, den ganzen Wintertag bis spat in die Nacht und las so eifrig im „Führer der Irrenden" oder im „Schilde Davids" oder im „Wege des Lebens," daß.er des Sturmes, der der alten Lehmhütte den Umsturz dcohete, nicht achtete, daß ihn keine Sehnsucht nach der Bequemlichkeit eines üppigen Lebens im herrschaftlichen Schlosse da drüben beschlich, und nur zuweilen unterbrach ein Seufzer die Stille, wenn er des beschwerlichen Weges gedachte, der ihm im Frühjahre bevorstand. Auf den eintcetenden Jüngling achtete er weiter nicht, als daß er ihn, ohne sich stören zu lassen oder nur ein Wort zu sprechen, auf einen alten Lehnstuhl am Ofen hinwies, dessen zerrissenes Strohpolster wenig Gemächlichkeit versprach. Joseph folgte dem Winke. Scheidet schien jetzt mit Ausfuchen und Beten fertig zu sein, ein Theil der Bücher lag geordnet in einer Kiste, die der Fuhrmann nach der Abreise abholen sollte, die ausgesuchten waren in einem langen .Tragkorb gethan, der durch Hangeriemen vom Halse des Antiquars getragen werden sollte. Dieser wickelte jetzt seine Gebetschnüre zusammen, küßte sie und verbarg sie in ein seidnes Beutelchen und, nach einem Blicke zum Fenster hin» aus, wie weit wol der Morgen schon wäre, redete er den jungen Gefährten an. „Wir haben eine weite Reise zu machen,, mein Sohn,, und trete ich sie zwar heute schon zum einundzwanzigsten Male an, jedesmal ist mein Herz von trauriger Ahndung, erfüllt, denn fast noch nie habe ich sie ohne Mißgeschick zurückgelegt. Bald war der Ertrag meines Handels so gering,, daß ich das Brod zur Speise und den Rock zum Kleide nicht erübrigte, bald traf mich Krankheit, daß ich mich kümmerlich von Herberge zu Herberge schleppte, bald mußte ich Wochenlang im Gesangniß schmachten, weil man mich deS verbotnen Handels für verdächtig hielt, ein anderes Mal wurde mir mein Geld gestohlen, als mir gerade ein reichlicher Gewinnst einen gemächlichen Winter am heimischen Heerde versprach. Und nun die Ptakereien, die ich auf Polizeistuben und Bürgermeistereien zu erstehen habe, das Gespött heilloser Knechte in Gastzimmern und Dorfschenken,, die Neckereien der Gassenbuben auf Straßen und Märkten! ja, mein Sohn, groß wie das Meer ist die Wunde, klagt Jeremiah, die Wunde, die dem wandernden Israel geschlagen." Indem er sich nun vor Joseph hknstellte,. der mit be-

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