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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1839-09-28 · Heft 91 (28.9.1839) · p. Seite 494

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
3 (1839)
Issue
Heft 91 (28.9.1839)
Date
1839-09-28
Page
Seite 494 (sequence 6)
Language
German
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494 realisiren. Mau kann nur Negationen heranbringen, und zwar Negationen, die eben den Zustand bewirkten, aus dem man herauskommen will. Ich sage zu der Masse: du mußt die Gleichgültigkeit abwerfen, die dich drückt, du mußt dich wieder beleben und begeistern für den höhern Inhalt deiner Religion; du mußt die Streitigkeiten um einzelne Formen fahren lassen, um nur die Wesenheit der Religion zu wahren; du mußt das Iudenthum nicht in deiner Gemeinde allein, seinen Sitz nicht in deiner Synagoge allein annehmen, sondern in xiner großen geistigen Einheit; du mußt die Zeitsrageu beachten, und sie in dir in ihren Bezug zum Judenthume stellen; du mußt dir immer vergegenwärtigen, daß das Judenthum.einen tiefen, innern Äntheil hat an den Fragen und Aufgaben der Menschheit und Weltgeschichte, die zur Lösung gebracht werden müssen; du mußt die Bestimmung des Judenthums begreifen lernen, sie in ihrer ganzen Fülle umfassen; du mußt diese alsdann auf dein Leben und Wirken einwirken, es nach ihr sich gestalten lassen; du mußt dann diese in deine Pecsönlichkcss eindringen und sie erfüllen lassen; du mußt hinwiederum deine Persönlichkeit der Allgemeinheit unterstellen, und jene für diese wirken lassen; du mußt daher alle seine Institute mit Rath und That unterstützen, sie aufrecht erhalten oder begründen helfen, und Andere für gleiches Streben zu gewinnen suchen; mit solchen Gleichgesinnten mußt du in engsten Verband treten, um gemeinschaftlich für die religiös-moralische Hebung zu wirken; es müssen Besprechungen und Vereinigungen darüber gehalten. Vortrage angehöct und ein reges Leben überallhin und allseits angeregt und rege gehalten werden — Großes für Religion und Bürgerthum wird hieraus entspringen, viel des Guten, Verbindenden, Verbrüdernden, Erhaltenden und Schaffenden hieraus hervorgehen! -Ich sage zu den Vorstehern und Arresten der Gemeinden: Ihr habet nicht genug gethan, wenn Ihr die Gelder Eurer Gemeinden eingenommen und ausgegeben habet; nicht genug gethan, wenn Ihr ihre Rechtsfälle behandelt, und dann und wann eine äußere Repräsentation abgegeben habt; nicht genug, wenn Ihr selbst die Ordnung in der Synagoge aufrecht erhaltet, und spärlich für einige Andacht oder Anstand sorget; sondern Ihr müsset Bedenken, daß Ihr keiner bürgerlichen Korporation, sondern einer religiösen, also geistigen Genossenschaft vorstehet; daß Ihr demnächst für die religiöse Erziehung der Jugend, für die religiöse Bildung der Erwachsenen arbeiten müsset, durch Beispiel und Institutionen, belebendes Wort und belebende That; daß Ihr Eure Gemeinde für eine geistige Dildungsanstalt ansehet, in der das höhere Heil von einer steigenden geistigen Kultur und Blüthe abhängt; Ihr müßt also w.ichseim sein und rege, schaffen, was fehlt, bessern, was mangelhaft, erhalten, was gut ist; überall vorangehen, überall anspornen; Ihr müßt keine trägen Verwalter sein, die keine Rechenschaft zu geben haben; Ihr müßt Euch selbst für die nächst berufenen Träger des Judenthums schätzen, und Euch als solche ihm rüstig unterstemmen, und seinen Fall verhüten. Ich sage endlich zu den Lehrern der Gemeinden, welchen Namen sie auch tragen, Chacham öder Rabbine, Prediger oder Religionslehrer oder Religionsweiser: Eure größte Schmach wäre die Trägheit; Euer Nichtsthun, aus welchem Grunde es entspringe, ist Eure Schande und des Judenthums Verfall; von Euch hangt sein Leben, (nicht sein Dasein,) seine Erhebung, seine Würde und Achtung ab; ziehet Mannhaftigkeit an und Kraft; rüstet Euch mit des Wortes Beredtsamkeit, mit der Gedanken Tiefe und Klarheit, mit der Ueberzeugung Innigkeit, mit der Thatkraft Schärft, mit der Ausoaucr Macht aus; lasset das Schwanken und Wiegen, das Hin- und Hertaumeln und klügelndes Bedenken; vor Allem aber lasset den Eigennutz, vergesset die Persönlichkeit, und denket nur an das Judenthum; verfanget euch nicht in Förmlichkeiten, und verkleinert euch nicht durch den Kampf um Kleinigkeiten; sondern in der Wahrheit der Religion lebet und streitet, auf den höchsten Standpunkt stellet euch und erhebet eure Gemeinden zu euch; seied. bescheiden, liebevoll und freundlich, aber auch ernst und streng und achtunggebietend, wo es sein muß, wo es gilt; lasset die Parteiung, und wollet nur das Judenthum; in Euch muß die Zeit und das Judenthum identisizict, zurechtgelegt und in die höhere Einheit aufgegangen sein; in Euch muß alles Gute und Herrliche seinen Anhalt, seine Unterstützung, seinen Verfechter, seine lebendige Spitzehaben; in Euch muß die Religion eine sich immermehr vollendende Wahrheit sein, und als solche verkörpert in die Erscheinung treten; Ihr müsset Eure höhere Mission begriffen haben; Ihr müsset das Mißtrauen in Zutrauen, den Zweifel in Gewißheit, die Gleichgültigkeit in Liebe, das Schwanken kn Begeisterung verwandeln — welch' ein Werk! Nur durch ein solches vereinte Streben kann das Judenthum aus seiner Erschlaffung geweckt, und zu frischerm Leben befähigt werden, das sich in angemessenen Schöpfungen bethatigen würde. Nur mit solchen Kräften kann das neue Jahrhundert dem verffossenen nachhelfen, und das, was das Letztere eine Zeit lang versprach, zu glänzender Erfüllung bringen! (Folgt ein Schlußartikel.)

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